US-Sanktionen gegen Nordkorea Obama straft und schweigt

Barack Obama reagiert mit neuen Sanktionen auf die Hacker-Attacke gegen Sony. Die US-Strategie gegenüber Nordkorea lautet: Härte zeigen und abwarten.

Von , Washington

Barack Obama und Kim Jong-Un: Klassische Antwort
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Barack Obama und Kim Jong-Un: Klassische Antwort


Es ist eine eher klassische Antwort, die der US-Präsident auf die Cyber-Attacke gegen das Filmstudio Sony Pictures gibt: weitere Sanktionen gegen Nordkorea. Als sich Barack Obama vor zwei Wochen in den Weihnachtsurlaub nach Hawaii verabschiedete, da kündigte er eine "verhältnismäßige" Reaktion auf den Hackerangriff an, den das FBI dem nordkoreanischen Regime zugeschrieben hat.

Verhältnismäßig heißt nun: Neben zehn nordkoreanischen Regierungsvertretern, unter denen einige in China, Russland, Syrien, Namibia oder Iran arbeiten, treffen die Sanktionen zwei staatliche Rüstungsbetriebe sowie jenen Geheimdienst Nordkoreas, der für den Cyberbereich zuständig ist, das Reconnaissance General Bureau. Mit den Sanktionen wird das Vermögen der Betroffenen in Amerika eingefroren und US-Bürgern und Firmen jegliche Geschäftskontakte mit ihnen untersagt. Obama unterzeichnete noch auf Hawaii entsprechende Exekutivanordnungen für das Finanzministerium, bevor er am Samstag nach Washington zurückkehrt.

Stumpfe Sanktionswaffe

Diese Sanktionen sollen allerdings nur der Anfang sein. Obamas Sprecher Josh Earnest hat am Freitag bereits weitere Maßnahmen angekündigt: "Die Aktionen heute sind der erste Aspekt unserer Antwort." Mit der Betonung, es handele sich hierbei um den ersten Schlag, macht Earnest zudem indirekt deutlich, dass die USA nicht für die Internetausfälle verantwortlich sein wollen, die Nordkorea in der letzten Woche immer wieder heimgesucht haben.

Zuletzt hatten einige private Sicherheitsexperten bezweifelt, dass die Hacker-Attacke auf Sony im Zusammenhang mit der Nordkorea-Satire "The Interview" tatsächlich von Pjöngjang ausging. Dass nun Obama Sanktionen verhängt, zeigt, dass er weiterhin von der Schuld der Hungerdiktatur überzeugt ist; oder dass ihm exklusive Beweise vorliegen.

Die jetzt verhängten Sanktionen werden konkret kaum etwas ausrichten, Nordkorea ist nicht global vernetzt. Seit den Fünfzigerjahre sind diverse US-Sanktionen gegen das kommunistische Regime in Kraft, infolge der Atomtests der vergangenen Jahre sind sie jeweils verschärft worden. Rein wirtschaftlich gesehen ist die Sanktionswaffe also stumpf, politisch jedoch setzt ihr Einsatz ein Zeichen. Und darauf kommt es Obama offenbar an.

Warum aber schlägt der US-Präsident nicht mit einer Cyberattacke zurück? Weil Amerika in einer solchen Auseinandersetzung mehr zu verlieren hat als Nordkorea. Beispiel: Ein von Hackern verantworteter Stromausfall in den USA hätte ganz andere Konsequenzen als ein vergleichbarer Angriff auf Nordkorea. Wer keine Infrastruktur hat, den kann man auch nicht treffen. "Jene Nationen, die eigentlich die besten Steine zum Werfen haben, sitzen gleichzeitig im größten Glashaus", schreibt US-Experte Allan Friedman in dem Buch "Cybersecurity and Cyberwar".

Die Kim-Diktatur wiederum scheint sich für eben diese Art asymmetrischer Kriegführung zu rüsten: Genau wie im Falle von Atomraketen kann ein in allen militärischen und wirtschaftlichen Belangen unterlegener Staat mit Cyberwaffen auch einem übermächtigen Gegner gefährlich werden.

So berichteten jüngst die südkoreanische Nachrichtenagentur Yonhap sowie die "Washington Post" von der sogenannten Einheit 121 innerhalb des besagten Reconnaissance General Bureau, zuständig für Cyberattacken. In den vergangenen 24 Monaten habe Nordkorea die Anzahl seiner Hacker nahezu verdoppelt auf 5.900; davon dienten 1.200 in der Einheit 121.

Wie geht es jetzt weiter? Unklar. Vermutlich wird Pjöngjang das bekannte Spiel der rhetorischen Eskalation betreiben und wie stets den USA mit "unentrinnbaren tödlichen Schlägen" drohen. Der letzte Höhepunkt dieses Schauspiels ereignete sich im Jahr 2013, als die abgeschottete Diktatur nach ihrem neuerlichen Atomtest wilde Drohungen ausgestoßen und die Region in Atem gehalten hatte.

Obama suchte damals insbesondere die Zusammenarbeit mit China, Pjöngjangs letztem Verbündeten, um Kim Jong-Un unter Druck zu setzen. Was der US-Präsident nicht tat und auch in seinen verbleibenden zwei Amtsjahren wohl nicht tun wird: den Nordkoreanern Gespräche auf hochrangiger Ebene anbieten. Das erscheint auf den ersten Blick unverständlich, hat Obama doch gerade Tauwetter gegenüber Amerikas altem Erzfeind Kuba eingeleitet; außerdem verhandelt er seit mehr als einem Jahr mit den Iranern über deren Atomprogramm. Warum nicht auch mit Kim Jong-Un?

Weil der Präsident seine Lehre gezogen hat aus einem allzu offensichtlichen Muster nordkoreanischer Taktik: Nach jeder Vereinbarung hat das Regime immer wieder aufs Neue eskaliert. Bitter, aber wahr: Mit ihrem Atomprogramm sicherte sich die Diktatur die Aufmerksamkeit der Welt - und immer wieder amerikanische Lebensmittelhilfen zum Überleben. Zugeständnisse führten zu neuen Drohungen. Deshalb wird Obama so lange das Gespräch verweigern, bis Pjöngjang seine Atom- und Raketentests aussetzt sowie das Programm zur Urananreicherung stoppt. Das ist das gegenwärtige US-Konzept der "strategic patience": Abwarten und Härte zeigen.

Liegt das FBI allerdings mit seinen Ermittlungen zur Hacker-Attacke auf Sony richtig, dann hat sich Kim Jong-Un nicht abschrecken lassen. Im Gegenteil. Der Diktator erweitert seine asymmetrischen Fähigkeiten.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
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Seite 1
mangor221 03.01.2015
1.
Nur Schade das Nordkorea gar nicht die technischen Moeglichkeiten hatte um den Hackerangriff durchzufuehren. Ich tippe mal auf eine Kombination von veraergertem ehemaligem Sony-Mitarbeiter und Sony-Marketing um einen schlechten Film zu pushen. Siehe da, hat funktioniert.
amadeus666 03.01.2015
2. Quod licet Jovi non licet bovi!
Und wo bleiben die Sanktionen wegen der kontinuierlichen Hackerattacken der USA?
wintipc 03.01.2015
3. US-Strategie
Die USA haben keine Strategie! Die agieren nicht sondern können nur noch verzweifelt reagieren. Amerika ist pleite und sie halten die ganze Welt als Geisel. Arme Regionen mit Bodenschätzen werden in chaotischen zuständen gehalten um sie besser auszunehmen und Konkurenten werden mit allen Mitteln bekämpft siehe EU Russland. Es wird langsahm Zeit, dass die Welt Sanktionen gegen die USA verhängt aber dank NSA und Co. ist das eine Utopie. MfG
oldmax 03.01.2015
4. Wer
Gibt eigentlich dem Häuptling in Washington das Recht beliebig zu strafen
Kreuzer 03.01.2015
5.
Obama Sanctions North Korea For Sony Hack Which Was Perpetrated By Disgruntled Former Employee | Zero Hedge http://goo.gl/ARuQF6
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