Reaktionen nach Kim-Trump-Gipfel Die Südkoreaner träumen schon von Reisen in den Norden

Wie reagieren die Südkoreaner auf den Gipfel von Singapur? Hier sprechen fünf von ihnen über bange Minuten vor dem TV, Kim Jong Uns emotionale Stabilität - und seine Chemie mit US-Präsident Donald Trump.

Nordkoreanischer Strand südwestlich von Pjöngjang
AFP

Nordkoreanischer Strand südwestlich von Pjöngjang

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Kyungjin Choi, 60 Jahre, Professor für Journalismus an der katholischen Universität in Daegu, mit 2,5 Millionen Einwohnern viertgrößte Stadt Südkoreas:

Endlich ist der historische Gipfel gelungen! Vor dem Fernseher habe ich beiden Politikern Beifall geklatscht. Kim weiß genau, was er für sein Land tun muss. Und er hat es getan. Die gemeinsame Erklärung sollte nicht nur den beiden beteiligten Ländern, sondern auch uns Südkoreanern und aller Welt eine große Friedensbotschaft sein. Damit ist die Hoffnung auf eine Wiedervereinigung Koreas wieder ein bisschen realistischer geworden. Mein Hauptaugenmerk liegt nun darauf, wie die beiden Politiker ihre heutige Vereinbarung konkretisieren könnten.

Der Gipfel in Singapur wird vielleicht nur die erste Stufe für einen längeren Prozess sein. Doch nach diesem, wie mir scheint, erfolgreichen Gipfel hoffe ich persönlich, dass Trump und Kim sich noch öfter an den gemeinsamen Verhandlungstisch setzen werden. Aller Anfang ist schwer. Aber alles hat auch einmal ein Ende. Als ein Südkoreaner wünsche ich uns und der Welt weiterhin so hoffnungsvolle Nachrichten.

(Lesen Sie hier ein Minutenprotokoll des Gipfels.)


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Peter Lee, 46 Jahre, Gründer und CEO des südkoreanischen Computerspieleherstellers Nolgong in Seoul:

Es ist aufregend, was da los ist. Sie haben noch nicht viel zu Papier gebracht, aber der Ton war gut. Das macht mich optimistisch. Ich habe mich lange Zeit überhaupt nicht mit Nordkorea und der Wiedervereinigung beschäftigt, hatte den Eindruck, dass die Großmächte USA, China und Russland die großen Fragen sowieso ohne uns Koreaner regeln. Aber das ist jetzt anders. Es kommt mir so vor, als hätten wir zum ersten Mal die Chance, die Großmächte zu beeinflussen und mit auf unseren Weg zu nehmen. Wir in Südkorea haben eine neue Regierung und der Norden auch, wir reden miteinander und das gibt uns Schwung.

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Trump und Kim in Singapur: Ein bisschen Frieden

Der Gipfel heute war dafür der Beweis. Er wird möglicherweise großen Einfluss auf die Wahlen haben, die morgen bei uns stattfinden. Wir wählen morgen fast alles, nur nicht den Präsidenten. Umso mehr könnten die Wahlen Präsident Moon Jae In stärken. Das aber wäre eine gute Nachricht. Wir wurden in der Vergangenheit oft von aggressiven Politikern regiert, die viel Kriegsvokabular auf den Lippen führten. Doch jetzt sieht es so aus, als könnte sich bei uns niemand gegen die Friedensbotschaft des Gipfels stellen.


Jung MY

Sunjung Kim, 52 Jahre, zählt zu den einflussreichsten Künstlerinnen Südkoreas. Sie arbeitet als Kuratorin, lehrt an der Nationalen Koreanischen Kunsthochschule in Seoul und ist Vorsitzende der Gwangju Biennale Foundation:

Ich bin glücklich über das, was passiert, aber gleichzeitig traue ich der Sache nicht. Die Bilder aus Singapur waren schön, aber sie fühlten sich unwirklich an. Trump hat seine Meinung so oft geändert. Wir müssen abwarten, ob wir ihm dieses Mal vertrauen können. Das gleiche gilt für China. Wir wissen nicht, wie sich die Mächtigen in Peking und Washington unsere Zukunft vorstellen. Sie kontrollieren uns. Aber es gibt Hoffnung. Heute war ein besonderer Tag. Wir haben in Südkorea schon so lange Zeit immer wieder über die Wiedervereinigung diskutiert. Unser ehemaliger Präsident und Friedensnobelpreisträger Kim Dae Jung hat alles dafür gegeben und war doch erfolglos.

Dieser Gipfel lässt nun alles wieder möglich erscheinen. Ich denke schon daran, dass wir im nächsten Jahr die erste große internationale Kunstausstellung in Pjöngjang organisieren. Moderne Kunst war dort noch nie zu sehen. Doch es kann auch ganz anders kommen: Ich halte Kim Jong Un für emotional nicht völlig stabil. Er ist noch sehr jung und musste in seinem Leben viele schwierige Phasen durchmachen. In Singapur bekam er viele Todesdrohungen. Es wäre nicht abwegig, wenn er um sein Leben fürchtet. Umso froher war ich, als er mit Trump die Hände schüttelte und dabei glücklich erschien. Auch bei ihm müssen wir abwarten, ob er wirklich in der Lage ist, sein Land zu öffnen.


Sung-Hyung Cho, Filmemacherin
privat

Sung-Hyung Cho, Filmemacherin

Sung-Hyung Cho, 51 Jahre, ist Filmregisseurin und unterrichtet an der Hochschule der Bildenden Künste in Saarbrücken. Um ihren Film "Meine Brüder und Schwestern im Norden" 2016 in Nordkorea drehen zu können, nahm Cho die die deutsche Staatsangehörigkeit an und legte die südkoreanische ab:

Ich wollte das live sehen und bin um drei Uhr morgens hier in Deutschland aufgestanden. Als ich vor ein paar Wochen die erste Begegnung zwischen dem südkoreanischen Präsidenten Moon Jae In und Kim Jong Un sah, habe ich noch geweint, aber dieses Mal blieb ich emotionslos. Trotzdem fand ich es ganz, ganz toll, dass es so geklappt hat. Ich habe nicht mehr erwartet. Allein das Treffen zwischen den beiden ist eine Sensation - damit hat noch vor wenigen Monaten niemand rechnen können. Es fand nach 70 Jahren ewiger Feindschaft statt, nachdem wir in Korea immer wieder kurz vor dem Krieg zu stehen schienen.

Die kritischen Kommentare vieler Journalisten sind deshalb anmaßend und überheblich. Ich finde vielmehr, dass Trump und Kim mutig und unkonventionell handeln. Die Chemie zwischen ihnen scheint zu stimmen, und gerade die Chemie ist doch so wichtig für Trump. Möglich, dass sie sich jetzt über alles hinwegsetzen und tun, was sie für richtig halten. Wir Koreaner wären dann die glücklich Auserwählten, während die ganze übrige Welt unter Trump leidet.


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Jin Ho Hong, 47 Jahre, unterrichtet deutsche Sprache und Literatur an der Seoul National University:

Die Euphorie um mich herum ist groß. Im Fernsehen und auf den Webseiten der Zeitungen sieht man viele positive Nachrichten. In den Internet-Foren, deren Mitglieder meistens junge Koreaner zwischen 20 und 30 Jahren sind, findet sich jede Menge Begeisterung. Einige reden schon von einer Reise in den Norden, andere träumen von der Wiedervereinigung. Allerdings glauben wohl nur die wenigsten meiner Mitbürger, dass eine atomare Abrüstung Nordkoreas und ein Friedensvertrag zwischen Süd- und Nordkorea und den USA ohne Probleme Wirklichkeit werden kann. Nur scheinen die Leute dieses Mal optimistischer zu sein als früher. Oder besser gesagt: Sie wollen glauben, dass echter Fortschritt heute möglich ist.

Aber warum? Ist Kim Jong Un, der bis vor wenigen Monaten Atomwaffen testen und Raketen schießen ließ, ein anderer Mensch geworden? Ist Donald Trump, der bis vor wenigen Monaten Nordkorea mit militärischen Optionen drohte, plötzlich ein Friedensengel geworden? Nein, ich glaube, dass die Rahmenbedingungen mindestens so schlecht sind wie früher.

Im Video: Friedenskonferenz - oder alles nur Show?

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Heute ist nur ein erster Schritt gemacht worden. Im Grunde wissen alle, dass ein anhaltender Frieden ohne nukleare Drohung nicht so leicht zu erreichen ist. Wir Südkoreaner haben genug Erfahrungen mit Nordkorea. Trotzdem werden wir - anders als früher - weiter optimistisch und geduldig auf den erfolgreichen Ausgang der weiteren Verhandlungen zwischen Nordkorea und den USA warten. Was auch daran liegt, dass unsere südkoreanische Demokratie gerade ziemlich gut funktioniert.



insgesamt 12 Beiträge
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Seite 1
Planquadrat 12.06.2018
1. Und
träumen die Nordkoreaner schon von Reisen nach Südkorea? Das wird es aber unter Kim kaum geben, denn es wäre das Ende seiner Diktatur, wenn Millionen Menschen feststellen, dass man sie seit Jahrzehnten belogen hat. Und genau das weiß Kim auch und wird das zu verhindern versuchen. Deshalb traue ich dem ganzen Friede-Freude-Eierkuchen Gefühl beim Treffen mit Trump überhaupt nicht. Kim wird sich auch kaum seiner Nuklearwaffen berauben, denn auch sie dienen seiner Machterhaltung. Ich würde sagen, eigentlich ist außer Spesen in Singapur nichts gewesen, da braucht sich auch Trump sich nicht als großer Friedensstifter feiern lassen.
hansa_vor 12.06.2018
2.
Zitat von Planquadratträumen die Nordkoreaner schon von Reisen nach Südkorea? Das wird es aber unter Kim kaum geben, denn es wäre das Ende seiner Diktatur, wenn Millionen Menschen feststellen, dass man sie seit Jahrzehnten belogen hat. Und genau das weiß Kim auch und wird das zu verhindern versuchen. Deshalb traue ich dem ganzen Friede-Freude-Eierkuchen Gefühl beim Treffen mit Trump überhaupt nicht. Kim wird sich auch kaum seiner Nuklearwaffen berauben, denn auch sie dienen seiner Machterhaltung. Ich würde sagen, eigentlich ist außer Spesen in Singapur nichts gewesen, da braucht sich auch Trump sich nicht als großer Friedensstifter feiern lassen.
Können Sie mir ihren Glaskugel-Hersteller nennen? Muss ja ein tolles Produkt sein, Glückwunsch. Die Freude dieser fünf Personen wollen sie einzig mit ihrem Glaskugelgeschwätz ins Negative ziehen? Pfui, kann ich da nur sagen. Viel Spaß und Glück allen Koreanern nach dieser Zeitenwende, lasst euch nicht von alten grün/links verdorbenen Blinden diese schöne neue Zeit schlecht reden. Die können halt nichts anderes ;)
f.j.meinemeinung 12.06.2018
3. Guter Anfang
Ist doch schon Mal gut wenn sie miteinander reden und verhandeln. Wer hätte das für möglich gehalten ich nicht
iffelsine 12.06.2018
4. Alles Unsinn !
Kim Jong Bum hätte jetzt mit jedem US-Präsidenten ein date gemacht, er weiß genau, was er will und zu welchem Zeitpunkt ! Dumm für uns alle, dass es Trump ist, er wird nicht für die Welt sprechen können (weil zu dumm) und Kim sollte vorsichtig sein - Trump weiß morgen nicht mehr, was er heute unterschrieben hat. Kim hat seine Atom-Show abgezogen, damit er "auf Augenhöhe" verhandeln kann, nun ist er damit durch und nun wrid verhandelt.
hugahuga 12.06.2018
5.
DER Schlüsselsatz:"Die kritischen Kommentare vieler Journalisten sind deshalb anmaßend und überheblich." Dem ist nichts hinzuzufügen. Vielleicht nur das: Wieder einmal versuchen die Westmedien, am Empfinden der meisten Bürger vorbei, ihre Weltsicht als "richtig" unters Volk zu bringen. "Anmaßend und überheblich" - wie so oft.
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