Aus Pjöngjang berichtet Susanne Koelbl
Es sind Momente, in denen man sich in Miami glaubt oder wenigstens in Frankfurt am Main: Ein Hummer-Geländewagen rauscht auf der rumpeligen Autobahn zwischen Pjöngjang und der Hafenstadt Wosan vorbei, dahinter zwei schwarz-glitzernde VW Tuareg. Der Beifahrer in Uniform und mit Offiziersmütze hält gerade sein Smartphone-Handy ans Ohr.
Seit neun Monaten regiert Kim Jong Un, der jüngste Enkel des Staatsgründers Kim Il Sung, das letzte stalinistische Land der Welt. Seither gibt es fast täglich überraschende Nachrichten aus der Demokratischen Volksrepublik Korea, die bisher eher mit Nahrungsmittelnöten und ihrem Atomprogramm Schlagzeilen machte.
Ein Luxuskaufhaus hat in der Hauptstadt des Arbeiter- und Bauernstaates eröffnet, es nimmt nur harte Dollar oder Euro. Diktator Kim will den Managern der heruntergewirtschafteten Staatsbetriebe angeblich mehr Entscheidungsfreiheit gewähren. Den Bauern soll künftig erlaubt sein, einen Teil ihrer Ernte selbst zu verkaufen.
Was im Rest der Welt profan klingen mag, ist hier, im letzten sozialistischen Bollwerk, eine mittlere Sensation.
Chinas peinlicher Cousin
Seit kurzem wächst in den Städten Nordkoreas eine bescheidene Mittelschicht heran, wenn die Profiteure der neuen Schmuggelwirtschaft auch vor allem hohe Offiziere und Funktionäre sind. Die Kluft zur armen Landbevölkerung tut sich immer weiter auf.
Täglich gelangen jetzt Container voller Computertechnik, Hifi-Anlagen und Lebensmittel in das verschlossene Land, trotz Embargo für Rüstungs- und Luxusgüter. Die Chinesen legen die Einfuhrbeschränkungen großzügig aus. Peking hofft politisch auf eine "sanfte Landung" des Nachbarn, der sich nicht selten benimmt wie ein peinlicher Cousin, der die Familie immer wieder in Verlegenheit bringt.
Der junge Herrscher Kim Jong Un hat jedenfalls verstanden, dass er eine neue Politik betreiben muss, wenn sein Regime dauerhaft an der Macht bleiben will.
Vom Vater Kim Jong Il, der im Dezember starb, erbte Kim Jong Un eine der marodesten Wirtschaften der Welt. Trotzdem leistet sich das Land noch immer eine absurd große Armee mit 1,2 Millionen Soldaten. Einige Anzeichen sprechen jedoch dafür, dass Kim die einseitige Ausrichtung zugunsten des Militärs womöglich ändern könnte.
Stadtbummel mit Aufpasser
Denn die medizinische Versorgung vor allem für die Landbevölkerung ist miserabel, von 1000 Neugeborenen sterben 51. Gleichzeitig liegt Nordkorea bei der Korruptionsrate weltweit auf dem letzten Platz.
Wer also sollte hier investieren?
Nun will Kim Nordkorea für den internationalen Tourismus öffnen. 100.000 ausländische Besucher pro Jahr sollen künftig ins Land der Morgenröte kommen, gerne auch Europäer und Amerikaner.
Tourismus in einem seine Bürger drangsalierenden Überwachungsstaat? Finanziert der interessierte Urlauber dann am Ende noch Kims Atomprogramm? Oder führt der Tourismus doch zu Austausch und Liberalisierung? Hoffnungen und Bedenken sind hier gleichermaßen angebracht.
4000 bis 5000 Euro nehmen Reiseveranstalter für zwei Wochen Nordkoreaferien "all inclusive". Enthalten sind dabei nicht nur die alten Kaiserbauten in Kaesong und das betörend schöne Diamantgebirge im Süden mit seinen riesigen Findlingen und den smaragdgrünen Wasserbassins. Die "teuren Gäste", wie die Tourguides ihre Devisenbringer gerne nennen, werden von den Reiseleitern rund um die Uhr genau beaufsichtigt, nicht mal ein Stadtbummel ohne Aufpasser ist drin.
Wer fragt, warum dies so sei, erhält vom Reiseleiter die Antwort: "Das ist alles nur für Ihre Sicherheit."
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