Tourismus in Nordkorea: Diktatur all inclusive

Aus Pjöngjang berichtet Susanne Koelbl

Nordkoreas junger Herrscher Kim Jong Un will den Stalinismus retten - und gleichzeitig den Kapitalismus einführen. Jetzt öffnet er das Land sogar für den Tourismus: Zwei Wochen Überwachungsstaat kosten rund 5000 Euro, stets mit einem Aufpasser an der Seite.

Nordkorea: Aufbruchstimmung in Nordkorea
Fotos
Andreas Taubert / DER SPIEGEL

Es sind Momente, in denen man sich in Miami glaubt oder wenigstens in Frankfurt am Main: Ein Hummer-Geländewagen rauscht auf der rumpeligen Autobahn zwischen Pjöngjang und der Hafenstadt Wosan vorbei, dahinter zwei schwarz-glitzernde VW Tuareg. Der Beifahrer in Uniform und mit Offiziersmütze hält gerade sein Smartphone-Handy ans Ohr.

Seit neun Monaten regiert Kim Jong Un, der jüngste Enkel des Staatsgründers Kim Il Sung, das letzte stalinistische Land der Welt. Seither gibt es fast täglich überraschende Nachrichten aus der Demokratischen Volksrepublik Korea, die bisher eher mit Nahrungsmittelnöten und ihrem Atomprogramm Schlagzeilen machte.

Ein Luxuskaufhaus hat in der Hauptstadt des Arbeiter- und Bauernstaates eröffnet, es nimmt nur harte Dollar oder Euro. Diktator Kim will den Managern der heruntergewirtschafteten Staatsbetriebe angeblich mehr Entscheidungsfreiheit gewähren. Den Bauern soll künftig erlaubt sein, einen Teil ihrer Ernte selbst zu verkaufen.

Was im Rest der Welt profan klingen mag, ist hier, im letzten sozialistischen Bollwerk, eine mittlere Sensation.

Chinas peinlicher Cousin

Seit kurzem wächst in den Städten Nordkoreas eine bescheidene Mittelschicht heran, wenn die Profiteure der neuen Schmuggelwirtschaft auch vor allem hohe Offiziere und Funktionäre sind. Die Kluft zur armen Landbevölkerung tut sich immer weiter auf.

Täglich gelangen jetzt Container voller Computertechnik, Hifi-Anlagen und Lebensmittel in das verschlossene Land, trotz Embargo für Rüstungs- und Luxusgüter. Die Chinesen legen die Einfuhrbeschränkungen großzügig aus. Peking hofft politisch auf eine "sanfte Landung" des Nachbarn, der sich nicht selten benimmt wie ein peinlicher Cousin, der die Familie immer wieder in Verlegenheit bringt.

Der junge Herrscher Kim Jong Un hat jedenfalls verstanden, dass er eine neue Politik betreiben muss, wenn sein Regime dauerhaft an der Macht bleiben will.

Vom Vater Kim Jong Il, der im Dezember starb, erbte Kim Jong Un eine der marodesten Wirtschaften der Welt. Trotzdem leistet sich das Land noch immer eine absurd große Armee mit 1,2 Millionen Soldaten. Einige Anzeichen sprechen jedoch dafür, dass Kim die einseitige Ausrichtung zugunsten des Militärs womöglich ändern könnte.

Stadtbummel mit Aufpasser

Denn die medizinische Versorgung vor allem für die Landbevölkerung ist miserabel, von 1000 Neugeborenen sterben 51. Gleichzeitig liegt Nordkorea bei der Korruptionsrate weltweit auf dem letzten Platz.

Wer also sollte hier investieren?

Nun will Kim Nordkorea für den internationalen Tourismus öffnen. 100.000 ausländische Besucher pro Jahr sollen künftig ins Land der Morgenröte kommen, gerne auch Europäer und Amerikaner.

Tourismus in einem seine Bürger drangsalierenden Überwachungsstaat? Finanziert der interessierte Urlauber dann am Ende noch Kims Atomprogramm? Oder führt der Tourismus doch zu Austausch und Liberalisierung? Hoffnungen und Bedenken sind hier gleichermaßen angebracht.

4000 bis 5000 Euro nehmen Reiseveranstalter für zwei Wochen Nordkoreaferien "all inclusive". Enthalten sind dabei nicht nur die alten Kaiserbauten in Kaesong und das betörend schöne Diamantgebirge im Süden mit seinen riesigen Findlingen und den smaragdgrünen Wasserbassins. Die "teuren Gäste", wie die Tourguides ihre Devisenbringer gerne nennen, werden von den Reiseleitern rund um die Uhr genau beaufsichtigt, nicht mal ein Stadtbummel ohne Aufpasser ist drin.

Wer fragt, warum dies so sei, erhält vom Reiseleiter die Antwort: "Das ist alles nur für Ihre Sicherheit."

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insgesamt 43 Beiträge
famulus 12.10.2012
Das wird ein etwas teurer aber toller Abenteurerurlaub für alle in kommunistische Ideen Verliebte. Dort kann man noch echten Kommunismus pur erleben. Eins wird allerdings wohl am echten Kommunismus fehlen: das Zuführen aufmüpfiger [...]
Das wird ein etwas teurer aber toller Abenteurerurlaub für alle in kommunistische Ideen Verliebte. Dort kann man noch echten Kommunismus pur erleben. Eins wird allerdings wohl am echten Kommunismus fehlen: das Zuführen aufmüpfiger Touristen, die eine Unzufriedenheit ausdrücken wollen. Sollte man zusätzlich anbieten: etwa 2000 Euro für eine Nacht in U-Haft.
radbab 12.10.2012
NK gibts schon fuer weniger als die haelfte - es sei denn man includiert auch den Flug nach Peking und retour. Wer's ganz billig haben will (mit niedrigerem standard in NK) kann auch via Dandong mit einer Chinesischen gruppe los. [...]
NK gibts schon fuer weniger als die haelfte - es sei denn man includiert auch den Flug nach Peking und retour. Wer's ganz billig haben will (mit niedrigerem standard in NK) kann auch via Dandong mit einer Chinesischen gruppe los. Generell hat sich einiges getan. 2012 habe ich mehr leute in Pyongyang mit Handies gesehen. Alte 40 watt funzeln, sowohl in privaten wohnungen als auch fuer strassenbeleuchtung wurden durch helle LED und energiesparlampen ersetzt. Und auch die nordkoreanischen reiseleiter waren offener als noch vor 2 jahren und es konnte freizuegiger fotografiert werden. Man ist froh dass sich was tut, aber auch traurig wenn man sieht wie weit und steinig der weg ist auf dem es, im moment, keine abkuerzungen zu geben scheint.
querulant_99 12.10.2012
Für politisch interessierte Leute sind die 5000 € geradezu ein Schnäppchen, um sich persönlich mal einen Eindruck zu verschaffen, wie die Leute in Nordkorea tatsächlich leben. Die Berichterstattung bei uns im Fernsehen zu diesem [...]
Für politisch interessierte Leute sind die 5000 € geradezu ein Schnäppchen, um sich persönlich mal einen Eindruck zu verschaffen, wie die Leute in Nordkorea tatsächlich leben. Die Berichterstattung bei uns im Fernsehen zu diesem Land scheint mir nicht gerade ein Vorbild der Objektivität zu sein.
---Zitat--- Finanziert der interessierte Urlauber dann am Ende noch Kims Atomprogramm? Oder führt der Tourismus doch zu Austausch und Liberalisierung? Hoffnungen und Bedenken sind hier gleichermaßen angebracht ---Zitatende--- [...]
---Zitat--- Finanziert der interessierte Urlauber dann am Ende noch Kims Atomprogramm? Oder führt der Tourismus doch zu Austausch und Liberalisierung? Hoffnungen und Bedenken sind hier gleichermaßen angebracht ---Zitatende--- In der Tat. Allerdings muß man auch bilanzieren, das Jahrzehnte der Sanktionen und Embargen leider nicht den Effekt hatten, das Regime auszuhungern oder das Volk auf die Barrikaden zu treiben. Warum also es jetzt nicht mal mit Liberalisierung durch Austausch versuchen ? Dem Volk in Nordkorea wird ja immer eingetrichtert, das es ihm sehr gut ginge, da es im Rest der Welt noch viel schlimmer aussehen würde. Wenn jetzt permanent gut gelaunte, gut genährte und gut gekleidete Touristen in's Land kommen dürfte es immer schwieriger werden, diese Lügen aufrecht zu erhalten.
whuuup 12.10.2012
eine wirklich augenöffnende dokumentation, die äußerst interressant ist, aber dabei entspannt und lustig bleibt. hat mir wirklich die augen geöffnet: The VICE Guide to North Korea | The VICE Guide to Travel | VICE [...]
eine wirklich augenöffnende dokumentation, die äußerst interressant ist, aber dabei entspannt und lustig bleibt. hat mir wirklich die augen geöffnet: The VICE Guide to North Korea | The VICE Guide to Travel | VICE (http://www.vice.com/the-vice-guide-to-travel/vice-guide-to-north-korea-1-of-3) schön wäre, wenn jeder der sich einen kommentar über das land leistet, wenigstens mal ein paar dokus gesehen hat, oder zB china/südkorea bereist hat.
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  • Freitag, 12.10.2012 – 12:07 Uhr
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Fläche: 122.762 km²

Bevölkerung: 24,346 Mio.

Hauptstadt: Pjöngjang

Staatsoberhaupt:
Kim Il Sung (obwohl bereits 1994 verstorben);
Protokollarisches Staatsoberhaupt: Kim Yong Nam;
"Oberster Führer": Kim Jong Un

Regierungschef: Pak Pong Ju

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Nord- und Südkorea
REUTERS
Am 9. September 1948 rief der kommunistische Politiker Kim Il Sung im Norden die Demokratische Volksrepublik Korea aus. Sie entwickelte sich, zunächst in enger Anlehnung an die Sowjetunion, zu einer kommunistischen Volksrepublik. 1998 wurde dessen Sohn Kim Jong Il Regierungschef. Der ehemalige US-Präsident George W. Bush bezeichnete Nordkorea zusammen mit Iran und dem Irak als "Achse des Bösen" , die aufrüstet, um den Frieden der Welt zu bedrohen.
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