Von Carsten Volkery, London
Als Tony Blair 1998 die Wahrheitskommission zum "Bloody Sunday" einsetzte, sollte sie ein Jahr tagen und elf Millionen Pfund kosten. Es sollte keine große Sache werden, schließlich lag das Ereignis im nordirischen Derry Jahrzehnte zurück, und die Fakten waren allseits bekannt.
Der britische Premierminister sollte sich gründlich irren.
Erst an diesem Dienstag, zwölf Jahre später, legte die Kommission unter Leitung von Lord Saville ihren Abschlussbericht vor. Nahezu 200 Millionen Pfund waren dafür ausgegeben worden, unter anderem für ein ausgefeiltes 3-D-Computermodell der Straßenzüge von Derry. Es ist die längste und teuerste Untersuchung, die sich Großbritannien je geleistet hat.
"Verschwendung", schnaubten einige Konservative in London. Ein solcher Aufwand für den Seelenfrieden von 14 Familien. Doch es geht um viel mehr als das.
Tausende standen am Dienstag auf dem Platz vor der Guildhall in Derry und warteten gespannt auf die Veröffentlichung des Berichts. Das 5000-Seiten-Werk soll das letzte Wort sein - die Wahrheit über jenen 30. Januar 1972, als britische Fallschirmjäger in der zweitgrößten nordirischen Stadt das Feuer auf unbewaffnete Demonstranten eröffneten.
Der "blutige Sonntag" wurde zum Symbol des nordirischen Bürgerkriegs zwischen Protestanten und Katholiken.
"Weder gerechtfertigt noch zu rechtfertigen"
Vor allem sollte die Wahrheitskommission den einseitigen ersten Untersuchungsbericht vom April 1972 vergessen machen, mit dem die britische Regierung ihre Soldaten nach dem Massaker reinzuwaschen versuchte.
Die Wartenden in Derry wurden nicht enttäuscht. Kurz nach halb vier erschien auf den Großbildleinwänden das Gesicht von David Cameron. Der britische Premierminister stellte den Bericht im Unterhaus in London vor, aber seine Botschaft war an Derry gerichtet. Was an jenem Sonntag passiert sei, war "falsch", sagte der Regierungschef. "Es war weder gerechtfertigt - noch zu rechtfertigen."
Der Befehl, auf die Demonstranten zu schießen, hätte nie gegeben werden dürfen, fuhr der Premier fort. Es tue ihm "zutiefst leid".
Bei Camerons Worten brandete auf dem Platz riesiger Jubel auf. Tausende waren unterwegs - wie damals. Sie trugen Fotos der Erschossenen und feierten ihren Sieg, 38 Jahre nach dem traurigen Tag. "Das Warten hat ein Ende", sagte Mickey McKinney, dessen Bruder damals starb. "Das sind die Worte, auf die wir seit dem 30. Januar 1972 gewartet haben", sagte Tony Doherty, dessen Vater erschossen wurde.
Der Schlachtruf einer ganzen Generation
Insgesamt 27 Demonstranten waren damals getötet oder verletzt worden. Es war nicht der blutigste Tag in diesem Bürgerkrieg, der insgesamt 3700 Opfer forderte. Aber es war der Tag, an dem der Staat seine Bürger erschoss - manche mit erhobenen Armen, manche in den Rücken.
Eine neue Phase des Konflikts begann. Für viele Katholiken starb die Hoffnung, ihre Bürgerrechte durch friedlichen Protest durchzusetzen. Der "Bloody Sunday" wurde zum Schlachtruf für eine ganze Generation, die nun in die Terrororganisation IRA strömte und den "langen Krieg" gegen das Vereinigte Königreich begann.
Am Nachmittag jenes Sonntags 1972 waren rund zehntausend Demonstranten aus dem Katholikenviertel Bogside in Richtung Stadtmitte aufgebrochen. Sie protestierten gegen die Politik der Internierung, mit der die protestantische Regierung die Anführer des katholischen Widerstands ohne Prozess aus dem Verkehr zog. Aufmärsche waren damals verboten, aber die Demonstranten wollten sich das Recht auf freie Meinungsäußerung nicht nehmen lassen.
Als der Demonstrationszug an der Ecke der William Street eine Barrikade britischer Soldaten passierte, blieben 200 Demonstranten stehen und warfen Steine. Die Soldaten erwiderten zunächst mit Gummigeschossen, dann plötzlich schossen sie scharf. Zwei Demonstranten wurden verletzt. Kurz darauf eröffneten die Fallschirmjäger auch das Feuer in der nahen Rossville Street. Die Bilanz der mörderischen Dreiviertelstunde: 13 Tote, 14 Verletzte, von denen einer sechs Monate später starb.
Der Bericht, der versöhnen soll, reißt alte Wunden auf
Bis heute gab es mehrere Versionen, was sich damals zugetragen hatte. Die Soldaten hatten steif und fest behauptet, sie seien beschossen worden und hätten sich nur verteidigt. Auch wurde verbreitet, einige der Opfer seien bewaffnet gewesen. Diese Version fand sich auch im Regierungsbericht vom April 1972. Der damalige britische Premierminister Edward Heath hatte den Autor, Lord Widgery, zuvor eingenordet: "Vergessen Sie bitte nicht, dass wir in Nordirland nicht nur einen militärischen Krieg, sondern auch einen Propagandakrieg führen."
Zwar haben zwei Premierminister, John Major und Tony Blair, seitdem öffentlich eingeräumt, dass die Opfer unbewaffnet und damit unschuldig waren. Doch den Angehörigen reichte das nicht, sie bestanden auf einer offiziellen Untersuchung, die den Widgery-Bericht widerrief. Sie wollten die Wahrheit schwarz auf weiß.
Die Blair-Regierung erfüllte ihre Forderung - auch, um die nordirischen Katholiken zur Unterzeichnung des Karfreitagsabkommens 1998 zu bewegen. Der aufstrebende Richter Lord Saville wurde mit der Untersuchung beauftragt. Er nahm seine Arbeit sehr genau: 2500 Zeugen wurden befragt, Hunderte von Video- und Audiobändern ausgewertet. Einzelne Szenen vom Tatort wurden am Computer nachgestellt.
Savilles Schlussfolgerungen fielen nun eindeutig aus. Der erste Schuss sei von der britischen Armee abgefeuert worden, sagte Cameron bei der Vorstellung des Berichts. Die Soldaten hätten bewusst "Falschaussagen" gemacht. Keiner von ihnen habe auf Feuer aus den Reihen der Demonstranten geantwortet. Alle Opfer seien unschuldig gewesen. Es gebe "keinerlei Zweifel".
Die Scharte von Derry musste ausgewetzt werden
Die Augenzeugen in Derry, die das immer gesagt haben, dürfen sich nun bestätigt fühlen. Endlich sei der Widgery-Bericht auf dem Müllhaufen der Geschichte gelandet, jubelte Gerry Adams, Präsident der Katholiken-Partei Sinn Féin. Vertreter des britischen Militärs und der nordirischen Protestanten hingegen zeigten sich verschnupft. Man solle bedenken, welche Wirkung dieser Bericht auf aktive Soldaten habe, sagte der konservative Abgeordnete Patrick Mercer, der früher selbst in Nordirland gedient hatte.
Die Schlussfolgerung des Saville-Tribunals, das Handeln der Soldaten sei "nicht gerechtfertigt" gewesen, eröffnet nun den Raum für Klagen gegen einzelne Täter. Auch für ihre Falschaussagen könnten die Soldaten vor Gericht gezogen werden. Die nordirische Staatsanwaltschaft hat signalisiert, sie werde die Fälle im Einzelnen prüfen. Sehr wahrscheinlich erscheint eine Anklage aber nicht - auch die meisten Opferangehörigen haben signalisiert, sie wollten die Sache nun auf sich beruhen lassen.
In den vergangenen Tagen hatten mehrere britische Offiziere gewarnt, dass man für diesen Fall auch IRA-Täter wie Martin McGuinness vor Gericht sehen wolle. McGuinness, inzwischen Politiker von Sinn Féin und stellvertretender Chef der nordirischen Regionalregierung, war am Blutsonntag der zuständige IRA-Kommandeur in Derry. Laut Untersuchungsbericht trug er während der Demo eine Maschinenpistole bei sich - es gab aber keine Anzeichen, dass er sie benutzt hat.
So riss der Bericht, der versöhnen sollte, auch alte Wunden wieder auf. Cameron und McGuinness betonten jedoch, dass man weiter gemeinsam nach vorn schauen wolle. Es werde keine weiteren Untersuchungen der Vergangenheit geben, sagte Cameron. Der Friedensprozess soll ungestört weiterlaufen, das alte Spiel der gegenseitigen Vorwürfe nicht von vorn beginnen.
Die Scharte von Derry aber musste ausgewetzt werden - darin waren sich Regierung und Opposition in London an diesem Tag einig.
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