Nordkorea kündigt Atomtest-Stopp an Der Verhandlungspoker hat begonnen

Nordkorea will seine Atomtests aussetzen. Was bedeutet dieser Schritt? Aus Sicht von Experten ist die Ankündigung eher als pragmatische Grundlage für Gespräche mit den USA zu sehen denn als Beginn von Abrüstung.

Soldat in Seoul: Nachrichten aus Nordkorea
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Soldat in Seoul: Nachrichten aus Nordkorea


Wissenschaftler und Korea-Experten haben zurückhaltend und skeptisch auf die Ankündigung Kim Jong Uns reagiert, die Atom- und Raketentests auszusetzen. "Ein Stopp der Atomtests bedeutet noch keine Kehrtwende im Atomwaffenprogramm", schreibt Robert Kelly, Professor für Internationale Beziehungen an der Pusan National University, im "Guardian".

Die Ankündigung Kims sei seiner Einschätzung nach eher Pragmatismus: Das Nuklearprogramm des Landes sei offenbar ausreichend weit fortgeschritten, dass Kim nun daraus Profit schlagen wolle. Und es fehlten weiterhin Details, was der Norden tatsächlich unter Denuklearisierung verstehe, schreibt Kelly.

"Kim hat sein Ziel erreicht, durch sein für ihn erfolgreiches Nuklearprogramm nun auf Augenhöhe mit den USA über einen Friedensvertrag zu verhandeln", sagt auch der Korea-Experte Hartmut Koschyk, Ko-Vorsitzender des Deutsch-Koreanischen Forums. "Deshalb kann er sich jetzt auch konziliant geben und sein Nuklearprogramm einfrieren."

Video: Nordkorea verkündet Stopp von Atomwaffentests

In der Tat hat Nordkorea bislang lediglich angekündigt, die Atomtests von Samstag an auszusetzen und das nördliche Atomtestgelände zu demontieren, um "transparent die Aussetzung der Atomtests zu garantieren". (Lesen Sie hier, wie die USA und andere Länder auf die Ankündigung reagiert haben.)

In der Praxis ändert sich dadurch erst einmal nicht viel: Der letzte Test fand Ende November vergangenen Jahres statt. Nach dem Start einer Langstreckenrakete hatte der Machthaber mitgeteilt, dass das Streben seines Landes nach nuklearen Waffen vollendet sei. In seiner Erklärung nun heißt es, Nordkorea brauche keine Nukleartests oder Tests von Mittelstrecken- oder Interkontinentalraketen mehr. Die Anlage im Norden habe ihren Zweck erfüllt.

In den vergangen Monaten war im Ausland zudem immer wieder diskutiert worden, dass die Anlage nicht mehr lange genutzt werden könne - zu groß seien die Schäden durch die bisherigen Tests. Vergangenen September soll nach dem bislang stärksten Atomtest Medienberichten zufolge ein Tunnel auf dem Testgelände eingestürzt sein. Laut TV Asahi starben dabei bis zu 200 Menschen.

Deal: Atomwaffen gegen wirtschaftlichen Aufschwung?

Die Internationale Gemeinschaft fordert, dass Kim gänzlich auf sein Atomprogramm verzichtet. Nach Angaben des südkoreanischen Präsidenten Moon Jae In ist Nordkorea zur kompletten Denuklearisierung bereit. Kim verlange aber ein Ende der "feindseligen Politik" der USA und eine Sicherheitsgarantie. Nordkoreas Machthaber selbst hat sich dazu aber noch nicht öffentlich geäußert.

Das Aussetzen der Atomtests könne als Beginn von Verhandlungen gesehen werden, schreibt Scott LaFoy, Analyst aus Washington. Die Ankündigung könne "relativ einfach wieder zurückgenommen werden, aber auch die Grundlage für einen Deal werden. Es sollte nicht als konkretes Versprechen, sondern als Beginn schwieriger Diskussionen verstanden werden."

Moon und Kim wollen nächsten Freitag im Grenzort Panmunjom zum erst dritten gesamtkoreanischen Gipfeltreffen seit Ende des Korea-Kriegs (1950-1953) zusammenkommen. Neben dem Ende des nordkoreanischen Atomprogramms will Moon auch über Bedingungen eines dauerhaften Friedens auf der koreanischen Halbinsel reden. Geplant ist auch ein Gipfeltreffen zwischen Kim und US-Präsident Donald Trump, möglicherweise Anfang Juni.

Er rechne im Anschluss an die Gipfeltreffen mit einem "langwierigen Verhandlungsprozess", sagte Koschyk. Aus Sicht des chinesischen Professors Jin Qiangyi von der Yanbian Universität in der Grenzprovinz Jilin könnte dabei die Möglichkeiten einer Verbesserung der wirtschaftlichen Situation in Nordkorea ausschlaggebend sein. Kim könnte im Gegenzug für die Aufgabe des Nuklearprogramms wirtschaftliche Sanktionen und eine Lockerung der Sanktionen fordern. "Wenn sich die Lebensumstände der Menschen verbessern, erhöht sich die Möglichkeit für eine Beseitigung der Atomwaffen", so Jin. Scheiterten hingegen die Verhandlungen und würden die Sanktionen wieder verschärft und der Druck erhöht, könnte Kim die Tests wieder aufnehmen.

brk/dpa



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spon-facebook-10000523851 21.04.2018
1. Bevor sich Trump nun
wieder lautstark bruestet, sollte man Kim's Besuch in China vor ein paar Wochen nicht vergessen. Die Chinesen sind die Drahtzieher. Die koennen wesentlich mehr Druck ausueben, als Trump mit seinem "Rocket Man" Getoese.
raoul2 21.04.2018
2. Mal sehen, wo die Gespräche stattfinden
Thailands Verteidigungsminister und stellvertretender Premierminister Prawit hat ja schon seine Bereitschaft erklärt, als "Gastgeber" zur Verfügung zu stehen. Man darf dem Land wünschen, daß es als "Ausrichter" ausgewählt wird.
Atheist_Crusader 21.04.2018
3.
Es bedeutet, dass Nordkorea mal wieder eine Pause einlegt. Das ist überhaupt nichts ungewöhnliches und passiert andauernd. Im Moment spielen sie den Verhandlungsbereiten und deeskalieren ein bisschen. In 6 oder 12 Monaten kann das schon wieder anders aussehen. Niemand erwartet, dass die jemals die atomare Abrüstung in Betracht ziehen würden. Im Gegenteil, die wären vollkommen bescheuert wenn sie es täten - speziell momentan. Die Ukraine hat ihre Atomwaffen abgegeben und wurde als Dank dafür von Russland überfallen - einem jener Staaten die als Dank für den Verzicht für ihre Sicherheit garantiert haben. Auf der anderen Seite sind die USA drauf und dran das Atomabkommen mit dem Iran gegen den Willen aller anderen Beteiligten aufzulösen weil es ihnen plötzlich nicht mehr gut genug ist (und sind vielleicht schon auf Kriegskurs). Nordkorea wäre vollkommen wahnsinnig, sich in diesen Zeiten auf das Wort Anderer zu verlassen wenn es um die eigene Sicherheit geht. Zur Klarstellung: ich würde das menschenverachtende Regime in Pyöngyang lieber heute als morgen fallen sehen. Aber wer keinen Krieg will, der muss verhandeln. Und wer verhandeln will, braucht Glaubwürdigkeit - und daran fehlt es bei allen Beteiligten.
frank57 21.04.2018
4. Immerhin ein Schritt
Setzt die USA auch ihre Atomtests aus? Das hier deutlich wird, dass es dem Westen am liebsten wäre, wenn NK komplett kapituliert ist ein Fingerzeig!
joG 21.04.2018
5. Das ist sicherlich....
...wie Sie sagen, die erste Bewegung Nord Koreas in der Verhandlung in Richtung allerdings nicht auf Trump zu sondern hin zur internationalen Forderung, die auch Deutschland verbal seit Jahren vertritt. Was nun anders ist, ist die Abkehr Trumps von der total gescheiterten "Appeasement" Diplomatie Obamas und Vieler in Europa, die von Russland und China eher unterstützt wurde um die Demokratien vorzuführen als um Korea zu schützen. Es ist zwar unangenehm sehen zu müssen, dass jemand Erfolg hat, den man nicht mag mit Verhalten, das man verurteilte, aber das Leben ist hart.
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