Nordkorea-Konflikt "Es ist nicht sicher, dass die USA einen Krieg gewinnen würden"

Welche Auswirkungen hätte ein Präventivschlag des US-Militärs gegen Kim Jong Un? Was bringt ein Öl-Embargo? Im Interview warnt Nordkorea-Experte Peter Hayes vor Donald Trumps Ostasienpolitik.

AFP/ KCNA VIA KNS

Ein Interview von


    Peter Hayes leitet den Thinktank Nautilus in Berkeley, Kalifornien, und ist ein amerikanischer Nordkorea-Experte. Der gebürtige Australier lehrt auch als Honorarprofessor am Center for International Security Studies der Sydney University.

SPIEGEL ONLINE: Die US-Regierung drängt China dazu, seine Öllieferungen nach Nordkorea einzustellen. Glauben Sie, dass sich Peking darauf einlassen wird?

Hayes: Nein. Es ist völlig klar, dass dies zum jetzigen Zeitpunkt den chinesischen Interessen völlig widersprechen würde. Sie würden damit jeden Einfluss, den sie noch auf Nordkorea haben, verlieren. Das würde in Wahrheit auch den Amerikanern und den Südkoreanern momentan nicht weiterhelfen. Warum sollten sich die Chinesen darauf einlassen?

SPIEGEL ONLINE: Wie wichtig sind die chinesischen Öllieferungen für Nordkorea?

Hayes: Die Lieferungen sind wichtig. Die Chinesen liefern etwa zwei Drittel von Nordkoreas Rohöl per Pipeline und Schiff an die drei nordkoreanischen Raffinerien. Sie liefern auch einige bereits raffinierte Ölprodukte an den Norden.

SPIEGEL ONLINE: Wie abhängig ist das Regime von den Öllieferungen aus China?

Hayes: Kurzfristig könnte Nordkorea den Ölbedarf rasch reduzieren und für Ersatz sorgen, zum Beispiel durch Kohle. Damit können sie auch Fahrzeuge antreiben. Insgesamt könnten die Einsparmaßnahmen in etwa der Höhe der jährlichen chinesischen Öllieferungen entsprechen. Das Militär hat Vorräte angelegt und ist für eine plötzliche Ölverknappung gerüstet. Das Atomraketenprogramm wäre auch nicht betroffen. Stärkere Auswirkungen hätte der Lieferstopp nach mehr als zwölf Monaten, dann würde das Regime wohl tatsächlich ökonomisch unter Druck geraten. Aber selbst dann würde Nordkorea daran nicht zugrunde gehen. Die nordkoreanische Bevölkerung würde alle Einsparmaßnahmen und extremen Härten, die mit einem Lieferstopp verbunden wären, ertragen und den Anweisungen der Führung folgen.

Nordkoreakonflikt - die Akteure

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SPIEGEL ONLINE: Was wäre aus Ihrer Sicht ein besserer Weg, Nordkorea von seinem Nuklearprogramm abzubringen?

Hayes: Es müsste ein umfassendes Sicherheitsabkommen geben, das aus sechs Elementen besteht. Dazu gehören: die Einrichtung eines regionalen Sicherheitsrates unter Beteiligung aller Länder in Nordostasien; ein Nichtangriffspakt aller am Korea-Konflikt beteiligten Staaten; ein Friedensvertrag für Korea, der das bestehende Waffenstillstandsabkommen ersetzt; eine allmähliche Beendigung aller unilateralen und multilateralen Sanktionen; sowie die Einrichtung einer nuklearwaffenfreien Zone in der Region. Nordkorea müsste eine Garantie erhalten, dass es nicht mit Atomwaffen angegriffen wird, wenn es auf den Atommacht-Status verzichtet.

SPIEGEL ONLINE: Wie realistisch ist die Umsetzung eines solchen Plans?

Hayes: Es ist möglich, das umzusetzen, aber natürlich könnte man diese Ziele nur schrittweise in Phasen erreichen. Die Sache würde Zeit brauchen.

SPIEGEL ONLINE: Die USA drohen Nordkorea mit einem möglichen Angriff. Was würde passieren, wenn Donald Trump einen Präventivschlag gegen den Norden anordnen würde?

Hayes: Ein Präventivschlag der USA würde direkt in einen Krieg führen, in dem Nord- und Südkorea in großen Teilen zerstört würden; amerikanische Alliierte wie Japan oder Australien könnten hineingezogen werden und erhebliche Schäden erleiden. Auch der Einsatz von Nuklearwaffen wäre denkbar. Keine guten Aussichten. Wenn man die Ausmaße eines solchen Konflikts betrachtet, an dem dann womöglich auch China beteiligt wäre, muss man sagen: Es ist nicht sicher, dass die USA einen solchen Krieg gewinnen würden.

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SPIEGEL ONLINE: Und wenn die USA nur angreifen würden, um eine unmittelbar bevorstehende Attacke des Nordens abzuwenden?

Hayes: Auch dann wären die Folgen wahrscheinlich verheerend. Natürlich wäre es in so einem Fall auch möglich, dass die Eskalationsspirale nach ersten Kampfhandlungen gestoppt werden kann, dafür müssten die USA aber rasch die richtigen Signale an Nordkorea und China aussenden. So oder so wird es für die USA nicht möglich sein, die Nuklearwaffen des Nordens zu zerstören oder zu beschlagnahmen.

SPIEGEL ONLINE: Wie wird sich der Konflikt Ihrer Ansicht nach in den kommenden Monaten entwickeln?

Hayes: Wir werden weiter eine Achterbahnfahrt erleben - mit einer insgesamt äußerst risikoreichen Politik auf beiden Seiten und mit gegenseitigen Drohungen der primitivsten Art.

Nordkorea - Die Chronik des Konflikts

SPIEGEL ONLINE: Wie beurteilen Sie Donald Trumps bisheriges Verhalten in der Krise?

Hayes: Gemessen an den normalen Maßstäben, die für ein verantwortungsbewusstes Handeln eines Präsidenten gelten, war sein Verhalten einfach nur erschreckend. Es ist offensichtlich, dass ihm Korea egal ist, dass er sich um Nuklearkriege, Abschreckung und Handel nicht schert. Er verhält sich rücksichtslos und nutzt Amerikas Militärmacht, um Gegner wie auch Verbündete zu bedrohen. So will er sie verwirren und aus dem Takt bringen. Immer wenn das Durcheinander dann am größten ist, versucht er, irgendeinen Vorteil zu erzielen - einen Waffendeal mit Südkorea, neue chinesische Sanktionen gegen den Norden. Er will seinen Anhängern Erfolge vorweisen können.

SPIEGEL ONLINE: Hat er eine Strategie?

Hayes: Dieser Ansatz folgt keiner klaren Geo-Strategie, er besteht sogar aus sich widersprechenden Strategien. Sein Handeln widerspricht klar dem Konzept hegemonialer Führung, nach dem ein Hegemon wie die USA Gefolgschaft anderer eigentlich durch Konsens und klare Führung erreichen sollte, nicht durch Drohungen und Zwang. Ich denke, wir befinden uns in der Phase eines posthegemonialen Interregnums. Und Trump ist schlicht ein Symptom des Zerfalls.

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Seite 1
jaspertk 08.09.2017
1. Danke
Kurz und knapp. Bitte alle Amateur-Kriegs-Strategen hier im Forum LESEN!
katapultoffel 08.09.2017
2. Die USA
haben bis jetzt noch keinen (in Zahlen: 0; in Worten: nicht einen) Krieg "gewonnen", welchen sie selbst begonnen haben.
s.schaefer 08.09.2017
3. Sensationelles Fazit
Zitat: "[...] posthegemonialen Interregnums. Und Trump ist schlicht ein Symptom des Zerfalls." Herr Hayes gefällt mir!
HaraldSchicke 08.09.2017
4. Endlich jemand mit Klarsicht!
Nordkorea wird sich nur zu Gesprächen bereit erklären, wenn sie sanktionsfrei und ohne Vorbedingungen erfolgen.
w.heinlein 08.09.2017
5. Ich habe gut gelacht über die Überschrift!
"Es ist nicht sicher, dass die USA einen Krieg gewinnen würden!" Den letzten Krieg, den die USA gewonnen haben, war der 2. Weltkrieg gegen USA und Japan. Wann haben sie seither je wieder einen Krieg gewonnen? Alle anderen Kriege haben sie kläglich verloren. Hier eine unvollständige Aufzählung der verlorenen Kriege der angeblichen Weltmacht USA: Vietnam - verloren Afghanistan - kein Sieg in Sicht, eher das Gegenteil Iraq - ein gewonnener Krieg sieht anders aus. Syrien - die Katastrophe will nicht enden Somalia - Flucht nach verlorenem Kampfeinsatz zahllose Kampfeinsätze in Lateinamerika: Nicaragua, Schweinebucht in Kuba, Guatemala, Argentinien, Peru usw. usw. überall Kampfeinsätze bzw. Unterstützung von rechten Rebellen, die alle nie zum Sieg führten und zahllose Menschenleben kosteten. Leider hatten diese Kämpfe nie direkte Auswirkungen innerhalb der USA. Ich muss hier tatsächlich "leider" schreiben, denn wäre es anders, wären die US-Militärs sicher vorsichtiger mit ihren grossmäuligen Drohungen.
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