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Nordkorea: Berichte über Giftgas-Versuche in Straflagern

Testet Pjöngjang Chemiewaffen an politischen Gegnern? Eine BBC-Dokumentation berichtet über Gaskammern in einem nordkoreanischen Straflager. Ganze Familien sollen dort zu Versuchszwecken qualvoll umgebracht worden sein.

Satellitenaufnahme des Straflagers Nr. 22 in der nordkoreanischen Provinz Hoengjang
REUTERS/Courtesy of DigitalGlobe

Satellitenaufnahme des Straflagers Nr. 22 in der nordkoreanischen Provinz Hoengjang

Hamburg - Nordkorea soll nach einem Bericht der BBC tödliche Giftgas-Experimente an Gefangenen durchgeführt haben. Das behauptet ein nordkoreanischer Augenzeuge in einem Dokumentarfilm, den der britische Fernsehsender am Sonntag ausgestrahlt hat. Der Mann, der behauptet Ex-Agent Pjöngjangs zu sein und sich in dem Film Kwon Hyok nennt, sagte, er sei 1999 von seinem Posten in der chinesischen Hauptstadt Peking nach Südkorea. Er beschreibt in dem Film detailliert eine Gaskammer im Gefangenenlager Nr. 22.

Bis 1993 habe er als Sicherheitschef des Camps in der abgelegenen Region Haengjong nahe der russischen Grenze fungiert. Dort sei er Zeuge geworden, wie eine vierköpfige Familie - die Eltern, ein Sohn und eine Tochter - in einer dreieinhalb mal drei Meter großen Kammer vergast worden sei. Die Zelle sei aus Glas gewesen, damit Wissenschaftler den Todeskampf der Opfer beobachten konnten. Die Experimente hätten der Entwicklung von Flüssiggas für Chemiewaffen gedient. Die Häftlinge in Haengjong seien wie "Schweine und Hunde"; behandelt worden, so der Zeuge: "Man konnte sie töten ohne sich darüber Gedanken zu machen."

 Paradierende Truppen in Nordkoreas Hauptstadt Pjöngjang
REUTERS

Paradierende Truppen in Nordkoreas Hauptstadt Pjöngjang

Das Leben der Gefangenen habe keinerlei Wert gehabt. Er selbst habe in den ersten drei Jahren als Lageraufseher an Folterungen teilgenommen und daran Spaß gehabt. Satellitenaufnahmen von Lager 22 aus dem vergangenen Jahr zeigen ein mehrere Hektar großes Barrackenareal, das von einem rund drei Meter hohen Stacheldrahtzaun sowie Fallen und Minenfeldern umgeben ist. Unterstützt werden die Aussagen des Überläufers nach BBC-Angaben durch Unterlagen, die dem koreanischen Menschenrechtsaktivisten Kim Sang-hun zugespielt wurden.

Die als "streng geheim" klassifizierten Dokumente, die mit "Überstellungsverfügung" überschrieben sind, stammen nach Kims Angaben von einem Gefangenen, der sie bei seiner Flucht aus Lager 22 mitgehen ließ. Ihr Inhalt lautet: "Die oben genannte Person ist von Lager 22 für Experimente am lebenden Menschen mit Flüssiggas für chemische Waffen überstellt."

Das Straflager Nr. 22 liegt in der Nähe Grenze zu Russland (auf der Karte ganz oben rechts)
DER SPIEGEL

Das Straflager Nr. 22 liegt in der Nähe Grenze zu Russland (auf der Karte ganz oben rechts)

Ein von der BBC befragter, aber nicht namentlich genannter Londoner Korea-Experte konnte in den Dokumenten keine Fälschungen erkennen. Auch der Ex-Sicherheitschef bestätigte die Praxis der Überstellung mit entsprechenden Papieren: "Wenn wir sie zu der Stelle hinbrachten, erhielten wir eine Überstellungsverfügung." Bei der deutschen Sektion von Amnesty International, die im Januar einen Bericht über die Unterdrückung Andersdenkender veröffentlicht hat, liegen derzeit keine gesicherten Erkenntnisse über Menschenversuche mit Gas oder anderen Chemiewaffen in nordkoreanischen Straflagern vor.

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