Korea-Konflikt Schluss mit Höschen aus Kaesong

Nordkorea hält die Zufahrt zum Industriekomplex Kaesong weiter abgeriegelt - dringend benötigte Rohstoffe für die Fabriken werden am Grenzübergang festgehalten. Nun stehen erste Fließbänder still. Den Südkoreanern, die in der Sonderzone ausharren, geht das Essen aus.

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Aus Dorasan berichtet Malte E. Kollenberg


Malerisch geht die Sonne über dem Bahnhof Dorasan auf. Wenige Meter entfernt, jenseits der nordkoreanischen Grenze, herrscht gespenstische Stille. Langsam verzieht sich der Morgendunst über den blassbraun-grünen Grasflächen. Der Nebel gibt Bäume und in der Ferne ein paar bewaldete Hügel frei. Von der Idylle auf der Nordseite ist hier im Süden nichts zu spüren. Seit knapp einer Stunde, es ist fast 7.30 Uhr, fahren Lastwagen vor. Gefolgt von Satellitenwagen, Kleinbussen und Autos, vollgestopft mit Journalisten. Und immer mal wieder ein Militärfahrzeug.

Seit Mittwoch läuft hier am Grenzübergang in die Industriezone Kaesong nichts mehr. Im Zuge der Korea-Krise verweigert Nordkorea südkoreanischen Pendlern und Lieferanten den Zugang zu dem gemeinsamen Industriekomplex, der auf nordkoreanischem Gebiet liegt. Mehr als hundert südkoreanische Firmen lassen hier Waren von rund 50.000 nordkoreanischen Arbeitern herstellen.

Lange Reihen Lastwagen stehen vor den Abfertigungshäuschen. Doch deren Fenster sind geschlossen. Manche Fahrer stehen neben ihren Lkw, rauchen und unterhalten sich. Eine Handvoll älterer Männer und Frauen kehren Müll und Kippen zwischen den Lastwagen weg. Die Fahrer werden immer wieder von Journalisten belagert.

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Kaesong: Blockade am Grenzübergang
Manche sind genervt von all der Aufmerksamkeit, die sie bekommen. Doch andere erbarmen sich und reden. So wie Yoo Goon Sung. "Ich war gestern schon hier, aber bin dann wieder zu meiner Firma zurückgefahren." Auf seinem 3,5-Tonner lagern Stoffe für die Herstellung von Damenunterwäsche. Auf seinem Lkw steht groß geschrieben "Young Innerform Co. Ltd." Wenige Meter hinter ihm steht Lastwagenfahrer Kim, mit Spielzeugteilen auf der Ladefläche. Seit einem Jahr fährt er nach Nordkorea und beliefert dort die 350 Angestellten seiner Firma.

Um 8.30 Uhr ertönt die Durchsage von der Yoo, Kim und ihre Leidensgenossen gehofft hatten, sie würde heute ausfallen: "Achtung, Achtung! Der Zugang zum Industriekomplex Kaesong wird heute nicht gestattet. Bitte drehen Sie um. Wir informieren Sie, sobald sich etwas ändert. Wir bitte um Entschuldigung für die entstandenen Unannehmlichkeiten."

Yoo Goon Sung aber will nicht aufgeben. Vor Jahren, als es schon einmal eine ähnliche Krise gab, sei er um 14 Uhr durchgelassen worden. Deshalb will er bis zum Nachmittag warten. Doch auch damals hatte es eine Woche gedauert, bis Nordkorea die Grenze wieder öffnete.

Erste Fließbänder stehen still

"Mein Unternehmen leidet schon unter der Einfuhrsperre. Einige Fließbänder stehen still. BHs und Höschen können wir nicht mehr produzieren." 450 Nordkoreaner produzieren für die südkoreanische Firma. Normalerweise werden diese von zwei bis drei südkoreanischen Vorgesetzten bei der Wäscheproduktion beaufsichtigt. "Ich wünschte, Nordkorea würde einen Unterschied zwischen Politik und Wirtschaft machen", sagt Yoo etwas niedergeschlagen.

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Dann huscht schon wieder ein Lächeln über sein Gesicht. Amüsiert schaut er den Journalisten zu, die vor den wendenden Lastwagen umherlaufen. Sicherheitsmänner mit Trillerpfeife beordern sie von links nach rechts und wieder zurück. Damit die Sattelzüge auf der vierspurigen Straße umdrehen können.

Yoo und seine Mitstreiter, die noch etwas ausharren wollen, ziehen sich mit den Reportern ins Terminalgebäude zurück. Kurz nach 10 Uhr plötzlich Blitzlichtgewitter vor der Eingangshalle. Fünf Südkoreaner sind aus dem Norden zurückgekehrt. Kaum haben sie die Absperrung des Sicherheitsbereichs passiert, bildet sich eine Menschentraube um zwei junge Frauen.

Kwon Sook Mi ist sichtlich erleichtert, dass sie wohlbehalten wieder im Süden ist. "Die Abfertigung in Nordkorea und die Taschenkontrolle hat zehn Minuten länger gedauert als üblich", erzählt sie. Ihr sei außerdem aufgefallen, dass alle Militärfahrzeuge für den Ernstfall bereits mit Tarnnetzen bespannt gewesen seien.

Wenige Minuten später hält die Unternehmervereinigung des Kaesong Industriekomplexes eine Pressekonferenz auf der anderen Seite der Eingangshalle ab. Ok Seong Seok, Vizepräsident der Gruppe, erklärt, dass die Situation im Norden problematisch werde. "Das Gas wird knapp. Drei Unternehmen haben die Produktion bereits stoppen müssen, weil ihnen das Gas ausgegangen ist. Heute Abend werden es wohl noch drei mehr sein." Ok hofft, dass am Samstag die Lieferungen wieder normal laufen werden. Sein eigenes Unternehmen werde noch bis Montag durchhalten, aber dann sei auch bei ihm Stillstand, erklärt Ok.

Auch für die gut 800 in Kaesong verbliebenen Südkoreaner wird die Lage zunehmend ernst. Das Essen wird knapp. Laut Ok, wird es wohl bald nur noch zwei statt drei Mahlzeiten am Tag geben. "Unsere nordkoreanischen Arbeiter betrifft das aber nicht", sagt er. "Die bringen sich ihr Essen mit."

insgesamt 34 Beiträge
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Seite 1
fabcccc 04.04.2013
1. Naja...
Zitat von sysopMalte E. KollenbergNordkorea hält die Zufahrt zum Industriekomplex Kaesong weiter abgeriegelt -dringend benötigte Rohstoffe für die Fabriken werden am Grenzübergang festgehalten. Nun stehen erste Fließbänder still. Den Südkoreanern, die in der Sonderzone ausharren, geht das Essen aus. http://www.spiegel.de/politik/ausland/nordkorea-erste-fabriken-in-kaesong-muessen-produktion-einstellen-a-892460.html
als Südkoraener in Nordkorea nur noch zwei anstatt drei Mahlzeiten am Tag, jederzeit ausreisen können und drei Golfplätze in unmittelbarer Nähe - ich bin sicher, es gibt nichts Schlimmeres dort ;-)
blauer-planet 04.04.2013
2. Verhandlungen
mit Reden kann man kein Geld verdienen, da muss dann doch das Militär für herhalten... Rüstung und Kriege...
relativity 04.04.2013
3. Sind das schlechte Nachrichten?
Wie traurig dass die Reichen die Armen nicht mehr ausbeuten können. Wer trauert diesem System denn schon hinterher? Und wer nix zu Essen dabei hat fährt halt zurück nach Südkorea. Ausser der eigenen Gier nach $$$ gibt es doch nichts was einen im Nordkorea zurückhält. Hoffentlich gilt ein Mangel an Damenunterwäsche nicht schon als Kriegsgrund.
donald_rumsfeld 04.04.2013
4. deeskalierend
das Navy Seal Team Six zur Befreiung der verbliebenen Südkoreaner in Kaesong schicken
orthos 04.04.2013
5. So geht es nach hinten los,
wenn man meint outsourcing betreiben und billige Arbeitnehmenr ausbeuten zu müssen.
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