Kim Yo Jong in Südkorea Die mächtige Schwester des Diktators

Nordkoreas Machthaber Kim Jong Un schickt seine Schwester zu den Winterspielen - der Süden wertet das als Zeichen der Annäherung. Kim Yo Jong ist eine enge Vertraute des Herrschers.

DPA

Von , Seoul


An diesem Freitag wird Geschichte geschrieben. Dann, so der Plan, betritt zum ersten Mal seit der Teilung Koreas wieder ein Mitglied der Kim-Dynastie südkoreanischen Boden. Ein Privatjet bringt 16 Politiker und drei Journalisten aus dem Norden auf das Gelände des Incheon Flughafens von Seoul. Teil der hochrangigen Delegation ist auch Kim Yo Jong, die jüngere Schwester des Machthabers Kim Jong Un.

Im Süden hatte bis zur offiziellen Ankündigung am Mittwoch niemand mit ihrem Besuch gerechnet. Man freue sich, heißt es in einer Reaktion aus dem Blauen Haus, dem Sitz des südkoreanischen Präsidenten Moon Jae In. Die Entsendung von Kim Yo Jong zeige, wie ernst es Kim Jong Un mit einer gemeinsamen Annäherung sei. Tatsächlich ist die etwa 30-Jährige (über ihr Geburtsdatum gibt es widersprüchliche Informationen) wohl die einzige, über die direkte Botschaften mit dem Diktator im isolierten Norden ausgetauscht werden können.

Kim Yo Jong ist die jüngste Tochter des verstorbenen Machthabers Kim Jong Il. Dieser nannte sie "Prinzessin Yo Jong" - hatte seine Tochter bei aller Schwärmerei aber auch schon früh für eine politische Karriere vorgesehen. In den Neunzigerjahren schickte er sie zusammen mit Kim Jong Un auf eine Schule in der Schweiz. Dort lebte sie in Bern unter falschem Namen, strenger Überwachung und extremen Vorsichtsmaßnahmen. So kursiert die Geschichte, sie sei bei einer einfachen Erkältung schon ins Krankenhaus geschickt worden.

Viel mehr ist über ihre Jugend nicht bekannt, auch nach der Rückkehr nach Nordkorea (2000 oder 2001) blieb sie im Hintergrund. Doch jenseits der Öffentlichkeit, so Beobachter, wurde Kim Yo Jong für ihre kommenden Aufgaben im Dienste des Regimes geschult.

Bis heute stehen sich die beiden Kim-Geschwister offenbar sehr nahe. Auf gemeinsamen Bildern sieht man die junge Frau oft gelöst neben dem Machthaber - andere Politiker und Militärs wirken in seiner Gegenwart hingegen oft angespannt und halten sich bedeckt.

Erst vor wenigen Monaten beförderte sie der Bruder ins Politbüro. Zuvor war Kim Yo Jong einflussreiche Vizedirektorin der Propagandaabteilung gewesen. Dabei gehörte es zur Jobbeschreibung, Kim Jong Un möglichst vorteilhaft zu inszenieren - das könnte auch jetzt bei ihrem Besuch in Südkorea auf der To-do-Liste stehen.

Botschaften des Bruders

Bei den Olympischen Winterspielen in Pyeongchang wird sie zum ersten Mal offiziell als Politikerin international in Erscheinung treten. Am Freitagabend besucht sie die Eröffnungsfeier. Davor steht ein Empfang auf dem Programm, bei dem die hochrangigen Politiker aus Nordkorea unter anderem auf den US-amerikanischen Vizepräsidenten Mike Pence treffen könnten. Der hatte gerade erst "aggressivste Sanktionen" gegen das Regime angekündigt.

Einen Tag später, am 10. Februar, wird Kim Yo Jong zusammen mit dem protokollarischen Staatsoberhaupt Nordkoreas, Kim Yong Nam, das Blaue Haus besuchen. Das hat die südkoreanische Präsidentschaft in Seoul inzwischen bestätigt. Koreanischen Medienberichten zufolge wird sie bei der Gelegenheit Präsident Moon einen Brief ihres Bruders überreichen.

Wahrscheinlich werde Kim darin die dritten offiziellen Gespräche zwischen dem Norden und dem Süden anbieten, schreibt die Tageszeitung "Kookmin Ilbo". Eine andere Möglichkeit sei, dass sie Botschaften Kim Jong Uns übermittle, aber auch selbst Gespräche führen werde. In jedem Fall werde der Schwester-Auftritt in Seoul enorm wichtig für den weiteren politischen Kurs der beiden Nachbarstaaten.

Propaganda statt Abrüstung?

Denn einen besseren Partner für mögliche Verhandlungen könnte sich der Süden kaum wünschen. Koh Yu Hwan von der Dongguk Universität in Seoul sagte der Nachrichtenagentur AP, Kim Jong Un vertraue niemandem mehr als seiner kleinen Schwester. "Mit jedem anderen Abgesandten hätte man höchstens jemanden bekommen, der die Befehle Kim Jong Uns einfach nur ausführt", sagt Hong.

"Aber mit Kim Yo Jong sitzt da eine Gesprächspartnerin, die eng in die Politik des Regimes eingebunden ist und der der Machthaber tatsächlich zuhört." Das Blaue Haus plant einen besonders warmen Empfang für die Gäste aus dem Norden - auch wenn der südkoreanische Geheimdienst jeden Schritt der Delegation eng überwachen wird.

Nicht zuletzt soll ihre Entsendung auch mit der persönlichen Fehde zwischen Kim Jong Un und US-Präsident Donald Trump zusammenhängen. Das mutmaßen zumindest koreanische Medien. Kim wolle mit Trump gleichziehen, heißt es dort - der schickt ebenfalls eine mächtige Angehörige nach Pyeongchang: Seine Tochter Ivanka wird zur Abschlussfeier der Olympischen Spiele erwartet. Kim Yo Jong wird dann schon lange wieder weg sein - der Privatjet fliegt am 11. Februar zurück nach Nordkorea.

Mitarbeit: Suhwa Lee

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