Nordkoreanisches Testgelände "Sie wollten, dass Trump diese Bilder sieht"

CNN-Reporter Will Ripley war dabei, als Nordkorea sein Atom-Testgelände sprengte - und erfuhr kurz darauf, dass Trump den Gipfel mit Kim dennoch absagen wollte. Hier schildert er seine Erlebnisse.

AFP/ KCNA VIA KNS

Ein Interview von


Wie ernst meint es die nordkoreanische Diktatur mit der nuklearen Abrüstung? Vergangene Woche ließ sie ein Testgelände in Punggye-ri teilweise sprengen - als Zeichen des guten Willens. Unabhängige Inspekteure durften nicht dabei sein, dafür eine Handvoll ausländischer Journalisten, etwa aus Südkorea, Großbritannien und den USA. Sie wurden in Luxuszügen zu dem Testgelände gebracht und mussten anschließend selbst entscheiden: War das Ganze nun eine wohlinszenierte Propagandaschau? Oder ein tatsächliches Zugeständnis?

Mit dabei war auch Will Ripley vom US-Sender CNN. Er hält die Sprengungen für mehr als nur eine symbolische Geste und Gespräche zwischen Kim Jong Un und US-Präsident Donald Trump für unabdingbar, um den Friedensprozess auf der koreanischen Halbinsel voranzutreiben. Er war gerade auf dem Rückweg aus Punggye-ri, als er von Trumps Absage des Gipfels erfuhr: "Wir waren alle im Schockzustand", erzählt er im Interview.

Zur Person
  • CNN
    Will Ripley arbeitet als Korrespondent für den US-Sender CNN, derzeit in Hongkong. Er reiste bereits mehr als ein Dutzend Mal nach Nordkorea und war der einzige ausländische Journalist in Pjöngjang, als US-Student Otto Warmbier ausgeflogen wurde. Besondere Aufmerksamkeit bekam seine TV-Doku "Secret State: Inside North Korea". Ripley wurde mit diversen Preisen ausgezeichnet.

SPIEGEL ONLINE: Herr Ripley, wissen Sie, nach welchen Kriterien das Regime entschieden hat, welche Reporter an der Reise teilnehmen durften?

Will Ripley: Das weiß ich nicht. CNN hat aber einen besonderen Status, weil wir schon 18 Mal im Land waren und von dort berichtet haben. Ich war bei jeder dieser Reisen dabei. So konnten wir schon Vertrauen aufbauen. Das könnte ein entscheidender Faktor gewesen sein.

SPIEGEL ONLINE: Gab es interne Diskussionen, ob Sie das Angebot der Reise zum Testgelände annehmen sollten?

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Punggye-ri: Der bisher geheimste Ort Nordkoreas

Ripley: Natürlich haben wir das diskutiert. Einige Medienunternehmen sollten 10.000 Dollar bezahlen, um auf das Testgelände gelassen zu werden. Das hätten wir nicht akzeptiert. Wir haben uns aber verpflichtet gefühlt zu berichten, was wir dort sehen, und wollten diese Informationen mit der Welt teilen.

Will Ripley in Nordkorea
Paul Devitt/ CNN

Will Ripley in Nordkorea

SPIEGEL ONLINE: Was konnten Sie denn in Punggye-ri sehen?

Ripley: Was wir dort erlebt haben, war eine Mediendemonstration. Die Nordkoreaner haben den Trip sehr gut geplant - haben einen Zug bereitgestellt, uns auf dem Testgelände herumgeführt und die Eingänge zu den Tunneln gezeigt sowie den Sprengstoff, der dort detonieren sollte. Zum Zeitpunkt der Explosionen mussten wir einigen Sicherheitsabstand einhalten. Danach durften wir das Gelände nochmals inspizieren. Wir sahen zerstörte Häuser und Tunneleingänge, aber wir wissen nicht, inwieweit auch die hinteren Teile der Tunnel gesprengt wurden. Wir sind keine Experten. Wir können nicht beurteilen, ob das, was wir da gesehen haben, eine irreversible Zerstörung des Testgeländes war, wie es Nordkorea behauptet.

SPIEGEL ONLINE: Schon vorher gab es Gerüchte, wonach das Testgelände ohnehin durch ein Erdbeben bereits so beschädigt worden war, dass es nicht mehr genutzt werden konnte. Was war Ihr Eindruck?

Ripley: Das Testgelände war makellos. Die Wege und Gebäude waren sehr ordentlich - ich bin mir nicht sicher, ob sie dort extra alles hergerichtet haben, damit es auf unseren Bildern besser aussieht. Die Eingänge der Tunnel waren in gutem Zustand. Die Tests werden aber tief in den Tunneln - einige Kilometer im Inneren des Bergs - durchgeführt. Wie sie dort beschaffen sind, können wir nicht sagen. Alles, was wir gesehen haben, war vor der Sprengung aber noch intakt.

SPIEGEL ONLINE: Wie schätzen Sie die Aktion insgesamt ein?

Ripley: Seit Jahren haben wir darum gebeten, Punggye-ri besichtigen zu dürfen, aber es wurde uns nie erlaubt. Es war der geheimste Ort Nordkoreas - bis das Regime entschied, Journalisten dorthin einzuladen und es in die Luft zu jagen. Einige der Dinge, die wir gesehen haben, waren reine Show. Es war nicht wirklich notwendig, alle Gebäude auf dem Gelände zu sprengen. Wir wissen alle, dass sie schnell wieder aufgebaut werden könnten. Das war vielmehr der Versuch der Nordkoreaner, eine Botschaft an die USA zu senden: Dass sie es ernst meinen mit der Denuklearisierung. Sie wollten, dass US-Präsident Trump diese Bilder sieht und die Abrüstungsbemühungen im Vorfeld des Gipfels in Singapur anerkennt.

SPIEGEL ONLINE: Den hat Trump dann aber überraschend abgesagt, als sie noch in Nordkorea waren, nur wenige Stunden nach der Zerstörung des Testgeländes. Wie haben Sie reagiert?

Ripley: Wir waren gerade auf dem Rückweg, als mich ein Kollege anrief und mir sagte, dass Trump das Treffen abgesagt habe. Weil wir im Zug kein Internet hatten, wussten wir bis dahin nichts davon. Wir waren alle im Schockzustand, sowohl die Nordkoreaner, die mit uns im Zug saßen, als auch die Journalisten. Es war eine unangenehme, seltsame Situation. Allein die Vorstellung, dass wir gerade etwas gesehen hatten, was die Nordkoreaner als einen bedeutsamen Schritt zur Denuklearisierung verstanden wissen wollten, und dann könnte alles umsonst gewesen sein. Schon wenig später sah es aber wieder so aus, als würde das Treffen doch stattfinden. Ich habe das Land mit dem Gefühl verlassen, dass die Nordkoreaner weiter an einem Dialog festhalten wollen.

SPIEGEL ONLINE: Für wie wichtig halten sie den Gipfel zwischen Kim und Trump?

Ripley: Dieses Treffen ist meiner Meinung nach entscheidend. Ein persönliches Gespräch erlaubt den Einblick in die Persönlichkeit des anderen. US-Außenminister Mike Pompeo beschrieb Kim nach einem Treffen als gebildet und gut informiert über die technischen Details. Es gibt aus US-amerikanischer Perspektive viele falsche Annahmen über Nordkorea und darüber, wie die Regierung funktioniert und wer Kim wirklich ist. Deshalb ist es wichtig, dass sie sich an einen Tisch setzen und miteinander sprechen. Ich hoffe, es wird eines von vielen weiteren Gesprächen sein. Sowohl die USA als auch Nordkorea sollten sich aber vor der Illusion hüten, dass dieser Prozess der Annäherung ein schneller oder einfacher sein wird.

Das Interview wurde schriftlich geführt.

insgesamt 9 Beiträge
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Seite 1
ky3 31.05.2018
1. das hat Tradition
Kurz nach dem Tod Kim Jong Uns Vater und der darauf folgenden Machtübernahme stimmte Kim Jong Un versöhnliche Töne an, sprach von der Möglichkeit einer Wiedervereinigung. Doch tags drauf starteten die USA und Südkorea ein grosses Manöver. Geht es noch dümmer?
joG 31.05.2018
2. Bevor Kim seine ...
...Propagandashow mit der Sprengung für das internationale Publikum abzog, wussten wir bereits, dass das Gelände unbrauchbar geworden war. Dass Trump das Meeting abbließ aber offen ließ, dass es doch stattfinden konnte, hatte sehr gute Gründe. Nord Korea hatte Signale ausgesendet, die in Frage stellten, dass Korea die früheren Aussagen beibehalten wollte und das Treffen somit scheitern hätte müssen. Gerade wril das Meeting so wichtig ist, durfte man nicht sehenden Auges den Erfolg damit riskieren, indem man aussieht wie Obama, dessen Rote Linien sprichwörtlich sind.
thermo_pyle 31.05.2018
3. Erstaunlich...
Die versöhnlichen Töne aus Nordkorea passen so gar nicht zum früheren Verhalten, Kim und Donald haben sich aufgeführt wie Pubertätskrümel... und auf einmal kommt auf Donalds Absage die Botschaft, man sei weiterhin gesprächsbereit... da jat sich China wohl mächtig ins Zeug gelegt, zum einen, was die Zerstörung des Testgeländes angeht und zum anderen, endlich diese Region zu befrieden ? Oder wo kommt der Sinneswandel auf einmal her ?
mwroer 31.05.2018
4.
Zitat von joG...Propagandashow mit der Sprengung für das internationale Publikum abzog, wussten wir bereits, dass das Gelände unbrauchbar geworden war. Dass Trump das Meeting abbließ aber offen ließ, dass es doch stattfinden konnte, hatte sehr gute Gründe. Nord Korea hatte Signale ausgesendet, die in Frage stellten, dass Korea die früheren Aussagen beibehalten wollte und das Treffen somit scheitern hätte müssen. Gerade wril das Meeting so wichtig ist, durfte man nicht sehenden Auges den Erfolg damit riskieren, indem man aussieht wie Obama, dessen Rote Linien sprichwörtlich sind.
Dann wissen Sie mehr als die meisten, denn selbst die Geheimdienste reden von 'eventuell unbrauchbar' - und mehr auch nicht. Wenn Sie vielleicht noch Ihre Quellen offen legen würden, sofern diese nicht der Geheimhaltung unterliegen, und nicht nur Spekulationen von Geologen die das Gelände nie gesehen haben als 'Tatsache' verkaufen wäre ich Ihnen sehr dankbar.
AxelSchudak 31.05.2018
5.
Zitat von ky3Kurz nach dem Tod Kim Jong Uns Vater und der darauf folgenden Machtübernahme stimmte Kim Jong Un versöhnliche Töne an, sprach von der Möglichkeit einer Wiedervereinigung. Doch tags drauf starteten die USA und Südkorea ein grosses Manöver. Geht es noch dümmer?
Sie wissen schon, das solche Maneuver lange geplant werden, und dass die Termine bekannt sindm auch in Nordkorea. Damit eine solche Grossübung nur auf eine Aussage von Kim hin abgesagt wird, müsste da doch schon deutlich mehr kommen als die "Möglichkeit" einer Wiedervereinigung, ohne jede konkrete Substanz. Das Stöckchen ist von Kim mit Absicht so hingehalten worden, um die USA und Südkorea schlecht dastehen zu lassen. Man muss da nicht drauf reinfallen...
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