Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Nordkoreas Gräuel-Gulags: Kim pokert sich ins Abseits

Eine Analyse von

Nordkorea: Wandel in Kims Land Fotos
DPA/ RIA Novosti

Endlich dokumentiert die Uno die Gräuel in Nordkoreas Straflagern. Der Anfang vom Ende des Kim-Regimes? Die Chancen für einen Wandel stehen gar nicht schlecht: Die Zensur im Land funktioniert immer weniger, und selbst China rückt von Pjöngjangs Despoten-Clique ab.

Syrien hält die Welt in Atem. Nicht ausgeschlossen, dass zumindest einer froh darüber ist: Kim Jong Un. Der Konflikt um den angeblichen Giftgaseinsatz des Assad-Regimes bündelt die Kräfte der USA, die über eine Intervention nachdenken. Der nordkoreanische Machthaber kann deshalb einigermaßen sicher sein, dass die Weltöffentlichkeit kaum Notiz nimmt von einer Uno-Kommission, die vor wenigen Wochen erst ihre Arbeit aufgenommen hat, um die Menschenrechtsverbrechen in seinem Land zu dokumentieren. Die Kommission hat nun einen ersten Zwischenbericht vorgelegt: Man müsse annehmen, dass in dem Land "Gefangene systematisch und flächendeckend misshandelt, gefoltert und getötet" werden, erklärte der Ausschussvorsitzende Michael Kirby am Dienstag.

Bleibt zu hoffen, dass nun endlich weltweit von den Gräueltaten in Kims Lagern Notiz genommen wird. Bis heute schießt sich die internationale Diplomatie fast ausschließlich auf das Atomprogramm ein, Nordkoreas "rote Linie". Ähnlich wie der Giftgaseinsatz in Syrien die Staatengemeinschaft zum Handeln bewegt (während das "gewöhnliche" Schlachten im Bürgerkrieg weniger interessiert), rufen Kims Atompläne regelmäßig die Weltmächte auf den Plan. Im Schatten dieses Großthemas, fast unbemerkt, hausen Tausende Nordkoreaner in furchtbaren Konzentrationslagern. Und Kim Jong Un kommt damit durch - wie schon Vater und Großvater der kimschen Dreifaltigkeit.

Die Uno-Kommission kann das endlich ändern und für Öffentlichkeit sorgen. Allein aber könnte sie gar nichts ausrichten, es bedarf dazu tiefgreifender Veränderungen - und die Chancen dafür stehen gut: Die nordkoreanische Gesellschaft wandelt sich, und der wichtigste Verbündete, China, rückt langsam von Pjöngjangs Despoten-Clique ab.

Kürzlich war ich im Nordosten Nordkoreas unterwegs. Dieser Landstrich gilt als Verbannungsort für politisch unzuverlässige Staatsbürger. Allein in der Nähe der Stadt Chongjin sind mehrere Konzentrationslager durch Satellitenaufnahmen nachgewiesen, auch wenn sie die Regierung standhaft leugnet. Nach Schätzungen von Menschenrechtsorganisationen sind 150.000 bis 200.000 Menschen in solche Lager eingepfercht, die mit Hitlers KZs oder Stalins Gulag-System zu vergleichen sind.

Immer mehr Informationen aus dem Ausland sickern ein

Bisher konnten nur wenige Augenzeugen über die Zustände berichten. Die eindrucksvollsten Schilderungen aber sind zweifellos die des 33-jährigen Shin Dong Hyuk, der im Lager 14 nördlich von Pjöngjang geboren wurde. Mit 23 Jahren gelang ihm die Flucht in eine Welt, die er bis dato nicht kannte. Der US-Journalist Blaine Harden hat darüber ein Buch geschrieben, Shin selbst vor wenigen Tagen vor der Uno-Kommission über sein trauriges Leben berichtet.

Er erzählte von einem sechs Jahre alten Mädchen, das von einem Lehrer zu Tode geprügelt wurde, weil es vor Hunger ein paar Getreidekörner in der Tasche versteckt hatte. Shin selbst hat als Kind die Fluchtpläne seiner Mutter und des Bruders verraten, die daraufhin - im Beisein des Sohnes - hingerichtet wurden. Shin hat Jahre gebraucht, um darüber sprechen zu können. Weitere 30 Augenzeugen und Überläufer konnten der Uno-Kommission ähnliche Geschichten des Schreckens berichten.

Eine solche Kommission aber reicht selbstverständlich nicht, die Verhältnisse im Land zu ändern. Der Despotie müssen die Grundlagen entzogen werden - und danach sieht es aus: Jahrzehntelang lebten die Nordkoreaner in dem wahnwitzigen Irrglauben, sie gehörten zu den wohlhabenderen Nationen der Welt, derweil ihre Nachbarn, vor allem die Südkoreaner, in bitterer Armut dahin vegetierten. Dieser Irrglaube stirbt aus, weil immer mehr Informationen aus dem Ausland durchsickern - vor allem durch DVDs, aber auch durch Berichte von Bewohnern der Grenzregionen, die nur über die Flüsse nach China zu schauen brauchen, um den Wohlstand der Chinesen an deren Skylines abzulesen.

Pekings Einfluss ist immens angewachsen

Das Regime versucht weiterhin, solche Einflüsse so gering wie möglich zu halten - durch Zensur, strikte Einfuhrkontrollen, Repressionen, kein Internetzugang. Aber nur mit mäßigem Erfolg: Selbst in den ärmlichen Nordprovinzen des Landes tragen wesentlich mehr Kinder bunte chinesische T-Shirts und Hosen, als das noch vor zwei Jahren der Fall war. Hier und dort sieht man sogar rosa Rollerblades aus chinesischer Produktion. Der Einfluss Pekings ist immens angewachsen, der Renminbi längst Nordkoreas wichtigste Schattenwährung.

Die innere Geschlossenheit des durch Zwang und Repression drangsalierten Volkes gerät mittelfristig ins Wanken, zumal die Eliten und der neue "Geldadel" zunehmend ein Eigenleben führen. Die Schattenwirtschaft ist stark angestiegen, längst ist es keine Schande mehr, westliche Produkte zu besitzen, die man jedoch nur mit Devisen kaufen kann. Für Kim Jong Uns absoluten Machtanspruch ist diese Entwicklung gefährlich: Er versucht, sich davon freizukaufen, indem er seinen Eliten Freizeitparks und Skigebiete baut. Ein untauglicher Versuch, der viel Geld frisst, derweil die Infrastruktur weiter verrottet.

Vor allem fällt China als bisheriger Gewährsträger für die Existenz des Regimes nach und nach aus. Als Kim Jong Un im März 2013 den USA mit einem atomaren Erstschlag drohte, reagierte US-Präsident Barack Obama mit Drohgebärden und einem Flottenmanöver mit den Südkoreanern. Auftakt des klassischen Pingpongspiels, das schon der Staatsgründer Kim Il Sung meisterlich beherrschte: erst die Provokation, dann eine amerikanische Gegenreaktion, gegenseitiges Aufschaukeln (Schließung von Industriezonen, Ausweisung von Diplomaten, Drohung mit Rache und Vergeltung), um sich dann wieder an den Verhandlungstisch zu setzen, natürlich nur im Gegenzug für Wirtschaftshilfen an Nordkorea.

Was der Westen tun könnte

Doch in diesem Jahr verschätzte sich Kim Jong Un: China schloss sich den Uno-Sanktionen an, fror den Bankverkehr mit Nordkorea ein und verweigerte seinen Bürgern Visa für Besuche des Nachbarn. Ein empfindlicher Schlag für Nordkoreas dahindümpelnde Wirtschaft, die vom Handel mit China lebt. Ich konnte im Juli Chilbosan besuchen - ein kleines Gebirge, das die Nordkoreaner gerne mit Tourismus beleben würden: kein Chinese weit und breit, in den recht neuen Ferienhäusern gähnende Leere. China hat offenbar keine Lust mehr auf die Betonköpfe in Pjöngjang. Und die Regierung weiß, wie sie Nordkorea am besten abstrafen kann.

Was kann der Westen für den Wandel in Nordkorea tun? Natürlich auf China einwirken, weiter von Pjöngjang abzurücken. Dafür sorgen, dass die politischen und wirtschaftlichen Beziehungen der USA und Europas zu China immer besser werden, damit Peking das Interesse am kimschen Stalinismus gänzlich verliert. Und die Arbeit der Uno-Kommission würdigen, sie in die Öffentlichkeit bringen. Die "rote Linie" beginnt eben nicht nur bei Atomprogrammen und Giftgaseinsatz, sondern auch bei Konzentrationslagern, die man im Jahre 2013 eigentlich nicht mehr vermuten würde. Aber es gibt sie noch immer.

Diesen Artikel...
Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 166 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. ai berichtete schon immer über die Gräuel in Nordkorea
ulli7 17.09.2013
AMNESTY INTERNATIONAL schilderte in den Jahresberichten immer wieder über die unvorstellbaren Gräuel in den Arbeitslagern von Nordkorea. Diese unterscheiden sich kaum noch von den Menschenrechtsverletzungen in den GULAGS unter Stalin. Es spricht nicht für die UNO, dass sie erst jetzt diese Thematik behandelt. Mich wundert, dass Kim Jong Un glaubt, dass chinesische Touristen sein Land besuchen würden. Die Chines(inn)en fliegen lieber nach Thailand, wo sie ungestört ihren Hobbys nachgehen können.
2. So zynisch es klingt,
Bad_Species 17.09.2013
man kann nur hoffen, dass es den Chinesen bald reicht, und sie einen Militärputsch gegen Kim organisieren, um dann für ein paar Jahrzehnte das chinesische System in Nordkorea einzuführen. So verständlich er auch wäre, gegen einen unkontrollierten Aufstand in Nordkorea würde Syrien wie eine süße kleine Kindergartenbalgerei aussehen.
3. Kim Jong Un - Gefängniswärter von Kindern
oliver.amigo 17.09.2013
Der grösste Skandal ist das in den Lagern tausende Kinder arbeiten müssen und wie Tiere behandelt werden. Dies müsste zumindestens endlich mal von der UN verurteilt werden. In den Lagern kommen sogar Kinder auf die WElt und müssen dann ein Leben lang für das Regime des schwachsinnige Kim Jong Un Zwangsarbeit leisten. Das der kleine dicke Diktator sich ändert kann ich mir nicht vorstellen.
4. optional
Daniel Roser 17.09.2013
Das ist so ein Wahnwitz was die da machen...
5. Ach ja?
panzerknacker51, 17.09.2013
Zitat von Bad_Speciesman kann nur hoffen, dass es den Chinesen bald reicht, und sie einen Militärputsch gegen Kim organisieren, um dann für ein paar Jahrzehnte das chinesische System in Nordkorea einzuführen. So verständlich er auch wäre, gegen einen unkontrollierten Aufstand in Nordkorea würde Syrien wie eine süße kleine Kindergartenbalgerei aussehen.
Wohl eher nicht; ein solcher Aufstand würde wohl eher ziemlich brutal und schnell niedergeschlagen werden mangels "Masse" bei den Aufständischen.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    

© SPIEGEL ONLINE 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



Zum Autor
Martin Benninghoff, 34, ist Journalist und Autor in Hamburg. Zuletzt war er Redakteur der inzwischen eingestellten "Financial Times Deutschland".
Fotostrecke
Flucht aus Lager 14: Die Geschichte des Shin Dong-hyuk

Buchtipp


Karte

Fläche: 122.762 km²

Bevölkerung: 25,027 Mio.

Hauptstadt: Pjöngjang

Staatsoberhaupt:
Kim Il Sung (obwohl bereits 1994 verstorben);
Protokollarisches Staatsoberhaupt: Kim Yong Nam;
"Oberster Führer": Kim Jong Un

Regierungschef: Pak Pong Ju

Mehr auf der Themenseite | Wikipedia


Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen: aktuell und meinungsstark. Jeden Morgen (werktags) um 6 Uhr. Bestellen Sie direkt hier: