Neuer Raketentest in Nordkorea Der ehrgeizige Diktator

Erneut hat Kim Jong Un eine Rakete testen lassen. Militärexperten fürchten, dass das Modell Kalifornien erreichen könnte. Doch die USA schauen dem Treiben bislang hilflos zu.

Von , Tokio


Mit seinem jüngsten Test einer Interkontinental-Rakete ist Nordkoreas Diktator Kim Jong Un seinem Ziel offenbar näher gekommen, die USA direkt bedrohen zu können. Sein Erfolg wirft die beunruhigende Frage auf, wie lange sich US-Präsident Donald Trump die nordkoreanischen Provokationen weiter gefallen lässt.

Sollten erste Analysen von Militärexperten in den USA, Südkorea und Japan zutreffen, könnte Kims jüngstes Raketen-Modell nicht nur die US-Bundesstaaten Alaska und Hawaii erreichen, sondern auch Kalifornien und damit die Westküste des amerikanischen Festlands.

Das wäre ein deutlicher Fortschritt gegenüber der "Hwasong-14", jener Interkontinental-Rakete, die Kim am 4. Juli - pünktlich zum Unabhängigkeitstag der USA - testen ließ.

Das Selbstbewusstsein der Kim-Dynastie

Zwar bleiben entscheidende technische Punkte weiter ungeklärt: Wie schnell wird Nordkorea in der Lage sein, seine Interkontinental-Raketen mit Nuklearsprengköpfen zu bestücken? Wie zuverlässig werden die Raketen den Wiedereintritt in die Erdatmosphäre überstehen und wie präzise werden sie ihre Ziele treffen können?

Doch das erstaunliche Tempo, mit dem der ehrgeizige Kim sein Land ungeachtet aller Sanktionen zur Atommacht ausbaut, legt die Befürchtung nahe: Allzu lange dürfte es nicht dauern, bis Kims Ingenieure die noch bestehenden technischen Hürden überwunden haben. Und bis der Diktator in der Lage ist, die USA militärisch direkt herauszufordern.

Kim hatte den jüngsten Raketentest ursprünglich offenbar für den 27. Juli geplant, aber wegen schlechten Wetters dann um einen Tag verschoben. Gleichwohl wurde die historische Symbolik im übrigen Ostasien aufmerksam registriert: Am 27. Juli jährte sich die Unterzeichnung des Waffenstillstands, mit dem der Korea-Krieg 1953 beendet wurde. Das Datum lässt sich als erste militärische Niederlage der USA nach dem Zweiten Weltkrieg interpretieren. Seither speist die Kim-Dynastie ihr Selbstbewusstsein aus der Tatsache, von den USA nicht besiegt worden zu sein.

Und nun fordert Nordkorea die USA immer dreister heraus. Damit erhöht es den Druck auf Präsident Trump, zu reagieren. Denn soviel ist klar: Mit den üblichen hilflosen Ritualen wie der Verschärfung von Wirtschaftssanktionen und der Entsendung amerikanischer Flugzeugträger, lässt Diktator Kim sich nicht einschüchtern.

China kümmert sich aktuell nur um Innenpolitisches

Bereits im Januar kündigte Trump per Twitter an, es werde "nicht passieren", dass Nordkorea eine Rakete in die Hände bekomme, die amerikanische Städte treffen könne. Seitdem hat er zwar viel getweetet, doch nichts deutet darauf hin, dass der US-Präsident über eine halbwegs intelligente Strategie verfügt, um die jüngste Atommacht der Welt in ihre Schranken zu weisen.

Stattdessen appellierte der US-Präsident immer an Nordkoreas Schutzmacht China, Diktator Kim zur Räson zu bringen. Doch die Volksrepublik will alles vermeiden, was einen Sturz des Kim-Regimes befördern und für Instabilität an der über 1000 Kilometer langen Grenze zu Nordkorea sorgen könnte.

Überdies hat Staats- und Parteichef Xi Jinping bis auf Weiteres vor allem innenpolitische Sorgen: Mit Blick auf den wichtigen Parteitag der Kommunisten im Herbst ist er dabei, potentielle Rivalen kaltzustellen, wie den kürzlich gefeuerten Parteichef von Chongqing.

Gleichgewicht des atomaren Schreckens

Umso stärker wächst der Druck auf Trump, Nordkoreas Nuklearprogramm zumindest zu verzögern. Doch was könnte Trump konkret gegen Diktator Kim unternehmen? Ein militärischer Präventivschlag kommt nicht ernsthaft in Betracht: Mit ihm würden die USA automatisch einen Gegenangriff des Nordens auf Südkorea und Japan riskieren, wo jeweils Zehntausende amerikanische Soldaten und deren Familien stationiert sind.

Bleiben politische Verhandlungen zwischen Washington und Pjöngjang. Ob Kim dazu überhaupt noch bereit wäre, bevor er weitere entscheidende Durchbrüche bei seinem Raketen-Programm erzielt hat, ist äußerst zweifelhaft.

Und so folgt die beunruhigende Erkenntnis: Zwischen Diktator Kim und US-Präsident Trump hat sich längst eine Art Gleichgewicht des atomaren Schreckens entwickelt. Bleibt nur zu hoffen, dass nicht einer dieser beiden letztlich unberechenbaren Kontrahenten plötzlich die Nerven verliert.

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