Gespräche zwischen Pjöngjang und Seoul Koreaner überrumpeln Weltmächte USA und China

Wie ist die plötzliche Gesprächsbereitschaft Pjöngjangs zu bewerten? Darüber sind sich Washington und Peking noch uneins. Sie geben sich zurückhaltend, denn Nordkoreas Angebot birgt Gefahren.

Xi Jinping und Donald Trump
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Xi Jinping und Donald Trump

Von und , Washington und Peking


Der nominell einzige Verbündete Nordkoreas schien wie überrumpelt von der Nachricht aus Pjöngjang. Das chinesische Staatsfernsehen stieg mit Verzögerung auf die Meldungen ein, dass Nord- und Südkorea ein Gipfeltreffen vereinbarten - und somit eine historische Annäherung planen. Im Gegenzug für Sicherheitsgarantieren könnte das Kim-Regime möglicherweise auf das umstrittene Nuklearprogramm verzichten, hieß es aus Pjöngjang - der Norden würde Gespräche mit den USA darüber erwägen.

Die Kommentarfunktion unter den chinesischen Online-Beiträgen war abgeschaltet - in der Regel ein Zeichen dafür, dass die Zensur eine aktuelle Nachricht für heikel hält und die politische Führung noch keine offizielle Sprachregelung ausgegeben hat.

Möglicher Grund für die vorsichtige Reaktion: In Peking tagt seit Montag der Nationale Volkskongress, das chinesische Parlament. Dort stehen wichtige Verfassungsänderungen an, unter anderem soll die Begrenzung der Amtszeit von Präsident Xi Jinping aufgehoben werden. Die Nachricht vom koreanisch-koreanischen Gipfeltreffen könnte das Programm des Volkskongresses überschatten.

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Denn die Lage auf der koreanischen Halbinsel ist das zentrale und drängendste außenpolitische Problem für China. Ein bewaffneter Konflikt um Kim Jong Uns Raketen- und Atomprogramm könnte die langfristigen politischen und wirtschaftlichen Pläne Pekings empfindlich stören. Obwohl Kim seit sieben und Chinas Präsident Xi Jinping seit sechs Jahren an der Macht ist, haben sie sich noch nie getroffen; das Verhältnis gilt als so schlecht wie seit Jahrzehnten nicht.

Peking will USA von der koreanischen Insel fernhalten

Sollte es im April zum Gipfeltreffen zwischen Kim und Südkoreas Präsident Moon Jae In kommen, dürfte China das grundsätzlich begrüßen. Offiziell drängt Peking auf eine Lösung, die Fu Ying, die Vorsitzende des Außenpolitischen Ausschusses des chinesischen Parlaments,in einem Beitrag für den SPIEGEL "Einstellung gegen Einstellung" nannte: Die USA und Südkorea sollen auf weitere Manöver und Nordkorea auf weitere Raketen- und Atomtests verzichten, so Pekings Mantra. Genau das hat Pjöngjang nach südkoreanischen Angaben nun in Aussicht gestellt. China wird das vermutlich als Erfolg verbuchen.

Langfristig verfolgt Peking das Ziel, seinen geopolitischen Rivalen, die USA, so weit wie möglich von der koreanischen Halbinsel fernzuhalten. Ob das nun angekündigte Gipfeltreffen diesem Ziel dienen wird, ist offen. Sollten den Gesprächen der beiden Koreas auch Verhandlungen Pjöngjangs mit Washington folgen, wären die USA wieder direkt am politischen Fortgang der Ereignisse in Nordkorea beteiligt.

Nach stundenlanger Stille äußerte sich Chinas Außenministerium dann doch noch offiziell zur möglichen Annäherung - erwartungsgemäß mit äußerst diplomatischen Worten: Sie hofften, dass alle Beteiligten die Situation nutzen würden, um die Probleme auf der Halbinsel zu lösen und den Prozess der Denuklearisierung voranzutreiben". China sei bereit, seinen Beitrag zu leisten, hieß es in einem Statement.

USA wollen Druck hochhalten - China könnte auf Sanktionsabbau drängen

US-Präsident Donald Trump äußerte sich zwar umgehend, reagierte aber ebenfalls zurückhaltend auf die Nachrichten aus Korea. "Es gibt möglicherweise Fortschritte in den Gesprächen", stellte Trump fest. "Die Welt schaut zu und wartet." Es könnte sich aber auch um "falsche Hoffnungen" auf Frieden handeln.

Die Vorsicht der Amerikaner kommt nicht von Ungefähr: Zwar lässt sich Nordkorea offenbar auf die wichtigste Forderung Washingtons ein, über eine Denuklearisierung der koreanischen Halbinsel zu sprechen. Kim und sein Regime spüren ganz offenkundig die Folgen der Sanktionen, die Washington und Peking in den vergangenen Monaten gemeinsam verhängt haben.

Doch schon in der Vergangenheit hat der Norden häufiger Gesprächsbereitschaft vorgetäuscht, um zum Beispiel im Gegenzug Lebensmittellieferungen aus dem Westen zu erhalten.

Angebot mit vielen Fragezeichen

Das Angebot wirft laut Paul Haenle aber auch Fragen auf: Haenle leitet das Carnegie Center an der renommierten Pekinger Tsinghua-Universität und gilt als einer der besten US-Kenner des Koreakonflikts. So gehe aus der Stellungnahme Südkoreas nicht klar hervor, was der folgende Satz bedeute: "Nordkorea hat auch deutlich gemacht, dass es keinen Grund gibt, Nuklearwaffen zu besitzen, wenn militärische Bedrohungen gegen den Norden eliminiert werden und die Sicherheit des Regimes gewährleistet wird."

Nordkorea hat laut Haenle immer eine militärische Bedrohung durch die USA vorgeschoben, um die Entwicklung seines Atomprogramms zu rechtfertigen. In diesem Zusammenhang haben nordkoreanische Funktionäre nach Angaben des Experten auch gesagt, dass sie ohne diese Bedrohung keinen Grund hätten, ein Waffenprogramm voranzutreiben. Südkorea könnte also Äußerungen Nordkoreas paraphrasiert haben, die Nordkorea schon immer vorgebracht hat, um sein Atomprogramm zu begründen, sagt Haenle. In diesem Fall gibt es für den Experten auch kein Anzeichen für einen neuen und ernsthaften Versuch, atomar abzurüsten.

Gesprächsbereitschaft könnte gefährliche Taktik sein

Hinter der scheinbaren Gesprächsbereitschaft könnte deshalb auch ein rein taktisches Manöver des Nordens stehen, um einen Keil zwischen die USA, China und die Südkoreaner zu treiben. Es könnte zum Streit über die richtige Strategie kommen: Trump und seine Berater werden den Druck auf das Regime in Pjöngjang zunächst sicherlich aufrechterhalten wollen, bis Kim sein nukleares Waffenarsenal wie gefordert abbaut. Chinesen und Südkoreaner könnten hingegen gewillt sein, bestimmte Sanktionen schon während der Gespräche zurückzunehmen, etwa die Ölblockade.

Andererseits bedeutet die Offenheit des Nordens für Trump auch eine Chance. Der Präsident weiß nur zu genau: Sollte es in den kommenden Monaten tatsächlich substanzielle Fortschritte in den Gesprächen mit dem Norden geben, könnte er dies vor den wichtigen Midterm-Wahlen im Herbst als außenpolitischen Erfolg für sich verbuchen. Seine oftmals belächelte Taktik, Nordkorea mit einer Mischung aus wüsten Drohungen ("Feuer und Zorn") und Sanktionen zur Vernunft zu bringen, hätte dann wirklich funktioniert.

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Atheist_Crusader 06.03.2018
1.
Ich glaube nicht, dass man dem Ganzen zu viel Bedeutung beimessen sollte. Das ist eben der nordkoreanische Kalender: Provokation - Eskalation - Deeskalation - relativer Frieden In den letzten Monaten war es etwas durcheinander weil Trump mit es einer unnachahmlich Art dazwischenfunkten und dann die olympischen Spiele eine extrem seltene Möglichkeit boten um sich global doch wieder als friedfertig und kompromissbereit zu präsentieren... aber ich denke wir können damit rechnen, dass sich die Dinge bald wieder normalisieren. Heißt: Nordkorea verschwindet wieder aus dem öffentlichen Bewusstsein, bis sie wieder einen Raketentest oder sonst etwas bemerkenswertens veranstalten. Dann werden Drohungen ausgetauscht und der Konflikt schläft wieder ein. Würd mich in den Wahnsinn treiben wenn ich in Südkorea leben würde.
oldman2016 06.03.2018
2. Donald Trump und die Atombomben
Als Südkoreaner würde ich auch alles daran setzen, mit Nordkorea normale Beziehungen aufzubauen. In Washington sitzt schließlich nach Einschätzugn von SPON mit Donald Trump ein sehr impulsiver und eigenwilliger Präsident im Weißen Haus. Nordkorea ist militärisch nicht zu bezwingen ohne dass auch Südkoreo in Schutt und Asche liegt. Nur und das ist so sicher wie das Amen in der Kirche. Der Militärische-Industrieller-Komplex (MIK) der USA wird eine Annäherung zwichen Süd- und Nordkorea mit allen Mitteln verhindern. Die werden zur Not auch Donald Trump ins Jenseiis befördern.
thd1958 06.03.2018
3. ... ach, ich würd' mich schon ...
... freuen, wenn es gelänge, ohne Einmischung von Russen, Chinesen oder Amerikanern ... dem koreanischen Volk in freier Selbstbestimmung die Union zu ermöglichen. Auch wenn die Gefahr besteht, daß Kim nur seinen Einflußbereich vergrößert. Aber das ist wohl doch noch 'n weiter Weg. Sei's drum.
joG 06.03.2018
4. Überrumpeln oder nicht....
...ist es die logische Konsequenz des durch Trump erhöhten Drucks auf den Norden. Es war ja zunehmend klar geworden, dass Kim seinen Job verlieren würde, wenn es so weiter gegangen wäre. So hat er äußerst geschickt eingelenkt. Nun ist die Gefahr, dass es eine Finte ist und er nur Zeit will um das Grass wachsen zu lassen, während er die nukleare Entwicklung und den Verkauf seiner Technologie an Andere weiter treibt.
Palisander 06.03.2018
5. Sollte man sich darüber nicht freuen?
Statt das ganze zu verdammen? Jeder intelligente Mensch kennt die Strategie besonders der Amerikaner hinter Nordkorea. Es ist gut das die Supermächte an ihre Grenzen kommen. Die Probleme in deren eigenen vier Wänden sind mittlerweile so groß das sie froh sein dürften das "fremde" Probleme sich vielleicht von alleine erledigen. Man sollte hoffen das in Nord und Südkorea etwas ähnliches passiert wie damals während "Glasnost"
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