Bewegung im Nordkoreakonflikt Einmal alle hinter Trump

Kritik am US-Präsidenten ist berechtigt. Trotzdem verdient sein Plan, den nordkoreanischen Machthaber Kim Jong Un von einem atomwaffenfreien Korea zu überzeugen, jede mögliche Unterstützung.

Donald Trump
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Donald Trump

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Wer erinnert sich heute noch an das erste Gipfeltreffen im Jahr 1985 zwischen US-Präsident Ronald Reagan, damals 74 Jahre alt, und dem 20 Jahre jüngeren Herrscher über die Sowjetunion, Michail Gorbatschow? Zugegeben, der Altersunterschied zwischen US-Präsident Donald Trump und dem nordkoreanischen Machthaber Kim Jong Un beträgt heute 37 Jahre, das macht ein Verständnis zwischen beiden noch unwahrscheinlicher. Aber unwahrscheinlich war auch damals schon jedes Einverständnis zwischen Reagan und Gorbatschow, und zwar vor allem für eine deutsche Öffentlichkeit, die in Reagan einen unseriösen Cowboy und in Gorbatschow einen zynischen KP-Bürokraten sah. Oh, wie täuschten wir uns damals!

Daran lohnt zu erinnern, wenn jetzt vor den geringen Chancen eines Gipfeltreffens zwischen Trump und Kim gewarnt wird. Sind nicht beide unzurechnungsfähig? Haben wir uns die beiden nicht gerade beim Zündeln an der Atombombe vorgestellt? Und jetzt sollen sie Frieden bringen? Lächerlich.

Es geht um zu viel

Doch durch Ostasien geht ein nicht zu unterschätzendes Aufatmen. Die beiden führenden demokratischen Regierungschefs der Region, Japans Shinzo Abe und Südkoreas Moon Jae In, haben beide vorbehaltlos positiv auf die Nachricht vom Gipfel zwischen Trump und Kim reagiert - obwohl sie beide außen vor stehen und wenig Lorbeeren für sie abfallen können. Aber es geht schlicht um zu viel. Die Gefahr eines Atomkriegs schien im vergangenen Jahr im Koreakonflikt greifbar, ähnlich wie das in den Achtzigerjahren im Zuge der Nachrüstung mit Mittelstreckenraketen in Deutschland und Europa der Fall war. Umso sensibler sollten wir Deutschen und Europäer heute gegenüber den neuen Abrüstungshoffnungen in Ostasien sein.

Trump, den hierzulande offenbar wenige mögen, bedarf nun aller nur denkbaren Unterstützung auch von unserer Seite, wenn er auf Kim trifft. Das muss nicht nebensächlich sein. Trump sollte eine Welt hinter sich wissen, die ihm dankbar ist, wenn er Kim zur Räson bringt. Die ihm auch Zugeständnisse, etwa wirtschaftlicher Art, zubilligt. Die ihm jetzt schon das Risiko dankt, sich mit einem wie Kim vor der Weltöffentlichkeit zu outen. Und es nicht nutzen will, ihn weiter auszubuhen.

Doch genauso läuft es gerade. Als könnte einer, der Handelskriege anzettelt, die Atomkriegsgefahr nicht beseitigen helfen.

Auch Reagan schien unbelehrbar

Trump verlangt den Europäern gerade sehr viel ab. Dass seine Strafzölle für Stahl und Aluminium Europa mehr treffen als Ostasien, ist eigentlich ein Unding - nachdem China und Südkorea jahrelang zu den Hauptsündern beim Stahldumping zählten. Wie schon sein Vorgänger Barack Obama wendet sich Trump Asien zu - und von Europa ab. Das kann man beklagen, man soll auch dagegen angehen - aber es ist kein Grund, Trump nicht proaktiv und mit allen nur denkbaren Mitteln in seinem Korea-Engagement zu unterstützen. Deutschland ist da aufgrund seiner eigenen Teilungsgeschichte besonders gefragt. Nicht umsonst beschwört der südkoreanische Präsident Moon ständig das Vorbild der deutschen Entspannungspolitik.

Das ist Trump nicht leicht näherzubringen. Jeder Versuch aber ist es wert. Auch Reagan schien damals unbelehrbar. Er wollte "das Reich des Bösen", als das er die Sowjetunion bezeichnete, zu Tode rüsten. Doch schon 1987, zwei Jahre nach dem ersten Treffen, unterschrieb er mit Gorbatschow den ersten, weitreichenden Abrüstungsvertrag, der das Ende des Kalten Kriegs einläutete.

Kein Streit mit Trump ist heute so wichtig, keine seiner Taten wirft einen solchen Schatten, dass man dem US-Präsidenten schon heute ein ehrliches Ansinnen auf die Schaffung eines atomwaffenfreien Koreas absprechen kann. Im Gegenteil: Die westliche Wertegemeinschaft muss gerade ihm, der die westlichen Werte nicht selten zu verraten scheint, diesen vielleicht möglichen Erfolg gönnen.

Was ist schon die Gefahr eines Handelskriegs gegen die eines Atomkriegs?

insgesamt 9 Beiträge
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carahyba 10.03.2018
1. unvollständiger Kommentar ...
Die Falkenfraktion und das Militär versuchen diese Entspannungsinitiative zu torpedieren. Für sie steht zu viel auf dem Spiel, ihr Einfluss in Südostasien. Denn Nordkorea wird für die Denuklearisierung als Gegenleistung einen Friedensvertrag verlangen. Damit wäre auch das UNO-Mandat hinfällig, dass den USA die Oberhoheit über die südkoreanische Armee gewährt. Der militärische Druck auf Nordkorea bestünde nicht mehr und indirekt auch nicht mehr auf China und Russland.
Atheist_Crusader 10.03.2018
2.
"Trump, den hierzulande offenbar wenige mögen, bedarf nun aller nur denkbaren Unterstützung auch von unserer Seite, wenn er auf Kim trifft. Das muss nicht nebensächlich sein. Trump sollte eine Welt hinter sich wissen, die ihm dankbar ist, wenn er Kim zur Räson bringt. Die ihm auch Zugeständnisse, etwa wirtschaftlicher Art, zubilligt. Die ihm jetzt schon das Risiko dankt, sich mit einem wie Kim vor der Weltöffentlichkeit zu outen. Und es nicht nutzen will, ihn weiter auszubuhen. Doch genau so läuft es gerade. Als könnte einer, der Handelskriege anzettelt, die Atomkriegsgefahr nicht beseitigen helfen." Das Problem liegt eher in der fundamentalen charakterlichen und professionellen Unfähigkeit Trumps. Er agiert oft uninformiert, impulsiv und gegen den Ratschläg von kompetenteren Leuten. Wenn ich glaube dass er es schaffen könnte - super. Meine Abneigung gegen den Mann ist mir nicht wichtiger als die Sicherheit von den Millionen Menschen die in der Region leben. Aber da Trump nunmal Trump ist, besteht die ernsthafte und begründete Befürchtung, dass er es noch schlimmer macht. Und nebenbei: ich traue der gesamten Prämisse nicht. Die Atomwaffen sind Nordkoreas Überlebensgarantie. Sie könnten Vieles tun um guten Willen zu signalisieren und die Region zu stabilisieren ohne diese aufzugeben (z.B. einfach mal einen echten Frieden mit dem Süden schließen). Und jetzt sollen sie das plötzlich wollen? Im Austausch für eine Garantie von den verhassten USA? Unter einem Präsidenten der berüchtigt dafür ist zu lügen, seine Meinung zu ändern und alle möglichen Verträge neu verhandeln zu wollen? Für mich sieht das eher so aus, als ob sich Trump unbewusst für einen PR-Stunt einspannen lässt. Also: ja, ein Handelskrieg ist weniger gefährlich als ein Atomkrieg. Nicht gerade eine überraschende Feststellung. Aber wenn Jemand ersteren losbricht in der Überzeugung er sei "good and easy to win", dann weckt das kein überwältigendes Vertrauen in dessen Willen und Fähigkeit um letzteren zu verhindern. Überschätzung der eigenen Position und Geringschätzung der gegnerischen Position, Werte und Rechte ist keine gute Grundlage für eine Friedensverhandlung.
RalfHenrichs 10.03.2018
3. Man sollte Trump nüchtern und realistisch betrachten
Sein Kampf gegen die weltweiten Handesbilanzungleichgewichte sind richtig und die Anhebung der Zölle sind richtig. Sollte er es schaffen, dass zwischen Nord- und Südkorea der offizielle Kriegszustand beendet wird (ob er es schaffen wird, da ist es allerdings noch ein weiter Weg und die Entwicklung kann auch sehr leicht wieder in die andere Richtung gehen - möglicherweise wegen Trump, möglicherweise aus anderen Gründen), sollte man ihm den Friedensnobelpreis verleihen. In anderen Punkten: Steuer- und Klimapolitik hingegen muss man ihn scharf kritisieren. Das dauernde Trump-Bashing ist genauso idiotisch wie es Trump-Elogen wären.
Actionscript 10.03.2018
4. In der Vergangenheit sind Abkommen mit Nordkorea geschlossen
worden (1994 und Verhandlungen von 2003-2009). Die Abkommen, die ein Einfrieren von Nuklearwaffen vorsahen, sind alle von Nordkorea mit Absicht nicht eingehalten worden. Warum sollte es diesmal anders sein? Mit dieser Politik wird Nordkorea auch unheimlich aufgewertet. Und das ist Teil des Plans von einem Paranoiden wie Kim Jong Un. Auch stellt sich wiederum die Frage, warum Trump gerade zu diesem Zeitpunkt ein Treffen verlautbart, wo er negativ, was Zölle, seine damalige Sex Affäre und die Russlandaffäre angehen, auffällt. Offensichtlich haben viele immer noch nicht verstanden, warum er was tut.
gerd.lt 10.03.2018
5. Erfolg dieses Treffens wünschen
Gestern pfui heute hui - alle sollten jetzt hinter Trump stehen?! Für Trump ist das Treffen mit Kim das Spektakuläre, dass Außergewöhnliche, die von der ganzen Welt beobachtete Show, er sieht sich als den König der ganzen Veranstaltung, die Welt liegt ihm zu Füßen - so, oder mit möglichen Steigerungen wird er seinen Auftritt in Nordkorea sehen, der dann vielleicht noch mit dem Friedensnobelpreis gekrönt wird, Trump im Siebten Himmel. Nach seinem bisherigen Verhalten wird er das so oder ähnlich sehen, in einer Auseinandersetzung in der er immer der große Unberechnbare war, der schwer einzuschätzen war. Auf der anderen Seite Kim mit großen Tönen und noch größeren Aktionen, aber ich glaube ein kühler Rechner, der seinen ersten Sieg errungen hat. Wenn es trotz und gerade darum zu einer Entspannung in der Region und damit auch in der Welt führt, sollten wir uns einen Erfolg dieses Treffens wünschen.
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