Kims Besuch in Peking Lehrmeister wird Schuljunge

Wer hat hier wen in der Hand? Beim Treffen mit dem chinesischen Präsidenten Xi Jinping übte sich der nordkoreanische Diktator Kim Jong Un in Gesten der Demut.

Kim und Xi in Peking
KCNA / Reuters

Kim und Xi in Peking

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Offizielle Bilder aus Nordkorea zeigen den Machthaber Kim Jong Un meist in der Rolle des Lehrmeisters. Ob er eine Fabrik besucht oder Truppenübungsplätze - meist sieht man ihn gestikulieren, die Fachleute um ihn herum sind stets mit kleinen Blöcken ausgestattet, auf denen sie die Worte des Diktators emsig notieren.

Kim mit Untergebenen in Pjöngjang
KCNA / REUTERS

Kim mit Untergebenen in Pjöngjang

Das chinesische Staatsfernehen CCTV zeigte nun ähnliche Bilder - nur dass es Kim selbst war, der bei seinem Besuch in Peking die Worte des chinesischen Präsidenten Xi Jinping mitschrieb. In den TV-Aufnahmen ist zu sehen, wie er sich über einen längeren Zeitraum Notizen macht, während Xi von der gemeinsamen Verbindung beider Länder spricht, die schon von ihren Vorgängern etabliert worden sei.

Schon solche vermeintlichen Kleinigkeiten könnten in den diplomatischen Beziehungen der Länder als wichtiges Signal gewertet werden. Für Kim war es die erste Auslandsreise, seit er als Machthaber Nordkoreas vor sechs Jahren inthronisiert wurde - auch deshalb wird er wenig dem Zufall überlassen und sich sein Auftreten gegenüber Xi vorher sorgsam überlegt haben. In Nordkorea wird das Zücken des Notizblocks als Demutsgeste gewertet.

Während Kim seine Ansprache anschließend von einem Blatt ablas, soll Xi gelächelt und zustimmend genickt haben, schreibt die "South China Morning Post". Einer Mitschrift zufolge habe Kim um einen Besuch bei seinem "großen Nachbarn" gebeten und sei sehr glücklich darüber, dass dieses Ersuchen angenommen wurde.

Die staatliche Nachrichtenagentur Xinhua meldete, Kim habe von seiner Verpflichtung gesprochen, Xi persönlich zu seiner zweiten Amtszeit zu gratulieren, die vor wenigen Wochen auf dem Volkskongress beschlossen und durch eine Verfassungsänderung auf Lebenszeit ausgeweitet wurde. Dazu trug Kim einen Mantel, ähnlich zu dem, den auch Mao Zedong getragen hatte, ähnliche Modelle hatte er allerdings auch schon früher getragen. Der nordkoreanischen Nachrichtenagentur KCNA zufolge bezeichnete Kim China und Nordkorea als "Blutsbrüder".

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Kim Jong Un: Vier inoffizielle Tage in Peking

Am 27. April soll sich Kim zudem mit dem südkoreanischen Staatschef Moon Jae In treffen, wenig später mit dem US-Präsidenten Donald Trump. Der Ort für das Treffen steht noch nicht fest. Experten gehen davon aus, dass er sich in Peking für den Fall absicherte, dass die Gespräche mit Trump doch noch scheiterten. Gleichzeitig herrscht nun Hoffnung, dass sich der bislang international isolierte Diktator öffnet und gesprächsbereit bleibt.

Inhaltlich ist über das Treffen mit Xi wenig bekannt, eine offizielle Bestätigung des Kim-Besuchs wurde erst nach dessen Abreise ausgegeben. Die US-Regierung sieht dennoch "historische Schritte in die richtige Richtung", wie eine Sprecherin des Außenamts sagte. Vor allem die offensichtliche Bereitschaft Kims, über eine Denuklearisierung der koreanischen Halbinsel zu sprechen, nährte Hoffnungen für ein erfolgreiches Treffen mit Trump.

Allerdings hatte das nordkoreanische Regime solche Ankündigungen auch schon vorher gemacht. Kim Jong Il besuchte 2011 die Volksrepublik, nur wenige Monate vor seinem Tod - damals reiste er in dem gepanzerten Zug an, der nun auch seinen Sohn nach Peking brachte. Er sagte dem damaligen chinesischen Präsidenten Hu Jintao, der Norden verfolge "das Ziel einer Denuklearisierung". Nur Monate zuvor hatte das Regime bekannt gegeben, eine neue Urananreicherungsanlage in Betrieb genommen zu haben.

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Züge aus Nordkorea: Kims grüne Giganten

Unklar ist auch noch, was Nordkorea als Gegenleistung für die Einstellung seines Atomprogramms, das dem Regime als "Lebensversicherung" dienen sollte, verlangt. Laut Xinhua sagte Kim in Peking: "Das Thema einer Denuklearisierung auf der koreanischen Halbinsel kann gelöst werden, wenn Südkorea und die USA auf unsere Bemühungen entsprechend reagieren und für eine Atmosphäre des Friedens und der Stabilität sorgen und dafür auch geeignete Maßnahmen anbieten." In der Vergangenheit verlangte Pjöngjang etwa, dass die US-Truppen aus Südkorea abziehen und die militärischen Beistandsvereinbarungen für Seoul zurückgenommen werden.

Nun will sich auch der japanische Ministerpräsident Shinzo Abe mit Kim treffen. Er soll besorgt darüber sein, dass es Trump in den Verhandlungen vorrangig um die Langstreckenraketen gehen könnte, die US-Gebiet erreichen könnten, wie Kim es behauptet. Kurzstreckenraketen, mit denen etwa Japan getroffen werden kann, könnten nicht Teil des Deals sein, fürchtet Abe der Nachrichtenagentur AP zufolge.

Endlich Verständlich - Alle Fakten zu Nordkorea


insgesamt 10 Beiträge
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dr. kaos 30.03.2018
1. Fassade...?
ICh kann mir durchaus vorstellen, nachdem Trump und Xi miteinander kommuniziert haben (das muß gar nicht öffentlich gemacht worden sein), seitens China unterschwelliger Druck auf Kim Jong Un und seinem Staat ausgeübt wurde. DIe ziemliche plötzliche Wandlung Kims Richtung Südkorea und anderen 'verfeindeten' Staaten läßt keinen anderen Schluß zu. Aus reiner Nächstenliebe geschieht das nicht. Auch wenn Nordkorea im Verhältnis zur Bevölkerung eine der größten Armeen der Welt hat, wird ihm klargemacht worden sein, dass er Selbstmord begeht, sollte er auch nur einen Schuss irgendwohin abfeuern. Zudem bekommt China von dem Großteil der restlichen Welt ebenfalls Druck, auf Kim einzuwirken, und anscheinend hat Xi eingesehen, dass er sich nicht länger von Kim vorführen lassen muss. China ist das eigene Hemd auch näher als die Jacke Nordkoreas. Auch wenn es nach außen hin wie ein Schauspiel wirkt: wenn es zur Entspannung zwischen allen Beteiligten führt, dann haben zumindest Xi und Kim dabei gewonnen, und der Rest der Welt kann ein wenig aufatmen. Bis der andere Kasper wieder seine Zunge auf Twitter nicht im Zaum halten kann.
diskantus 30.03.2018
2. Unsicherheit
Das ist nicht Demut - das ist schlicht Unsicherheit, die man in allen Bildern erkennen kann. Kein Wunder: Kims erste Auslandsreise als Chef - und dann auch noch in die Höhle des Löwen, denn Xi hat ihm gezeigt, wo Bartels den Most holt. Lange genug hat es gedauert. Aber wenn dann wegen der Sanktionen kein Geld mehr da ist (und alles kann man nicht illegal beschaffen), muss man betteln gehen: das ist umso schlimmer, wenn man zu Hause immer einen viel zu großen Ton angeschlagen hat. Ja, die Folgen des Größenwahns können bitter sein.
mwroer 30.03.2018
3.
Zitat von dr. kaosICh kann mir durchaus vorstellen, nachdem Trump und Xi miteinander kommuniziert haben (das muß gar nicht öffentlich gemacht worden sein), seitens China unterschwelliger Druck auf Kim Jong Un und seinem Staat ausgeübt wurde. DIe ziemliche plötzliche Wandlung Kims Richtung Südkorea und anderen 'verfeindeten' Staaten läßt keinen anderen Schluß zu. Aus reiner Nächstenliebe geschieht das nicht. Auch wenn Nordkorea im Verhältnis zur Bevölkerung eine der größten Armeen der Welt hat, wird ihm klargemacht worden sein, dass er Selbstmord begeht, sollte er auch nur einen Schuss irgendwohin abfeuern. Zudem bekommt China von dem Großteil der restlichen Welt ebenfalls Druck, auf Kim einzuwirken, und anscheinend hat Xi eingesehen, dass er sich nicht länger von Kim vorführen lassen muss. China ist das eigene Hemd auch näher als die Jacke Nordkoreas. Auch wenn es nach außen hin wie ein Schauspiel wirkt: wenn es zur Entspannung zwischen allen Beteiligten führt, dann haben zumindest Xi und Kim dabei gewonnen, und der Rest der Welt kann ein wenig aufatmen. Bis der andere Kasper wieder seine Zunge auf Twitter nicht im Zaum halten kann.
Das wusste jeder Nord-Koreanische Staatschef - die Forderungen nach der Garantie für die eigenen Grenzen durch die USA kommt nicht von ungefähr. Deswegen war Nord-Korea auch nie die Gefahr zu der es immer hochstilisiert wurde, schon gar nicht für die USA. Diese Forderung wird Nord-Korea auch dieses Mal wieder haben, was völlig legitim ist, und die USA werden es wieder ablehnen. Das einzige was sich - eventuell - ändern könnte ist dass Nord-Korea auf sein militärisches Atomprogramm verzichtet und China Atomwaffen in Nord-Korea stationiert. Das dient dann sozusagen als 'Garantie der Grenzen' weil selbst die USA nicht so vermessen sind Nord-Korea anzugreifen während dort chinesisches Militär Atomraketen stehen hat. Das dürfte aber auch die einzige Option sein. Ob Nord-Korea das tut, offiziell oder inoffiziell, werden wir sehen. China setzt dem ganzen ein Ende, obwohl es eigentlich keine Veranlassung oder Lust darauf hat, weil es sich auf andere Dinge konzentriert. China braucht im Gegensatz zu den USA keinen Krieg. Die haben andere Sachen zu tun.
aurichter 30.03.2018
4. An Spekulationen
wieso und weshalb sollte man sich bei den involvierten Parteien eigentlich nicht beteiligen, da nicht das erste mal etwas völlig anderes als vermutet bei der Kommunikation herausgekommen ist, gerade von nordkoreanischer Seite. Da sprach man Hüh und machte anschliessend Hot. Man sollte nun auch in Ruhe abwarten, was bei den Gesprächen, so sie denn tatsächlich zustande kommen, als Ergebnis der Welt geliefert wird. Auf Druck des großen Bruders wurden dem Kimregime vermutlich Lockerungen bei den weiterhin belastenden Sanktionen in Aussicht gestellt, sodass über diese wirtschaftliche Schiene das Ansehen, der Personenkult verfestigt werden kann. Die Bevölkerung befindet sich in einer stärkeren Umklammerung, als es die Bürger der ehemaligen DDR waren, dahingehend sieht man keine Sorgen. Jetzt geht Kim Jong Un zumindest zwischenzeitlich den Weg der Annäherung, um dem Volk U.U. nach Peitsche über Jahrzehnte das Zuckerbrot verschaffen will, denn machen wir uns nichts vor, der Oberste Führer wird mit einigen Forderungen aufwarten und dann, nach Entgegenkommen, den Status Quo im Raketen- und Nuklearbedeich versprechen. Ob dies dann wirklich eingehalten wird, dies bleibt dann abzuwarten, es gibt genügend Beispiele, die dies nicht unbedingt voraussetzen, es wurde zu oft versprochen und anschliessend als Geschwätz von Gestern abgetan. Es wäre jedoch wünschenswert, wenn beide Dickköpfe in diesem Fall über ihren Schatten springen.
helmut.alt 30.03.2018
5. Die Grundeinstellung von Kim
hat sich sicherlich nicht geändert. Er versucht nur in der verfahrenen wirtschaftlichen Situation zu retten was noch zu retten ist; eben mit Hilfe von China. Erst nach dem Treffen mit Trump wird man absehen können wohin die Reise von Nordkorea geht. Wachsamkeit ist angesagt.
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