SPIEGEL ONLINE

SPIEGEL ONLINE

01. Januar 2013, 09:47 Uhr

Überraschende Neujahrsansprache

Kim kündigt "radikalen Wechsel" in Nordkorea an

Nordkoreas Machthaber sorgt für die erste politische Überraschung 2013. Kim Jong Un hat in einer Fernsehansprache grundsätzliche Veränderungen angekündigt. Der Lebensstandard des darbenden Volkes soll verbessert und die Feindschaft mit Südkorea beendet werden. Dennoch werde weiter hochgerüstet.

Seoul - 19 Jahre lang gab es in Nordkorea keine Neujahrsansprache des Machthabers. Nun hat Kim Jong Un an die Gepflogenheit seines Großvaters Kim Il Sung angeknüpft und sich zum Jahreswechsel im Staatsfernsehen an sein Volk gewandt - mit einer überraschenden Botschaft: Die Politik seines seit Jahrzehnten abgeschotteten Landes solle einen "radikalen" Wechsel erleben. Im neuen Jahr sei die Verbesserung des Lebens der Bevölkerung das oberste Ziel. Zudem rief Kim zum Ende der Feindschaft mit Südkorea auf.

2013 werde ein Jahr "großer Schöpfungen und Veränderungen sein, die einen radikalen Umschwung bewirken", versprach Kim in seiner Neujahrsbotschaft. "Es ist wichtig, die Konfrontation zwischen dem Norden und dem Süden zu beenden." So könne "die Teilung des Landes beendet und seine Wiedervereinigung erreicht werden". Die Vergangenheit zeige, dass Konfrontation zwischen Landsleuten zu "nichts als Krieg" führe.

Kim forderte zudem einen radikalen Umschwung, der das Land zu einem "wirtschaftlichen Riesen" machen. Dabei stünden die Landwirtschaft und die Leichtindustrie im Zentrum. Der erfolgreiche Start einer Weltraumrakete in Nordkorea im Dezember soll dabei laut Kim als Ansporn für die Anstrengungen der Menschen dienen. Seit Jahren ist das verarmte, aber hochgerüstete Nordkorea auf Hilfe von außen angewiesen.

In ungewohnter Offenheit benannte Kim in der Neujahrsansprache die ökonomischen Probleme. Zurzeit sei die Wirtschaft des Landes in keinem guten Zustand, der Lebensstandard ausbaufähig, räumte er ein. Ob er diese Probleme mit Reformen oder einer Marktliberalisierung zu lösen gedenkt, sagte der Staatsführer nicht. Lediglich eine stärkere Rolle des Forschungs- und Technologiesektors werde angestrebt.

Zum Jahreswechsel gab es ein Zeichen eines möglichen - zumindest oberflächlichen - Wandels im kommunistischen Land: Zum ersten Mal überhaupt fand in Pjöngjang eine große Neujahrsparty statt. Die Einwohner der Hauptstadt betrachteten ähnlich wie in vielen anderen Metropolen der Welt ein zentrales Feuerwerk, schossen Fotos und tanzten lachend im Schnee.

Keine konkreten Vorschläge für Annäherung an Südkorea

Die USA, Südkorea und andere Staaten sehen in dem Start am 12. Dezember einen verdeckten Test für die Entwicklung von Interkontinentalraketen, die mit Atomsprengköpfen bestückt werden können. Nordkorea hingegen spricht von einem Satellitenstart zu friedlichen Zwecken.

Zumindest verbal beteuerte Kim nun erneut den Willen zum Frieden mit dem bislang verfeindeten Südkorea. Die Beendigung der Landesteilung sei eine wichtige Aufgabe, "die Konfrontation zwischen Nord und Süd zu beenden", sagte Kim. Konkrete Vorschläge hierzu nannte er jedoch nicht. Vielmehr bekräftigte er die Forderung Pjöngjangs, die Abkommen der bisher einzigen beiden gesamtkoreanischen Gipfeltreffen 2000 und 2007 umzusetzen. Kim nannte die Abkommen "große Wiedervereingungsprogramme".

Zugleich sendete Kim ein widersprüchliches Signal, als er betonte, es sei für Nordkorea nötig, bessere Waffen zu entwickeln und die militärische Stärke weiter auszubauen. "Nur wenn wir unsere Militärmacht in jeder Hinsicht weiterentwickeln, wird das Land prosperieren und die Sicherheit und Zufriedenheit seiner Bürger steigen", sagte er. Allerdings erwähnte der Machthaber in seiner Rede die umstrittenen Atomwaffen nicht direkt.

Nordkorea hatte den Kontakt zur Regierung des scheidenden südkoreanischen Präsidenten Lee Myung Bak abgebrochen. Lee hatte sich von der "Sonnenscheinpolitik" seiner beiden Vorgänger abgesetzt. Im Februar übernimmt Lees konservative Parteifreundin Park Geun Hye das Präsidentenamt. Sie hat sich von der harten Linie Lees gegenüber Pjöngjang distanziert und für die Notwendigkeit einer stärkeren Zusammenarbeit mit Nordkorea ausgesprochen.

Die Beziehungen zwischen den beiden Staaten sind seit dem Korea-Krieg in den fünfziger Jahren gespannt. Die Uno beschloss wegen seiner Atomwaffenversuche und Raketentests mehrfach Sanktionen gegen Nordkorea. Die Bevölkerung des Landes darbt in extremer Armut, während die Streitkräfte zahlenmäßig stark und hochgerüstet sind.

Kim knüpfte mit der Rede an die Gepflogenheit seines Großvaters Kim Il Sung an, zum neuen Jahr eine Ansprache zu halten. Der als Staatsgründer verehrte Diktator starb 1994. Dessen Sohn und Nachfolger Kim Jong Il hatte so gut wie nie öffentliche Reden gehalten. Unter seiner Herrschaft waren die Ziele für das neue Jahr in einem Leitartikel der offiziellen Zeitungen umrissen worden. Nach seinem Tod vor einem Jahr war sein Sohn zum neuen Machthaber ausgerufen worden.

fdi/Reuters/dpa/AFP/AP/dapd

URL:

Mehr auf SPIEGEL ONLINE:


© SPIEGEL ONLINE 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH