Verschleppte in Nordkorea Ohne Lebenszeichen

Er half dem nordkoreanischen Regime, Japaner von Stränden zu verschleppen. Dann lief Choi nach Südkorea über - und wurde selbst verschleppt. Im Gefängnis in Pjöngjang hofft er auf die politische Annäherung.

Porträts der nordkoreanischen Diktatoren Kim Il Sung und Kim Jong Il
AFP

Porträts der nordkoreanischen Diktatoren Kim Il Sung und Kim Jong Il

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Der Nordkoreaner Choi* war lange stramm regierungstreu. Damals, in den Siebziger- und Achtzigerjahren - genauer kann es sein Vertrauter Ha Tae Keung nicht sagen, der nun seine Geschichte erzählt -, half er dem Regime dabei, Japaner zu kidnappen. Dann wandte sich der Geheimagent vom Regime ab und flüchtete nach Südkorea. Vor einem Jahr wurde er dann selbst vom Regime verschleppt. Vermutlich steckten sie ihn in ein unterirdisches Gefängnis in Pjöngjang.

Mit der Annäherung zwischen Seoul und Pjöngjang in den vergangenen Monaten hat seine Familie nun wieder neue Hoffnung geschöpft, dass er, anders als viele andere Gefangene in Nordkorea, wieder freikommt. "Es kann sein, dass die Dinge nun anders laufen", sagt Ha, der der südkoreanischen Oppositionspartei Bareunmirae angehört und sich für Menschenrechte einsetzt.

Mindestens fünf weitere Familien hoffen ebenso. Ein Sprecher des Blauen Hauses, dem Sitz des südkoreanischen Präsidenten Moon Jae In, bestätigte, dass es noch weitere Fälle gebe, darunter mindestens drei Südkoreaner. Details dazu will er aber nicht mitteilen.

Nur zum Fall von Choi gibt es Informationen.

Choi war Teil eines militärischen Geheimdienstes, der sich an der Entführung japanischer Staatsbürger beteiligte. So verschaffte sich das Regime über Jahrzehnte Informationen über die verfeindeten Japaner. In Schiffen fuhren die Nordkoreaner an die japanische Küste und verschleppten vornehmlich von gut zugänglichen Stränden wahllos Menschen, die sie dann später auf dem Schiff in "brauchbar" und "nicht brauchbar" aufteilten.

So schildert es Ha. Kriterien waren seinen Angaben zufolge neben Alter und Geschlecht der Entführten auch deren Aussprache - je deutlicher sie einen bestimmten Akzent beherrschten, der die Verständigung einfacher machen würde, desto brauchbarerer waren die Gefangenen für den Geheimdienst. Diese kamen dann mit nach Nordkorea. Die anderen, die "Unbrauchbaren", wurden mit dem Schiff zusammen versenkt, sagt Ha.

Hunderte Japaner könnten Opfer geworden sein, schätzen Experten. Nur wenige kehrten zurück (lesen Sie hier den Bericht eines Überlebenden). Auch Südkoreaner und andere Staatsbürger kamen so in das isolierte Land.

US- Amerikaner als Zeichen der Annäherung befreit

Heute hält das nordkoreanische Regime immer noch Ausländer fest. In der Regel werden ihnen "feindselige Handlungen" vorgeworfen. Oft bekommen die Familien nach dem Verschwinden nicht einmal mehr ein Lebenszeichen, so wie im Fall Choi. "Wir warten verzweifelt auf meinen Mann… aber bislang haben wir nichts von ihm gehört", sagte seine Frau der südkoreanischen Nachrichtenagentur Yonhap.

Dass die neue Offenheit des bis dahin international isolierten Regimes auch zu Freilassungen führen kann, demonstrierte Kim Jong Un erst vor wenigen Wochen. Als Zeichen seines Entgegenkommens entließ er drei US-Amerikaner.

Das gab schöne Bilder: Die Entlassenen reckten bei ihrer Ankunft in den USA Zeige- und Mittelfinger zum Siegeszeichen, Präsident Donald Trump stand klatschend daneben. Anschließend bedankte er sich bei Kim - Kritik an der Festnahme selbst sparte sich Trump hingegen. Dafür ließ sich der Vorgang als weitere Geste der Annäherung beider Länder deuten. Trump wählte die Szene zum Hintergrundbild seines Twitteraccounts.

"Das Regime will wissen, wer seine Quellen sind"

Choi wurde wohl auch zum Verhängnis, dass er sich nach seiner Flucht vor knapp sieben Jahren für die Aufdeckung nordkoreanischer Machenschaften einsetzte. In Südkorea arbeitete er als Reporter in Seoul, der sich auf Themen aus der Kim-Diktatur spezialisierte. "Das Regime will wissen, wer seine Quellen sind", ist sich Ha sicher.

Bei einem Besuch in China sei er in der Nähe der Grenze von nordkoreanischen Agenten verschleppt worden, vermutet Ha. Eine Überwachungskamera soll aufgezeichnet haben, wie er von den Männern über die Grenze nach Nordkorea gezerrt wurde. Doch das ist Hörensagen, gesehen hat die Aufnahmen außer einem chinesischen Polizisten, der anschließend davon berichtete, niemand.

Fast genau ein Jahr ist es nun her, dass Choi verschwand. Gespräche dazu habe es Chois Unterstützern zufolge zwischen der südkoreanischen Regierung und dem Regime im Norden noch keine gegeben.

*Name geändert



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