Entlassung des Armeechefs Kim Junior wagt den Befreiungsschlag

Ri Yong galt als Hardliner der alten nordkoreanischen Garde, eine feste Größe in Armee und Partei. Um so überraschender kommt nun seine Entlassung. Musste er für einen blamablen Fehler büßen? Oder stand er Reformen im Weg? So viel scheint klar: Es weht ein wenig neuer Wind in Pjöngjang.


Pjöngjang - Der Mann mit der großen Tellermütze und den vielen Orden auf der Brust war mächtig wie kaum ein anderer Funktionär: Stabschef einer der stärksten Armeen der Welt, Vizevorsitzender der Zentralen Militärkommission der Partei und Mitglied des inneren Zirkels des Politbüros. Sein Titel: "Vizemarschall". Ri Yong: eine feste Größe nicht nur im Militär, sondern auch in Nordkoreas Arbeiterpartei.

Mit knapp 70 Jahren war er vergleichsweise jung in der Riege der nordkoreanischen Gerontokraten. Lange Jahre sorgte er für die Sicherheit der Hauptstadt Pjöngjang. Im November 2010 kommandierte er den Artillerieüberfall auf die südkoreanische Insel Yonpjoeng, bei dem vier Menschen starben.

Jetzt hat er von einer Stunde zur anderen offenbar alles verloren. Das Politbüro entließ ihn gestern - "aus Krankheitsgründen", wie die amtliche Nachrichtenagentur KCNA offiziell mitteilte.

Überraschendes Nordkorea: Seit rund einem halben Jahr wird die asiatische Atommacht von einem unerfahrenen Jüngling regiert, und schon knirscht es im Gebälk der Kim-Dynastie. Denn dass Ri entlassen wurde, nur weil er krank war, ist zwar nicht ausgeschlossen: Er war in den letzten Monaten weniger als sonst in der Öffentlichkeit erschienen.

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Entlassener General Ri Yong: Der Hardliner muss gehen
Gleichwohl ist Hinfälligkeit wohl nicht der Grund für ein solch abruptes Karriere-Ende. In der Regel bleiben die alten Herren bis zu ihrem Tod im Amt. Sie verschwinden nach nordkoreanischer Tradition in den Schattenwelten der Macht. In Ris Fall aber trat extra das vollständige Politbüro mit der Tagesordnung "Organisatorische Fragen" zusammen, um ihn zu entlassen.

Musste Ri gehen, weil er sein Land blamierte?

Was also könnte hinter dem Fall des Vizemarschalls stecken, der um so verblüffender ist, als er von Jong Uns Vater dazu auserkoren worden war, den Aufstieg des Sohnes zum Olymp der Macht zu begleiten und abzusichern?

Erste Variante: Als Stabschef war Ri zuständig für das nordkoreanische Atom- und Raketenprogramm und damit für den heftigen Fehlschlag im April, als ein Interkontinentalgeschoss zwei Minuten nach dem Start explodierte. Nordkoreas Militärs standen vor aller Welt blamiert da, die Schlagkraft ihrer Armee war in Frage gestellt. Pjöngjangs Rüstungskunden haben die Pleite aufmerksam registriert.

Der junge Kim Jong Un tat etwas Ungewöhnliches. Er informierte seine Untertanen - und nun feuert er womöglich den Verantwortlichen. Das heißt: Es weht ein neuer Wind in Pjöngjang, Kim-Junior und seine Entourage bringen die festen Strukturen zwischen Militär und Partei durcheinander.

Aber auch andere Erklärungen sind möglich. Nordkoreas Führungszirkel streiten sich über den zukünftigen Kurs des Landes. Während der Ende vorigen Jahres verstorbene "Große Führer" und "Generalissimus" Kim Jong Il mit Wirtschaftsreformen so vorsichtig umging wie mit einem Wespennest auf seiner Veranda, scheint sein Sohn aufgeschlossener. Das lässt sich aus Äußerungen von Yang Hyung Seob, einem führenden Funktionär der Volksversammlung, schließen. Kim Jong Un, erklärte er jüngst, beobachte "aufmerksam wirtschaftliche Reformen in verschiedenen Ländern, China eingeschlossen".

Ri galt als Hardliner

Tatsächlich reisen derzeit zahlreiche nordkoreanische Funktionäre auf Erkundungstour durch die Welt. Sie sollen, forderte Kim sie auf, "lernen, was sie wissen müssen, und Informationen sammeln". Geplant ist derzeit eine Sonderwirtschaftszone mit China und Russland bei Rason im Norden des Landes.

Ri hingegen galt als Hardliner unter den Militärs, die allein das Nachdenken über die Planwirtschaft als kapitalistisches Teufelswerk verurteilen. Der junge Kim aber weiß, dass ihn die Untertanen nicht mehr ohne Weiteres als neue Hauptperson eines quasi-religiösen Führerkultes akzeptieren. Um seine Legitimität zu beweisen, muss er das Versprechen seines Vaters auf Wohlstand einlösen.

Zumindest aber muss er dafür sorgen, dass die Menschen genug zu essen haben.

Eines steht jedenfalls fest: Unter Kim-Junior herrscht, wie der Fall Ris zeigt, ein klein wenig mehr Offenheit als früher. Doch das Land bleibt ein Rätsel.

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Die Exklusivmeldung 16.07.2012
1. Sieg dem Kapitalismus
Zitat von sysopDPARi Yong galt als Hardliner der alten nordkoreanischen Garde, eine feste Größe in Armee und Partei. Um so überraschender kommt nun seine Entlassung. Musste er für einen blamablen Fehler büßen? Oder stand er Reformen im Weg? So viel scheint klar: Es weht ein wenig neuer Wind in Pjöngjang. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,844672,00.html
Letztlich bricht auch die letzte kommunistische Bastion zusammen. Weil es einfach keinen Sinn macht. Der Kapitalismus hat gesiegt, er ist stärker als alles andere auf dieser Welt. Kim jr. ist gut beraten, sich weiteren Reformen nicht zu verschliessen.
mimas101 16.07.2012
2. Rätsel?
Säuberungen bei Machtwechseln in stalinistischen Diktaturen sind nichts ungewöhnliches und wozu hungernde Menschen in der Lage sind sieht man z.B. an der frz. Revolution.
Layer_8 16.07.2012
3. Neuer Wind...
Zitat von sysopDPARi Yong galt als Hardliner der alten nordkoreanischen Garde, eine feste Größe in Armee und Partei. Um so überraschender kommt nun seine Entlassung. Musste er für einen blamablen Fehler büßen? Oder stand er Reformen im Weg? So viel scheint klar: Es weht ein wenig neuer Wind in Pjöngjang. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,844672,00.html
Ich denke, dass China jetzt anfängt aufzuräumen bei diesem blamablen "Verbündeten". Und Südkorea wird das Nachsehen haben, die kriegen diese Last dann wohl letztendlich aufgebürdet. Auch gut für Chinas Elektronikindustrie. Raffiniert!
hirn_einschalten 16.07.2012
4. Sozialismus in Reinstform
In Nordkorea herrscht seit Jahrzehnten Sozialismus in Reinstform. Es gibt keinen Kapitalismus, kein Eigentum, alle sind gleich wohlhabend. Und über diesen paradiesischen Zustand wacht eine paternalistische Elite, die mittlerweile steinalt ist. Bin gespannt, ob aus dieser real-existierenden sozialistischen Hölle, jetzt ein sozialistisches Fegefeuer wird?
wilam 16.07.2012
5. trotz un-glaublicher Disziplinierung
- s. die Berichte aus den Straflagern - herrschen wg. der Armut und des Hungers solche Spannungen in dem Land, daß die Veränderungen nur mikroskopisch und im Wechselschritt geschehen können. Eigentlich keine Rätsel.
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