Nordkoreas neue Offenheit: Reich mir die Flosse, Genosse

Nordkoreas Propagandafotografie hat sich gewandelt. Wo der greise Kim Jong Il noch lustlos BHs, Gurken und Gummistiefel inspizierte, zeigt sich sein Sohn nun ganz entspannt mit Frau und Krake. Experten vermuten: Kim Jong Un will moderner wirken - und erwachsen.

Kims neue Offenheit: Abschied vom Geheimniskrämer Fotos
REUTERS/ KCNA

Pjöngjang - Das Verbreiten von Propagandabildern über die staatlichen Medien hat in Nordkorea Tradition. Vom früheren Despoten Kim Jong Il gibt es etliche Fotos - diese zeigen ihn aber immer in gestellten Situationen, und stets scheint im Vordergrund zu stehen, die angebliche Produktivität des verarmten Staates zu transportieren. Da ist Kim beim Betrachten pastellbunter Gummistiefel, beim Inspizieren von Büstenhaltern, beim Bewundern prächtiger Gemüse. Doch während der Papa auf den Propagandabildern eher wirkte wie ein gequälter Senior auf Bildungsreise, lässt sich der Sohn nun als modernen Herrscher feiern.

Kim Jong Un lässt sich dramatisch anders darstellen als sein Vater. Er lächelt auf beinahe jedem Foto, das die Staatsmedien herausgeben. Er besucht Vergnügungsparks und Musicals. Er winkt. Er scherzt. Und er zeigt sich mit einer hübschen jungen Frau an seiner Seite, die - nach einiger Geheimniskrämerei - nun als seine Gattin Ri Sol Ju präsentiert wird.

All dies wäre unter seinem Vater vollkommen undenkbar gewesen. Kim Jong Il legte Zeit seines Lebens höchsten Wert auf Privatsphäre; über sein Familienleben und seine Kinder wurde kaum etwas bekannt. Dass er sich für ein Foto in ein Karussell gesetzt hätte, ist nicht vorstellbar. Der alte Kim besuchte Produktionsstätten, keine Amüsierbetriebe.

"Kim Jong Un bricht mit dem geheimnisumwitterten Führungsstil seines Vaters", sagt Lim Eul Chul, Nordkorea-Experte an der südkoreanischen Kyungnam-Universität. "Dass er nun seine Frau vorgestellt hat, ist ein Zeichen, dass Kim einen offeneren Führungsstil pflegen will." Kims neuer Stil erinnert mehr an seinen Großvater Kim Il Sung, der sich durchaus öfter mit seiner Frau fotografieren ließ, gern auch mit seinen Kindern im Arm.

Wählte der alte Kim die Braut aus?

Doch offenbar hat auch die neue Offenheit in Pjöngjang ihre Grenzen. Details zur First Lady lieferten die staatlichen Medien nicht. Das stalinistische Nordkorea, in dem Millionen Menschen in großer Armut leben, ist nahezu hermetisch von den Nachbarstaaten abgeriegelt, so dass nur wenige Informationen nach außen dringen. Einige Hinweise lassen sich allerdings in südkoreanischen Zeitungen finden.

In der Tageszeitung "Chosun Ilbo" hieß es, Kim Jong Un sei bei einem Konzert auf seine zukünftige Frau aufmerksam geworden, das er gemeinsam mit seinem Vater besuchte. Die Zeitung "Joong Ang Ilbo" will sogar erfahren haben, dass die Wahl der Braut durch den Vater erfolgte. Ris Mutter sei Ärztin, ihr Vater sei ebenfalls Akademiker. Die Zeitung "Dong A Ilbo" datierte die Eheschließung auf 2009 und berichtete über ein 2010 geborenes Kind des Paares, von dem in den nordkoreanischen Mitteilungen nicht die Rede ist.

Der südkoreanische Abgeordnete Jung Chung Rai enthüllte unter Berufung auf Geheimdienstinformationen, Ri habe 2005 als Mitglied einer Jubeltruppe die nordkoreanische Delegation bei einem Sportwettbewerb nach Seoul begleitet. Sie sei 1989 geboren und habe ihre Ausbildung als Sängerin in China absolviert. Die südkoreanische Nachrichtenagentur Yonhap berichtete, Ri sei in einem sechsmonatigen Spezialkurs auf ihre Rolle als Ehefrau des Machthabers vorbereitet worden.

Keine Hinweise auf einen echten Wandel

Die Veröffentlichung von Fotos des Ehepaares solle zeigen, dass Kim Jong Un "kein Kind mehr ist", sagte Chang Yong Suk vom Institut für Friedens- und Vereinigungsstudien an der südkoreanischen Staatsuniversität in Seoul. Ähnlich sieht es Daniel Pinkston, ein Analyst der International Crisis Group in Seoul. Wer verheiratet ist, kann nicht zu jung sein, um einen Staat zu führen - das jedenfalls solle wohl das Signal an die vielen Funktionäre sein, die nun unter Kim arbeiten und deutlich älter sind als dieser.

Nord- und Südkorea befinden sich auch mehr als fünf Jahrzehnte nach dem Korea-Krieg offiziell noch immer im Kriegszustand. Zwischen der Regierung in Pjöngjang und den USA gibt es keine diplomatischen Beziehungen. Dennoch reagierte Washington auf die Berichte über die Ehe Kim Jong Uns. "Wir würden Frischverheirateten immer alles Gute wünschen", sagte Außenamtssprecherin Victoria Nuland, die sogleich eine kritische Bemerkung anfügte: "Unsere wichtigste Sorge gilt der nordkoreanischen Bevölkerung." Washington hoffe für die Nordkoreaner auf "bessere Lebensbedingungen".

Es gibt aber bislang keine Hinweise, dass Kim Jong Un, der seit dem Tod seines Vaters im Dezember an der Macht ist, einen grundlegenden politischen Kurswechsel vollzieht. Die Beziehungen zwischen Nord- und Südkorea haben sich nicht verbessert. Das Verteidigungsministerium in Seoul teilte am Donnerstag mit, dass erstmals seit zwölf Jahren wieder Tausende Flugblätter mit Kritik an der südkoreanischen Staatsführung vom Norden aus mit Luftballons in den Süden geschickt wurden.

ffr/AFP/AP

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insgesamt 18 Beiträge
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1. Propagandashow
zitzewitz 26.07.2012
Während Genosse Kim mit Gattin vergnügt Achterbahn fährt sitzen zur selben Zeit zehntausende politische Gefangene unter unmenschlichen Bedingungen in nordkoreanischen Konzentrationslagern. Erst wenn diese freikommen bin ich bereit an einen Wandel in Nordkorea zu glauben.
2. Immer noch abscheulich!
TangoGolf 26.07.2012
Zitat von sysopREUTERS/ KCNANordkoreas Propagandafotografie hat sich gewandelt. Wo der greise Kim Jong Il noch lustlos BHs, Gurken und Gummistiefel inspizierte, zeigt sich sein Sohn nun ganz entspannt mit Frau und Krake. Experten vermuten: Kim Jong Un will moderner wirken - und erwachsen. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,846471,00.html
Ich finde es persönlich sehr krass, dass bereits die Vokabel "Offenheit" benutzt wird, wenn sich der Diktator Nordkoreas mal in anderen Propagandabildchen zeigt, als der Vorgänger. Wahrscheinlich ist es sachlich sogar richtig - zeigt es aber doch auch, wie krank das alles ist. Und wie sehr sich offenbar die Welt an solch "positiven" Entwicklungen aufgeilen kann. So lange ich kein Bild sehe, wie der liebe Führerdiktatorenpräsidentensohnnachfolger nicht von einer Krake verspeist wird, hat sich für mich rein gar nichts verändert!
3. Genosse ...
spon-facebook-10000385159 26.07.2012
Zitat von sysopREUTERS/ KCNANordkoreas Propagandafotografie hat sich gewandelt. Wo der greise Kim Jong Il noch lustlos BHs, Gurken und Gummistiefel inspizierte, zeigt sich sein Sohn nun ganz entspannt mit Frau und Krake. Experten vermuten: Kim Jong Un will moderner wirken - und erwachsen. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,846471,00.html
Kim hat gefurzt, also plant er nichts für den Umweltschutz zu unternehmen, ... immer wieder wunderbar diese Kaffeesatzleserei!
4.
oxybenzol 26.07.2012
Zitat von TangoGolfIch finde es persönlich sehr krass, dass bereits die Vokabel "Offenheit" benutzt wird, wenn sich der Diktator Nordkoreas mal in anderen Propagandabildchen zeigt, als der Vorgänger. Wahrscheinlich ist es sachlich sogar richtig - zeigt es aber doch auch, wie krank das alles ist. Und wie sehr sich offenbar die Welt an solch "positiven" Entwicklungen aufgeilen kann. So lange ich kein Bild sehe, wie der liebe Führerdiktatorenpräsidentensohnnachfolger nicht von einer Krake verspeist wird, hat sich für mich rein gar nichts verändert!
Ich bezweifle, dass ein unerwartetes Ableben von Kim etwas an der Situation in Nordkorea ändern wird. Ein plözlicher Tod des Machthabers kann zu einem Machtvakuum führen und damit zu militärischen Auseinandersetzungen bzw Bürgerkrieg. Im Falle von Kims Tod müsste sein legitimer Nachfolger sein Sohn sein. Da dieser allerdings noch nicht 18 ist, entsteht somit ein Machtvakuum. Persönlich hoffe ich ja, dass er in der Schweiz intelligent genug geworden ist, um zu sehen, dass es so in Nordkorea nicht weiter gehen kann. Das solch eine Veränderung nicht von heute auf morgen geschehen kann, sollte allerdings klar sein, da man sich ansonsten zu viele Feinde macht. Gorbatschov hat ja auch nicht direkt nach seiner Machtübernahme das gesamte sovjetische System gekippt.
5. optional
anomie 26.07.2012
Nordkorea interessiert den westen doch nur, weil wir dort unseren trash nicht verkaufen können. In den armen kapitalistischen ländern Asiens, Afrikas und Südamerikas (zudem Süd und Osteuropa) nehmen wir die armut problemlos hin. Dieser artikel ist kapitlaistische propaganda in reinform.
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Fläche: 122.762 km²

Bevölkerung: 24,346 Mio.

Hauptstadt: Pjöngjang

Staatsoberhaupt:
Kim Il Sung (obwohl bereits 1994 verstorben);
Protokollarisches Staatsoberhaupt: Kim Yong Nam;
"Oberster Führer": Kim Jong Un

Regierungschef: Pak Pong Ju

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