Von Andreas Lorenz
Pjöngjang - Eines kann man den Nordkoreanern nicht vorwerfen, wenn sie wieder einmal die Welt provozieren wollen: Verstöße gegen internationale Regeln. Rechtzeitig vor einem Raketenstart informieren sie alle internationalen See- und Luftfahrtbehörden über Zeitpunkt und geplante Route: Kapitäne und Piloten können rechtzeitig ihren Kurs ändern, um nicht von herunterfallenden Teilen des Geschosses getroffen zu werden.
So geschah es auch gestern, als das nordkoreanische Militär versuchte, eine Unha-Rakete ins All zu schießen. Der Start schlug fehl, etwa hundert Sekunden, nachdem sie von der Rampe abgehoben hatte, fiel sie auf die Erde zurück. Das Geschenk für den 1994 verstorbenen Herrscher und Staatsgründer Kim Il Sung, dem "Ewigen Präsidenten", zum 100. Geburtstag fiel im wahrsten Sinne des Wortes ins Wasser.
Dies ist peinlich für die nordkoreanische Führung, denn es war bereits der dritte missglückte Versuch, eine Rakete ins All zu feuern. Mit dem Start, so hatte die Propaganda getönt, wolle das Land das Tor zu einer "aufstrebenden Nation ... im Zeitalter der modernsten Wissenschaft und Technologie" aufstoßen.
Neu ist allerdings: Dieses Mal informierte Pjöngjangs Führung ihre Untertanen über die Pleite. Beim letzten Mal noch hatte die Propaganda von einem funktionierenden nordkoreanischen Wettersatelliten geschwärmt, obwohl der nie das All erreichte.
Kim Jong Un demonstrierte Stärke, wo keine Stärke ist
Der jüngste Fehlschlag kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass sich der neue nordkoreanische Führer Kim Jong Un keinen Deut anders verhält als sein Ende vorigen Jahres gestorbener Vater: Mit vermeintlich irrationalen Drehungen und Wendungen stößt der junge Herrscher die internationale Gemeinschaft vor dem Kopf, wie es der Senior getan hatte. Er demonstriert Stärke, wo keine Stärke ist und riskiert sogar den Zorn seines Verbündeten China.
Mit dem Start der Unha-3 hat Kim Jong Un vor allem die Amerikaner provoziert. Die hatten ihm im Februar versprochen, 240.000 Tonnen Getreide zu liefern. Als Gegenleistung sicherte er unter anderem zu, sein Atomprogramm, konkret die Anreicherung von Uran, vorerst zu stoppen und keine Langstreckenraketen abzuschießen.
Washington hat nun angekündigt, die versprochenen Lebensmittelhilfen nicht zu verschiffen. Dabei wussten die Diplomaten schon im vorigen Jahr von dem Start einer Rakete. Schon Kim Jong Il hatte ihn geplant.
Doch den US-Unterhändlern unterlief offenbar ein schwerer handwerklicher Fehler: Sie verzichteten bei ihrem Lebensmittelangebot auf schriftliche Zusicherungen der Nordkoreaner, keine Rakete ins All zu schießen. Nach Berichten von Fachleuten fürchtete Chefunterhändler Glyn Davies, der gesamte Deal könne platzen.
Dreimal trafen sich in den letzten Wochen amerikanische und nordkoreanische Diplomaten und Experten zu geheimen, sogenannten "track 2"-Gesprächen, einmal auch in Deutschland. Doch weder die Amerikaner noch die Nordkoreaner besaßen das Mandat, ernsthaft zu verhandeln. So nahm das Unglück seinen Lauf.
Auch die chinesischen Verbündeten sind skeptisch
Pjöngjang fühlt sich ungerecht behandelt: Immer hätten die Amerikaner versichert, erklären seine Diplomaten, die Lieferung von Lebensmitteln hätte nichts mit Politik zu tun und sei eine rein humanitäre Geste. Wenn es sich Washington nun anders überlege, dann seien es die Amerikaner und nicht die Nordkoreaner, die den Vertrag vom 29. Februar brächen.
Denn bei dem Raketenstart habe es sich mitnichten um eine militärische Aktion gehandelt. Jeder Staat auf der Erde habe das Recht, mit friedlichen Absichten einen Satelliten ins All zu schicken. Warum nicht auch Nordkorea?
Diese Argumentation glaubt den Nordkoreanern keiner, auch die chinesischen Verbündeten sind skeptisch. Wie die Amerikaner gehen auch die asiatischen Nachbarn davon aus, dass Pjöngjang eine Rakete testen wollte, um irgendwann in der Zukunft in der Lage zu sein, einen Atomsprengkopf in Richtung des Erzfeinds USA zu schießen.
Und so bleibt die Frage, warum Kim Jong Un und seine Militärs Amerikaner wie Verbündete so ärgerten und gleichzeitig das Risiko eingingen, dass sich die erbärmliche Ernährungslage vieler Untertanen nicht verbessert. In der Vergangenheit griffen die nordkoreanischen Herrscher zu solchen Aktionen, um die internationalen Spannungen zu erhöhen und dann gegen das Versprechen, auf diese Taktik zu verzichten, Zugeständnisse in Form von Reis und Getreide zu kassieren.
Warum der Raketentest? Vier Erklärungsversuche
Doch in diesem Fall war der Deal bereits perfekt. Vier mögliche Erklärungen gibt es für das nordkoreanische Vorgehen:
Nordkorea baut weiter Raketen. Und irgendwann werden sie fliegen
Die Zeichen stehen also nicht gut für ein friedlicheres Ostasien: Das Regime unter Kim-Junior ist unberechenbar wie zuvor. Womöglich wird er nun eine Atombombe zünden, um die Scharte auszuwetzen. Dies wäre der dritte Test der nordkoreanischen Atommacht.
Und die Amerikaner wissen immer noch nicht, wie sie mit diesen schwierigen Gesellen mit den Tellermützen und den ordensbehängten Uniformjacken umgehen sollen. Härte und Sanktionen haben bislang nicht genutzt, Eingeständnisse ebenso wenig.
Washington setzt vor allem auf die Chinesen, die endlich ihren Verbündeten zur Vernunft bringen sollen. Doch selbst Pekings Einfluss reicht, wie sich in der Vergangenheit zeigte, nicht aus.
Derweil bauen die Nordkoreaner trotz des jüngsten Rückschlages immer längere Raketen. Und eines Tages werden sie nicht mehr vorzeitig abstürzen.
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