Nordjemen Leben in Trümmern und Staub

Immer neue Kriege haben den Nordjemen verwüstet. Hilfe kommt bisher nur sporadisch an, denn die geschundene Region ist kaum zugänglich. Jetzt konnte erstmals eine Delegation von Uno-Flüchtlingshilfswerk und EU die Gegend bereisen - und fand Kinderkrieger, Verzweifelte und Städte aus Staub.

Aus Saada berichtet

Alexander Smoltczyk

Die Kriege hier kamen wie die Jahreszeiten, und die Menschen gewöhnten sich daran, sie zu zählen wie Lebensjahre: der erste Krieg, der zweite, der dritte...

Der sechste Krieg im nördlichen Jemen war der schlimmste, weil er ein Land traf, das schon am Boden lag. Jede neue Runde war komplizierter als die vorige, rücksichtsloser, ausgefochten mit immer teureren Waffen. Der Konflikt wuchs an wie ein Geschwür, genährt von immer neuem Leid und immer vielschichtigeren Interessen.

"Was brauchen Sie?", fragt die EU-Kommissarin Kristalina Georgiewa einen hageren, zahnlosen Mann. "Hilfe", sagt der Mann.

Humanitäre Einsätze sind sehr einfach. Es fehlt an allem, an Wasser, Mehl, Medikamenten, Schulen und Kleidung, an Rechten, Brennstoff, Transport, Betten und Schatten. Alles ist willkommen. So einfach ist das. Eigentlich.

Eigentlich ist auch genügend Geld da. Die EU wird in diesem Jahr 19,5 Millionen Euro bereitstellen, das Flüchtlingswerk der Uno, das UNHCR, knapp zehn Millionen Dollar.

Es geht eigentlich nur darum, das Material dorthin zu bringen, wo es am dringendsten gebraucht wird.

Und das ist das Problem. "Wir brauchen Zugang, Zugang, Zugang", sagt Georgiewa. "Wir wissen am besten, wo die Not am größten ist", hat ihr der Gouverneur von Saada geantwortet. Bei ihm sei die Hilfe am besten aufgehoben.

Es herrscht ein Nicht-Kriegszustand - noch

Es ist das erste Mal, dass eine hochrangige Delegation sich in Saada umsehen kann. António Guterres ist der Chef des UNHCR, Georgiewa sein Pendant in der EU-Kommission. Es ist unüblich, gemeinsame Reisen zu machen. Doch die Lage im Nordjemen sei zu ernst, sagen sie, um sich an Üblichkeiten zu halten.

Die Delegation geht durch die Ruinen des Stadtzentrums von Saada. Die Verwüstung ist total, und ihr Anblick nur auszuhalten, weil zerstörte Lehmbauten dem Auge erträglicher sind als zerstörter Beton. Zumal, wenn überall Kinder zwischen den Lehmwänden spielen.

Strom kommt aus Generatoren, Wasser muss in Kanistern herangeschleppt werden. Und dennoch sind viele froh, hier hausen zu können. Außerhalb der Stadt sei die Situation noch ernster: "Die Unterernährung bei Kindern unter fünf Jahren ist dort schlimmer als in Darfur zu Beginn des dortigen Konflikts", sagt ein leitender Humanitärer. In manchen Gebieten gebe es seit fünf Jahren keine medizinische Versorgung.

Seit August 2010 herrscht in den Nordprovinzen des Jemen ein Waffenstillstand. Ein fragiler Nicht-Kriegszustand, der jederzeit wieder ausgeknipst werden kann. Die sechs Kriegswellen haben inzwischen zu viele Waffen ins Land gebracht, und zu viele haben ihre eigenen Interessen in dem Konflikt. "Wir müssen jetzt zeigen, dass Frieden Entwicklung bringt, sonst geht es wieder los", sagt die Kommissarin.

Die Regierung versucht, den Konflikt herunterzuspielen. "Die Huthis sind im Grunde nur eine Familie", sagt ein jemenitischer Diplomat, der die Gruppe begleitet. Kein Staat gibt gern zu, über weite Landesteile keinerlei Macht mehr zu haben. Kontrollposten markieren einen Zirkel von etwa sieben Kilometern um die Stadt. Jenseits davon beginnt eine kaum zugängliche Zone, in der sich die Zukunft des Jemen und damit der Region entscheiden könnte.

Freie Hand für den "Kampf gegen den Terror"?

Die Huthi sind ein Stamm der Haschemiten und damit Abkömmlinge des Propheten Mohammed. Ihre Religion, der Saidismus, ist eine Form der Schia, aber in Riten dem Sunnismus sehr ähnlich. Jedenfalls beten Huthis und Sunniten in denselben Moscheen.

Ihr Anliegen ist aber kein religiöses: "Die Huthi fühlen sich von der Zentralregierung vernachlässigt. Sie wollen vor allem Entwicklung", sagt Georgiewa.

Verschärft wurde der Konflikt, weil der mächtige Nachbar Saudi-Arabien die Huthis der Nähe zu Iran verdächtigte und versuchte, die eigene Religionslesart, den strenggläubigen Wahabismus, zu verbreiten.

Und die Regierung in Sanaa tat alles, die rebellischen Huthis als Parteigänger der al-Qaida darzustellen, um im Konflikt freie Hand für den "Kampf gegen den Terror" zu bekommen.

Der Krieg um Saada "hat zwei grundlegende Säulen von Jemens Stabilität verletzt: jene politische Formel aus Teilung der Macht und der allmählichen Annäherung zweier religiöser Identitäten", schreibt die International Crisis Group in ihrer aktuellen Analyse.



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insgesamt 10 Beiträge
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Seite 1
hilfloser, 31.01.2011
1. Mann muß
"Wir sind vor allem eines: Ressource", sagt der schwedische Ingenieur Lennart Hansson von der UNHCR. Die Dienste hätten ihm seinen Platz auf der Qaida-Entführungs-Wunschliste mitgeteilt: "Ziemlich weit oben." schon unter einem SEHR ausgeprägtem Helfersyndrom leiden wenn man sich dieser Gefahren aussetzt. Wenn das Kind dann in den Brunnen gefallen ist wird laut nach konsularischer und westlicher Hilfe geschrien. Warum muß man immer und überall Hilfe leisten wenn absehbar ist das diese im Sand versickert wie die Regentropfen in der Wüste. Helfen wo es Sinn macht, ansonsten die Leute ihre Sachen selbst regeln lassen! Jetzt kommen gleich wieder die unverbesserlichen Gutmenschen mit ihrem "Wert eines jeden einzelnen Menschen" Gesabbel. Wenn der genannte Ingenieur zugeben würde er wäre vor Ort weil er dort einen Haufen Geld verdient, ist das ehrlich und verständlich. Aber soetwas wird man natürlich nicht hören. Alles so verlogen.
poitiers732 31.01.2011
2. Immer das Gleiche
"Die Krieger im Raum kauen Kat und haben ihre Kalaschnikows in den Schoß gelegt." Nachdem ich diesen Satz gelesen hatte, verschwand meine Empathie auf Nimmerwiedersehen. Dürfen wir, nachdem dorthin weitere Millionen geflossen sind, dann lesen: "Die Krieger zeigten uns stolz ihre neuesten panzerbrechenden Waffen"?
karmamarga 31.01.2011
3. Der Friede fängt im Inneren an
Zitat von sysopImmer neue Kriege haben den Nordjemen verwüstet. Hilfe kommt bisher nur sporadisch an, den die geschundene Region ist kaum zugänglich. Jetzt konnte erstmals eine Delegation von Uno-Flüchtlingshilfswerk und EU die Gegend bereisen - und fand Kinderkrieger, Verzweifelte und Städte aus Staub. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,742048,00.html
und sich kann niemals auf ein Gemenge von religiösen und clangebundenen Gerechtigkeiten, die sich jeder politisch zu seinen selbstsüchtigen Vorteilen zu eigen machen kann gründen. Bevor man wirklich helfen kann müssen die Menschen Mitleid mit sich selber haben. Zum Beispiel auch, indem man Juden nicht umbringt, nur weil sie anders Gläubige sind und ein Mord oder Ausrottung ganzer Familien billig ist. Ich denke, inzwischen haben alle Juden das Land verlassen, aber das gehört auch zur Geschichte des Islam und dieses Landes. Von mir gibt es nichts mehr. Auch keine Mittel zur Hilfe zur Selbsthilfe, es sei denn gezielt persönlich. Aber dazu werde ich keine Gelegenheit haben, weil ich diese Länder nicht betrete. Schon die Türkei wegen der Verletzung der Menschenrechte nicht. Und die gezielte persönliche Hilfe über einen offiziellen Weg, die der einzige Weg wäre in meinen Augen, auch das geht nicht in diesen Ländern . Ich wollte einmal für ein Kind im Gazastreifen die Patenschaft übernehmen. Ich hätte bezahlen dürfen, aber niemals fragen, wo das Geld hingeht und wie die Bildung aussieht. Und Waffen und "Widerstand" wollte ich dann doch nicht finanzieren. Tut mir leid. Ich habe alle diese Länder aufgegeen. Sie müssen zum Menschsein finden durch eine ganze Menge Korrekturen, zu denen ihnen die eigene Religion schon im Ansatz das Denken verbietet. Es ist ein Drama, was sich da abzeichnet und alle Politik von aussen, wie immer, liegt falsch. Ich erinnere an Somalia.
hansulrich47 31.01.2011
4. Diese Gutmenschen sind so zum Kotzen!
Zitat von hilfloser"Wir sind vor allem eines: Ressource", sagt der schwedische Ingenieur Lennart Hansson von der UNHCR. Die Dienste hätten ihm seinen Platz auf der Qaida-Entführungs-Wunschliste mitgeteilt: "Ziemlich weit oben." schon unter einem SEHR ausgeprägtem Helfersyndrom leiden wenn man sich dieser Gefahren aussetzt. Wenn das Kind dann in den Brunnen gefallen ist wird laut nach konsularischer und westlicher Hilfe geschrien. Warum muß man immer und überall Hilfe leisten wenn absehbar ist das diese im Sand versickert wie die Regentropfen in der Wüste. Helfen wo es Sinn macht, ansonsten die Leute ihre Sachen selbst regeln lassen! Jetzt kommen gleich wieder die unverbesserlichen Gutmenschen mit ihrem "Wert eines jeden einzelnen Menschen" Gesabbel. Wenn der genannte Ingenieur zugeben würde er wäre vor Ort weil er dort einen Haufen Geld verdient, ist das ehrlich und verständlich. Aber soetwas wird man natürlich nicht hören. Alles so verlogen.
Es ist beruhigend, ab und zu tragen die selbsternannten Helfer so dick auf, daß es jedem klar wird, so ist nicht wirklich zu helfen. Unsere deutsche "Entwicklungshilfe" für den Jemen soll ja im Brunnenbohren bestehen, sie erleichtert den Anbau von Kat. Hauptsache die Herren Helfer haben zu tun! Ein guter Mensch zu sein ist soo befriedigend!
gunman, 31.01.2011
5. Na und ?
Es muß immer erst noch viel schlimmer kommen, bevor es besser wird. Europa hat es vor gemacht. Der Untrschied, heute gucken wir hunaitär betroffen, medial gesteuert zu. Ich lerne dabei allerdings gerade wegzugucken. Und ja, es ist mir egal, wer gerade wen im Jemmen umbringt und der SPON-Artikel sagt auch nicht wirklich was dazu.
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