Interview mit Tänzerin Waren Sie in Nordkorea glücklicher, Frau Choi?

Choi Shin A lebte privilegiert in Nordkorea, sie tanzte im Dienste des Regimes - bis sie floh. Hier erzählt sie über ihren früheren Alltag. Und ihre Tochter, die sie zurückließ.

Choi Shin, Art Director bei Raon Entertainment
Suhwa Lee

Choi Shin, Art Director bei Raon Entertainment

Ein Interview von , Seoul


Immer lächeln, dazu den Oberkörper und die Beine grazil und synchron zu den anderen Frauen bewegen: So zeigten sich die Frauen des Samjiyon Orchesters am vergangenen Sonntag auf einer Bühne in Seoul. Hinter ihnen waren Dutzende Musiker aufgereiht, dazu ein Dirigent im weißen Smoking.

Das Ensemble aus Nordkorea war von Kim Jong Un anlässlich der Olympischen Winterspiele in Pyeongchang entsandt worden. Genauso wie die "Armee der Schönheiten" und ein Taekwondo-Demonstrationsteam sollen sie den Fokus der Weltöffentlichkeit auf die nordkoreanische Kultur lenken.

Im Publikum stand auch Choi Shin A.

Die 48-jährige Tänzerin gehörte früher selbst zu den Künstlern des Regimes, die sie nun vor sich im Scheinwerferlicht in Südkorea sah. Über China war Choi vor sechs Jahren nach Südkorea geflohen, hier lebt sie nun nahe der Hauptstadt. Die grazilen Bewegungen einer Tänzerin hat sie immer noch, wenn sie beim Sprechen gestikuliert. Rutscht ihr versehentlich ein nordkoreanisches Wort heraus, lacht sie verlegen und schlägt sich mit der Hand vor die Stirn. Richtig angekommen ist sie immer noch nicht in Südkorea.

SPIEGEL ONLINE: Frau Choi, wie war es, das Orchester der nordkoreanischen Regierung in Seoul auf der Bühne zu sehen?

Choi: Ich habe mich sehr gefreut, die Menschen aus meiner Heimat hier zu sehen. Ich war mir nicht sicher, ob ich jemals wieder Nordkoreaner treffe. Einige der Künstlerinnen kannte ich noch von früher, sie waren wie Schwestern für mich.

SPIEGEL ONLINE: Das klingt sehr emotional.

Choi: Am Anfang war es das gar nicht. Aber dann haben sie ein Video im Hintergrund gezeigt, auf dem weiße Wolken zu sehen waren. Da habe ich mir vorgestellt, ich könnte auf eine der Wolken steigen und wieder nach Hause fliegen. Da musste ich anfangen zu weinen. Allein bei dem Gedanken daran kommen mir schon wieder die Tränen.

SPIEGEL ONLINE: Was vermissen Sie?

Choi: Ich habe noch Familie in Nordkorea, meine 13-jährige Tochter ist dort, meine Eltern und meine Geschwister. Meine Mutter ist jetzt 83 Jahre alt. Ich glaube nicht, dass ich sie jemals wiedersehen werde. Ich habe sie vor fünf Jahren anrufen können. Da hat sie mir gesagt, ich soll mein neues Leben genießen und nicht an sie denken. Wie es meiner Familie heute geht, weiß ich nicht.

SPIEGEL ONLINE: Wie muss man sich das Leben in einer solchen Tanzgruppe vorstellen?

Choi: Unser Tag hat morgens um 7.30 Uhr begonnen. Mehrere Stunden lang haben wir dann Ballett und nordkoreanischen Tanz geübt. Das Training ist sehr hart, weil es so wichtig ist, dass die Gruppe absolut synchron tanzt. Deshalb mussten wir die Bewegungen wiederholen, immer und immer wieder, wie Maschinen. Manchmal hatten wir einen Tag Pause in der Woche, aber wenn wir einen Auftritt hatten, haben wir durchgetanzt. Dazu gab es immer wieder Prüfungen, bei denen wir bewertet wurden.

SPIEGEL ONLINE: Was hat Ihnen das Regime dafür bezahlt?

Choi: Ganz am Anfang habe ich umgerechnet zehn Cent verdient - im Monat. Später, als ich schon sehr gut war, bekam ich 30 Cent. Dazu haben wir noch Essen bekommen, Ei, Öl und Fleisch.

SPIEGEL ONLINE: Das klingt nach einem harten Leben.

Choi: Eigentlich war es gut, wir waren sehr privilegiert. Künstler stehen in der nordkoreanischen Hierarchie weit oben. Auf der Straße hat uns jeder erkannt, wir trugen schöne Kleidung und sind auf unseren Absatzschuhen mit stolzer Haltung gelaufen. Mit Fabrikarbeitern oder Verkäufern haben wir gar nicht gesprochen. Die waren zu weit unter uns.

SPIEGEL ONLINE: Wie wichtig ist die politische Einstellung der Tänzerinnen?

Choi: Wer diszipliniert, patriotisch und nationalistisch ist, dem passiert nichts. Aber wenn wir uns zum Beispiel über Kim Jong Un beschwert hätten, wären wir aus der Gruppe geschmissen worden. Das wussten wir, deshalb waren wir sehr vorsichtig. Jeden zweiten Tag mussten wir uns vor die Gruppe stellen und beichten, wenn wir unserer politischen Führung gegenüber schlechte Gedanken hatten. Kunst ist in Nordkorea vor allem Propaganda, und wir waren ein Teil davon. Mir war das egal, ich wollte einfach als Tänzerin berühmt werden. Über Politik habe ich nicht viel nachgedacht.

SPIEGEL ONLINE: Gab es Regeln, wenn Sie mit der Gruppe außerhalb Nordkoreas aufgetreten sind?

Choi: Viel unterwegs waren wir nicht, und wenn, dann in China oder Russland. Es gab eigentlich nur diese eine Regel: Wir durften mit Ausländern nicht in Kontakt kommen und schon gar nicht mit ihnen reden. Ein stummer Gruß war erlaubt, mehr aber nicht. Wenn wir Geschenke bekommen haben, mussten wir sie hinterher wieder abgeben.

SPIEGEL ONLINE: Warum sind sie geflohen?

Choi: Als ich 28 Jahre alt war, habe ich einen Mann geheiratet, der sehr arm war. Da musste ich auch noch dazu verdienen und das Leben wurde hart. Ich habe dann ein Visum bekommen, um ein halbes Jahr in China zu arbeiten. Dort habe ich meinen heutigen Mann kennengelernt und bin untergetaucht. Er hat Schlepper bezahlt, die mich nach Südkorea gebracht haben, weil ich da als nordkoreanischer Flüchtling auch ohne Arbeitsvisum leben kann. Ich hatte aber große Angst davor, hierher zu kommen.

SPIEGEL ONLINE: Warum?

Choi: Ich habe in meiner Heimat gelernt, dass Südkorea ein sehr gefährlicher Ort ist. Ich dachte, schöne Frauen werden hier auf der Straße erschossen. Auf dem Weg vom Flughafen in die Stadt habe ich mich im Bus hinter dem Vorhang der Scheiben versteckt. Aber dann waren die Beamten sehr nett zu mir, und ich habe meine Angst schnell verloren.

SPIEGEL ONLINE: Und wie geht es Ihnen hier?

Choi: In Nordkorea hatte ich viele Freunde, in Südkorea bin ich ganz allein und noch dazu ohne Geld. Ich muss mir alles neu aufbauen. Vonseiten der Regierung gibt es keine Förderung für nordkoreanischen Tanz. Die Südkoreaner haben große Vorurteile gegenüber den Nordkoreanern, sie halten sich für etwas Besseres.

SPIEGEL ONLINE: Waren sie in Nordkorea glücklicher?

Choi: Als Künstlerin schon, ja. Aber es hat sich ja alles nur innerhalb unserer Grenze abgespielt. Hier bin ich frei und wer weiß, vielleicht kann ich irgendwann sogar international als Tänzerin arbeiten.

Mitarbeit: Suhwa Lee



insgesamt 3 Beiträge
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Seite 1
obnf 15.02.2018
1.
Euer Text ist viel zu einfach verschlüsselt. Nächstes mal bitte ein bisschen schwieriger machen :-)
Stefan71 15.02.2018
2.
@1: Hauptsache, das mal an die große Glocke gehängt statt zu genießen und zu schweigen....
TimeDice 15.02.2018
3. Tochter
Es ist schwierig sich ein Urteil zu bilden, da man selbst nie in eine solche Situation gekommen ist. Aus dem Interview geht aber für mich nicht schlüssig hervor, warum sie ihre Tochter zurückgelassen hat. Der Mann in Nordkorea war arm und sie wollte unbedingt eine berühmte Tänzerin werden. Klingt erst einmal eher egoistisch.
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