Nordkoreas Raketentest Die verpatzte Provokation

Eigentlich stand der Deal: Die USA liefern Getreide für das hungernde Volk, wenn Pjöngjang auf weitere Raketentests verzichtet. Warum setzte sich Nordkorea darüber hinweg? Weil der junge Kim Jong Un sich beweisen wollte? Oder macht das Militär einfach, was es will?

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AP

Pjöngjang - Eines kann man den Nordkoreanern nicht vorwerfen, wenn sie wieder einmal die Welt provozieren wollen: Verstöße gegen internationale Regeln. Rechtzeitig vor einem Raketenstart informieren sie alle internationalen See- und Luftfahrtbehörden über Zeitpunkt und geplante Route: Kapitäne und Piloten können rechtzeitig ihren Kurs ändern, um nicht von herunterfallenden Teilen des Geschosses getroffen zu werden.

So geschah es auch gestern, als das nordkoreanische Militär versuchte, eine Unha-Rakete ins All zu schießen. Der Start schlug fehl, etwa hundert Sekunden, nachdem sie von der Rampe abgehoben hatte, fiel sie auf die Erde zurück. Das Geschenk für den 1994 verstorbenen Herrscher und Staatsgründer Kim Il Sung, dem "Ewigen Präsidenten", zum 100. Geburtstag fiel im wahrsten Sinne des Wortes ins Wasser.

Dies ist peinlich für die nordkoreanische Führung, denn es war bereits der dritte missglückte Versuch, eine Rakete ins All zu feuern. Mit dem Start, so hatte die Propaganda getönt, wolle das Land das Tor zu einer "aufstrebenden Nation ... im Zeitalter der modernsten Wissenschaft und Technologie" aufstoßen.

Neu ist allerdings: Dieses Mal informierte Pjöngjangs Führung ihre Untertanen über die Pleite. Beim letzten Mal noch hatte die Propaganda von einem funktionierenden nordkoreanischen Wettersatelliten geschwärmt, obwohl der nie das All erreichte.

Kim Jong Un demonstrierte Stärke, wo keine Stärke ist

Der jüngste Fehlschlag kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass sich der neue nordkoreanische Führer Kim Jong Un keinen Deut anders verhält als sein Ende vorigen Jahres gestorbener Vater: Mit vermeintlich irrationalen Drehungen und Wendungen stößt der junge Herrscher die internationale Gemeinschaft vor dem Kopf, wie es der Senior getan hatte. Er demonstriert Stärke, wo keine Stärke ist und riskiert sogar den Zorn seines Verbündeten China.

Mit dem Start der Unha-3 hat Kim Jong Un vor allem die Amerikaner provoziert. Die hatten ihm im Februar versprochen, 240.000 Tonnen Getreide zu liefern. Als Gegenleistung sicherte er unter anderem zu, sein Atomprogramm, konkret die Anreicherung von Uran, vorerst zu stoppen und keine Langstreckenraketen abzuschießen.

Washington hat nun angekündigt, die versprochenen Lebensmittelhilfen nicht zu verschiffen. Dabei wussten die Diplomaten schon im vorigen Jahr von dem Start einer Rakete. Schon Kim Jong Il hatte ihn geplant.

Doch den US-Unterhändlern unterlief offenbar ein schwerer handwerklicher Fehler: Sie verzichteten bei ihrem Lebensmittelangebot auf schriftliche Zusicherungen der Nordkoreaner, keine Rakete ins All zu schießen. Nach Berichten von Fachleuten fürchtete Chefunterhändler Glyn Davies, der gesamte Deal könne platzen.

Dreimal trafen sich in den letzten Wochen amerikanische und nordkoreanische Diplomaten und Experten zu geheimen, sogenannten "track 2"-Gesprächen, einmal auch in Deutschland. Doch weder die Amerikaner noch die Nordkoreaner besaßen das Mandat, ernsthaft zu verhandeln. So nahm das Unglück seinen Lauf.

Auch die chinesischen Verbündeten sind skeptisch

Pjöngjang fühlt sich ungerecht behandelt: Immer hätten die Amerikaner versichert, erklären seine Diplomaten, die Lieferung von Lebensmitteln hätte nichts mit Politik zu tun und sei eine rein humanitäre Geste. Wenn es sich Washington nun anders überlege, dann seien es die Amerikaner und nicht die Nordkoreaner, die den Vertrag vom 29. Februar brächen.

Denn bei dem Raketenstart habe es sich mitnichten um eine militärische Aktion gehandelt. Jeder Staat auf der Erde habe das Recht, mit friedlichen Absichten einen Satelliten ins All zu schicken. Warum nicht auch Nordkorea?

Diese Argumentation glaubt den Nordkoreanern keiner, auch die chinesischen Verbündeten sind skeptisch. Wie die Amerikaner gehen auch die asiatischen Nachbarn davon aus, dass Pjöngjang eine Rakete testen wollte, um irgendwann in der Zukunft in der Lage zu sein, einen Atomsprengkopf in Richtung des Erzfeinds USA zu schießen.

Und so bleibt die Frage, warum Kim Jong Un und seine Militärs Amerikaner wie Verbündete so ärgerten und gleichzeitig das Risiko eingingen, dass sich die erbärmliche Ernährungslage vieler Untertanen nicht verbessert. In der Vergangenheit griffen die nordkoreanischen Herrscher zu solchen Aktionen, um die internationalen Spannungen zu erhöhen und dann gegen das Versprechen, auf diese Taktik zu verzichten, Zugeständnisse in Form von Reis und Getreide zu kassieren.

Warum der Raketentest? Vier Erklärungsversuche

Doch in diesem Fall war der Deal bereits perfekt. Vier mögliche Erklärungen gibt es für das nordkoreanische Vorgehen:

  • Ein erfolgreicher Start hätte die Statur des jungen und unerfahrenen Kim Jong Un im Volk und unter seinen Generälen gestärkt. Gerade hat er sich zum "Ersten Sekretär" der Arbeiterpartei und zum Chef der Zentralen Militärkommission befördern lassen. Doch Posten allein reichen nicht. Im Innern Stärke zu gewinnen, ist Kim wichtiger als die ohnehin üblichen außenpolitischen Spannungen.
  • Kim Jong Un wollte Präsident Obama in der ihm eigenen Logik demonstrieren, dass ihm 240.000 Tonnen Getreide und Kraftkekse egal sind. Um ihn zu befrieden, so das Signal, müssten die Amerikaner "Butter bei die Fische" packen, in Nordkorea etwa einen Leichtwasserreaktor bauen.
  • Nordkoreas Militärs scheren sich nicht darum, was die Diplomaten verhandeln. Sie wollen mit dem Säbel rasseln, internationale Stärke demonstrieren und nicht zuletzt Nordkoreas Rüstungsgüter auf den Waffenmärkten dieser Welt anpreisen. Humanitäre Hilfe verstehen sie als Eingeständnis der Schwäche gegenüber dem imperialistischen Erzfeind USA. Kim Jong Un hat sich schließlich auf die Seite der Marschälle und Generäle geschlagen oder, dies wäre noch besorgniserregender: Sie haben ihn schlicht ignoriert.
  • Die eine Hand wusste nicht, was die andere tut. Womöglich war die komplizierte nordkoreanische Bürokratie nach dem Handel mit Washington nicht in der Lage, den schon unter Kim Jong Il geplanten Raketenstart zu stoppen.

Nordkorea baut weiter Raketen. Und irgendwann werden sie fliegen

Die Zeichen stehen also nicht gut für ein friedlicheres Ostasien: Das Regime unter Kim-Junior ist unberechenbar wie zuvor. Womöglich wird er nun eine Atombombe zünden, um die Scharte auszuwetzen. Dies wäre der dritte Test der nordkoreanischen Atommacht.

Und die Amerikaner wissen immer noch nicht, wie sie mit diesen schwierigen Gesellen mit den Tellermützen und den ordensbehängten Uniformjacken umgehen sollen. Härte und Sanktionen haben bislang nicht genutzt, Eingeständnisse ebenso wenig.

Washington setzt vor allem auf die Chinesen, die endlich ihren Verbündeten zur Vernunft bringen sollen. Doch selbst Pekings Einfluss reicht, wie sich in der Vergangenheit zeigte, nicht aus.

Derweil bauen die Nordkoreaner trotz des jüngsten Rückschlages immer längere Raketen. Und eines Tages werden sie nicht mehr vorzeitig abstürzen.

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insgesamt 59 Beiträge
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Seite 1
artusdanielhoerfeld 13.04.2012
1. Mein Gott!
Zitat von sysopAPEigentlich stand der Deal: Die USA liefern Getreide für das hungernde Volk, wenn Pjönjang auf weitere Raketentests verzichtet. Warum setzte sich Nordkorea darüber hinweg? Weil der junge Kim Jong Un sich beweisen wollte? Oder macht das Militär einfach, was es will? Nordkoreas verpatzter Raketentest: Die*verpatzte Provokation - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - Politik (http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,827456,00.html)
Langsam ist aber mal gut, Freunde! Das Projekt ist gescheitert, niemand kam zu Schaden, mit einer Wiederholung ist erstmal nicht zu rechnen, also darf sich die Aufregung auch wieder beruhigen, okay?
asdf01 13.04.2012
2.
Zitat von sysopAPEigentlich stand der Deal: Die USA liefern Getreide für das hungernde Volk, wenn Pjönjang auf weitere Raketentests verzichtet. Warum setzte sich Nordkorea darüber hinweg? Weil der junge Kim Jong Un sich beweisen wollte? Oder macht das Militär einfach, was es will? Nordkoreas verpatzter Raketentest: Die*verpatzte Provokation - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - Politik (http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,827456,00.html)
Ich frage mich bei solche Sätzen immer, wie man auf den Trichter kommt, dass die Chinesen die Nordkoreaner "zur Vernunft bringen" wollen. Ein scheinbar randalierendes Nordkorea in ihrer Einflusssphäre ist doch aller Logik nach absolut in ihrem Interesse. Man darf eigentlich davon ausgehen, dass das mindestens mit wohlwollender Duldung Chinas geschieht.
hansjoki 13.04.2012
3. TJJA - so kann man politische Ereignisse...
Zitat von artusdanielhoerfeldLangsam ist aber mal gut, Freunde! Das Projekt ist gescheitert, niemand kam zu Schaden, mit einer Wiederholung ist erstmal nicht zu rechnen, also darf sich die Aufregung auch wieder beruhigen, okay?
auch bewerten... Ein Volk, das nahezu am Verhungern ist und auch in seiner Freiheit unterdrückt wird - " "darf" also Jubeln" - selbst über technisch-organisatiorisches Versagen. Und wer solchen Schwachsinn / Irrsinn kritisiert, "regt" sich nicht auf, sondern "erlaubt" sich, über Humanität, Ethik und "Intelligenz" der menschlichen Rasse zu reflektieren... (aber - nur weiter so. Die Neandertaler leben noch !)
sabaro4711 13.04.2012
4.
Zitat von sysopAPEigentlich stand der Deal: Die USA liefern Getreide für das hungernde Volk, wenn Pjönjang auf weitere Raketentests verzichtet. Warum setzte sich Nordkorea darüber hinweg? Weil der junge Kim Jong Un sich beweisen wollte? Oder macht das Militär einfach, was es will? Nordkoreas verpatzter Raketentest: Die*verpatzte Provokation - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - Politik (http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,827456,00.html)
Du meine Güte....jetzt mal davon abgesehen, dass es hier um ein Land geht, was nicht grad den Ruf einer Hightech-Nation hat... wieviele Raketen haben den die Amis und Russen verblasen, ehe sie die Technik einigermaßen im Griff hatten? Und auch unsere Ariane hat so manchen Fehlstart hingelegt...also mal nicht so hochnäsig sein
mica-thana 13.04.2012
5.
Zitat von sysopAPEigentlich stand der Deal: Die USA liefern Getreide für das hungernde Volk, wenn Pjönjang auf weitere Raketentests verzichtet. Warum setzte sich Nordkorea darüber hinweg? Weil der junge Kim Jong Un sich beweisen wollte? Oder macht das Militär einfach, was es will? Nordkoreas verpatzter Raketentest: Die*verpatzte Provokation - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - Politik (http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,827456,00.html)
Unsere Propaganda behauptet, dass es ein Raketentest war für das Militär, NK Propaganda "behauptet", dass es einen Satelliten ins All befördern sollte. Nur mal rein spekuliert, es war wirklich ein Raketenstart, der einen Forschungssatelliten ins All bringen sollte... Oh mein Gott was für eine Bedrohung für die USA oder Europa... damit könnte NK unser Wetter oder was auch immer Ausspionieren... (Vorsicht in den letzten Sätzen ist Ironie versteckt) Unsere Propaganda funktioniert dabei leider besser, weil viele Kleingeister pro Amerika sind und alles glauben was so berichtet wird. Eine Rakete, egal welchen Typs (selbst unsere Trägerraketen für Satelliten etc) können, da sie das gewicht von..., und platz für Satelliten haben/tragen können, ebenfalls Waffenfähig gemacht werden. Langsam kommen einem zweifel ob so manche "unabhängige" Berichtserstattung auch wirklich "unabhängig" und unbeeinflusst von vorgefertigten Meinungen ist.
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