Nordkoreas Sonderwirtschaftszone Kaesong: Angst um die letzte Festung des Friedens

Industriepark Kaesong: Letztes Band zwischen Nord und Süd Fotos
REUTERS

Kim Jong Un hat den Kriegszustand mit Südkorea ausgerufen - und droht, den Industriepark Kaesong zu schließen. In dieser Sonderzone an der Grenze produzieren 120 südkoreanische Firmen zu Billiglöhnen, Nordkorea bringt das Devisen. Ein Aus für die Kapitalisten-Oase wäre eine gefährliche Eskalation.

Pjöngjang/Seoul - Kims Drohmaschinerie läuft in diesen Tagen wieder besonders hochtourig. Zusätzlich zur jüngsten Kriegsrhetorik - Nordkorea rief den Kriegszustand mit dem Süden aus - hat das Regime in Pjöngjang auch angekündigt, man könne den Industriepark von Kaesong schließen. Er wird gemeinsam mit Südkorea in der Grenzstadt gleichen Namens betrieben. Kaesong ist die fünftgrößte Stadt im Norden der geteilten Halbinsel.

Billige Arbeitskräfte für den Süden, Deviseneinnahmen für den Norden, das ist seit gut zehn Jahren der Deal in Kaesong. Wird der Norden nun davon abrücken? Ein nordkoreanischer Kaesong-Sprecher sagte am Samstag, die Feststellung des Südens, die Sonderwirtschaftszone diene dem Regime in Pjöngjang zum Devisenerwerb, verletze "ernsthaft unsere Würde". Wenn sich Südkorea weiter so verhalte, werde der Komplex geschlossen.

Tatsache sei, "dass die südkoreanischen kleinen und mittelgroßen Unternehmen vom Industriekomplex profitieren". Die Zukunft von Kaesong hänge nun "vollständig" von Südkoreas Verhalten ab, hieß es weiter.

Die südkoreanische Regierung bezeichnete die Drohung als "nicht hilfreich" angesichts der bereits angespannten Beziehungen.

Sollte Pjöngjang seine Drohung wahrmachen, wäre dies eine weitere Eskalation. Denn trotz der zunehmenden Spannungen ließ das kommunistische Land bisher weiter südkoreanische Pendler nach Kaesong ein- und ausreisen. Tag für Tag, außer sonntags, überqueren Hunderte Südkoreaner auf dem Weg in den Industriekomplex die Grenze. Auf dem weithin abgeschirmten Gelände arbeiten mehr als 50.000 Arbeiter aus Nordkorea für 123 südkoreanische Unternehmen.

Es ist eine seltsame Symbiose beider Staaten, die sich sonst so unversöhnlich gegenüberstehen. Im Schnitt verdienen die nordkoreanischen Fabrikarbeiter umgerechnet gut 130 US-Dollar im Monat. Davon behält das Kim-Regime sogar noch einen Teil ein. In den vergangenen Jahren hatten die Vereinten Nationen immer wieder eine Untersuchung der Arbeitsbedingungen gefordert.

Seit dem Jahr 2004 entstehen in der 66 Quadratkilometer großen Wirtschaftszone vor allem einfache Produkte: Kleidung, Schuhe, Plastikuhren. Südkorea will durch die niedrigen Lohnkosten insbesondere mit China konkurrieren können.

Für das isolierte Regime in Pjöngjang ist die Wirtschaftszone einer der wenigen Devisenbringer. Auch von den Sanktionen der Uno gegen Nordkorea ist das Areal weitgehend ausgenommen.

Ansonsten kaum Handelsbeziehungen

Die Industriezone ist für die überschaubaren Handelsbeziehungen beider Länder von großer Bedeutung. Laut Südkoreas Nachrichtenagentur Yonhap erreichte das Handelsvolumen der verfeindeten Nachbarn im Jahr 2012 den Rekordwert von 1,97 Milliarden Dollar. Südkoreanische Waren im Wert von 896 Millionen Dollar wurden in den Norden verschickt. In entgegengesetzter Richtung waren es 1,07 Milliarden. Der Warenverkehr lief fast komplett über Kaesong.

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Konflikt mit Südkorea: Kriegsrhetorik aus Pjöngjang
Bei einer Schließung könnten Hunderte südkoreanische Arbeiter und Manager in der Falle sitzen. Die Regierung in Seoul betonte, sie werde die Sicherheit der nach Kaesong pendelnden Südkoreaner garantieren - wie die passieren solle, sagte sie aber nicht.

Für Hunderte Südkoreaner, die in Kaesong vor allem in leitenden Posten tätig sind, hat sich trotz der Spannungen bisher wenig an ihrem Pendlerleben geändert. Der Unternehmer Park Heung Jin etwa lässt in der Industriezone Schuhe herstellen. Er sagte: "Man könnte meinen, dass viele Südkoreaner Angst vor Übergriffen oder Geiselnahmen haben. Aber die Leute hier wissen, wie wichtig Kaesong für Nordkorea ist. Deshalb haben sie Vertrauen."

Dass Pjöngjang die Drohungen wahrmacht, gilt deshalb als fraglich - die Regierung dürfte sich mit einer Schließung des Industrieparks selber schaden. "Kaesong ist die letzte Festung. Wenn diese geschlossen wird, ist auch das letzte Band zwischen Norden und Süden zerschnitten", sagte Park Soo Jin von der Regierung in Seoul kürzlich.

Die Zusammenarbeit in Kaesong könnte aber dadurch beeinträchtigt werden, dass Nordkorea am Mittwoch die militärischen Kommunikationswege nach Südkorea gekappt hat. Dieser heiße Draht war von Südkorea täglich dazu genutzt worden, die Namen derjenigen Angestellten mitzuteilen, die aus dem Süden über die Grenze nach Kaesong gingen.

wbr/itz/jok/dpa/Reuters/AFP

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insgesamt 59 Beiträge
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1. Kann NK auf die Deviseneinnahmen verzichten ?
eckawol 30.03.2013
Oder ist die Führung von NK mittlerweile so verblendet, dass sie die Orientierung völlig verloren hat?
2. Also...
jjh76 30.03.2013
...um diesen Auswuchs des Kapitalismus wäre es jetzt nicht so schade! Jeden Tag Horrorstories über das "kommunistische Reich des Schreckens" verbreiten, aber sich an den nordkoreanischen Sklaven auch noch bereichern - ekelhafter geht es ja wohl nicht mehr. Wahrscheinlich tauchen gleich wieder ein paar Leute auf, die erzählen, dass die Nordkoreaner ja froh sind für 130 Dollar im Monat minus Kim-Steuer zu arbeiten. Dieselbe Fraktion, wie der deutsche "Unternehmer" über den SPON mal vor einiger Zeit berichtete, dem Polen und Rumänen noch zu teuer und aufsässig waren und der sich lobend über die billigen und willigen nordkoreanischen Programmierer äußerte, die er für ein Brot ohne Butter bekam. Es ist einfach nur noch abstoßend. Wenn Kim III. den Laden dicht macht, dann natürlich nicht aus menschenfreundlichen Gründen, aber er tut gut daran!
3. Cool bleiben oder ein Zeichen setzen?
brandtner 30.03.2013
Südkorea könnte den erneuten Schwall heißer Luft geflissentlich ignorieren. Im Grunde ist es auch das einzige, was gegen das Rumgezeter eines Kleinkindes nützt. Man könnte aber auch ein deutliches Aufrufungszeichen setzen und den Grenzverkehr einstellen. Wäre ein schönes Zeichen an Kim Krach Bumm. Viele mittlere und kleine Unternehmen würden zwar dadurch bluten müssen, aber so groß wäre der Verlust auch wieder nicht - vor allem, wenn Südkorea betroffenen Unternehmern z.B. eine vorübergehende Ausgleichszahlung anbietet. Nach ein paar Wochen kann man wieder alles laufen lassen, wie bisher. Es bleibt spannend!
4. Wie es aussieht kann es vielleicht mehr als nur
anonym187 30.03.2013
zur Worte kommen... wenn es zum Gefecht kommt, dann Gott bewahre uns einen Nuklearkrieg! Es kann nicht sein, dass die USA immer auf Stur macht und keine weitere Schritte für den Diplomatischen Weg einschreitet! Es ist nun an der Zeit rechtzeitig zu handeln und die Kalte Eiszeit auch kurz zu halten! Nur wirtschaftliche und diplomatische Abkommen bringen uns tatsächlich mit den Nord Koreaner uns weiter! Alles andere ist absurd und unverantwortlich!
5.
Onkel_Karl 30.03.2013
Zitat von sysopKim Jong Uns Regime hat den Kriegszustand mit Südkorea ausgerufen - und droht damit, den Industriepark Kaesong zu schließen. In dieser Sonderzone im Norden haben sich Dutzende südkoreanische Firmen angesiedelt, der Handel bringt dem Norden wichtige Devisen. Wie ernst sind die Drohungen? Nordkorea droht mit Schließung des Industrieparks Kaesong - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/politik/ausland/nordkorea-droht-mit-schliessung-des-industrieparks-kaesong-a-891786.html)
Hoffentlich ist diese Propaganda von Kim Jong an eigenes Volk gerichtet und nicht wirklich gegen Süd Korea. Kim Jong will als starker Mann in Nord Korea angesehen werden und diese Drohungen gehören zu seiner PR,doch wenn der verrückte wirklich Süd Korea angreifen wird und das ist nicht sehr unwahrscheinlich,sie haben vor paar Jahren eine Insel Süd Koreas beschossen,dann wird es brenzlich. Aber Washington muss auch seine Handlungen hinterfragen,denn dieses armes Volk das in der Steinzeit lebt mit noch grösseren Sanktionen zu belegen ist auch nicht sehr human. Ja okay Kim Jong hat Atomtest durchgeführt aber deswegen muss man nicht so reagieren,er hat USA und Süd Korea vorgewarnt und ganze Welt wusste es. Er hat bei seinem Antritt von Veränderungen gesprochen und von Annäherung an Süd Korea und was macht man,na ganz einfach man provoziert ihn mit Manövern und zwingt ihn zu reagieren. Die Eskalation haben andere provoziert und zwar gewollt,jeder in der Welt weiss dass Nord Korea niemals in der Lage ist etwas ausser Süd Korea anzugreifen,ihre Raketen brechen in der Luft auseinander,wäre es nicht besser einen Schritt auf den jungen Führer zu zugehen,anstatt ihn zu provozieren,dann wäre die Welt auch sicherer.
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Fläche: 122.762 km²

Bevölkerung: 24,346 Mio.

Hauptstadt: Pjöngjang

Staatsoberhaupt:
Kim Il Sung (obwohl bereits 1994 verstorben);
Protokollarisches Staatsoberhaupt: Kim Yong Nam;
"Oberster Führer": Kim Jong Un

Regierungschef: Pak Pong Ju

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