"Ein wunderbares Land" Frau Kim will wieder zurück nach Nordkorea

Vor sechs Jahren floh Kim Ryon Hui aus Pjöngjang, doch inzwischen plagt sie das Heimweh. Obwohl ihr in Nordkorea die Todesstrafe droht, möchte sie zurück - aber wie?

Kim Ryon Hui
Wieland Wagner

Kim Ryon Hui

Aus Seoul berichtet


An der Grenze zwischen Nord- und Südkorea hat sich schon manches menschliche Drama abgespielt. Doch was dort im Februar passierte, hatte es so noch nicht gegeben. Die zu den Olympischen Winterspielen entsandte Musikantentruppe von Diktator Kim Jong Un wollte gerade in den Bus zurück in den Norden steigen, da rannte eine Frau von der Südseite herbei: "Ich bin Kim Ryon Hui, Bürgerin von Pjöngjang," schrie sie und schwenkte eine blau-weiße Fahne, das Symbol eines wiedervereinten Korea.

Es war offensichtlich, dass sie am liebsten gleich mitgefahren wäre in den Norden. Und das war auch die Botschaft, die sie aussenden wollen, in beide Koreas und in die ganze Welt. Doch bevor sie noch mehr rufen konnte, wurde sie abgedrängt von Sicherheitskräften des Südens. Dass die Frau überhaupt ungehindert in den streng abgeriegelten Grenzbezirk gelangen konnte, war für die Behörden höchst peinlich.

Nun empfängt Kim in ihrer kleinen Wohnung in Daegu, knapp zwei Zugstunden südöstlich von Seoul. Sie ist 49 Jahre alt, dezent geschminkt und sieht aus wie eine wohlhabende südkoreanische Hausfrau. Kim lächelt zufrieden, wenn sie an ihre jüngste Demonstration denkt. Auch während der Winterspiele von Pyeongchang habe sie keine Gelegenheit ausgelassen, um sich nordkoreanischen Sportlern und Delegierten zu nähern, sagt sie. Stolz zeigt sie Fotos, auf denen sie sich mit Abgesandten des Kim-Regimes in Pyeongchang umarmt. "Ich war so glücklich in jenen Momenten."

Wieland Wagner

Rund 30.000 Überläufer aus Nordkorea leben im Süden, Kim ist eine von ihnen. Doch im Gegensatz zu den meisten ihrer geflohenen Landsleute, will sie zurück in ihre Heimat, unbedingt. Seit Jahren kämpft sie vergeblich für ihre Rückkehr. Die größte Hürde: Kim ist jetzt eine südkoreanische Staatsbürgerin, und der Süden verbietet seinen Bürgern Reisen in den verfeindeten Norden.

"Ich wurde betrogen, ich wollte nie im Süden leben," sagt Kim. "Ich will zurück zu meiner Familie in Pjöngjang."

Kim zeigt ihr Smartphone, auf dem Bildschirm prangt ein Foto der Tochter, die sie im Norden zurückließ, als diese noch ein Teenager war. Inzwischen ist sie erwachsen und arbeitet als Köchin. Tränen steigen Kim in die Augen, als sie von ihrem einstigen Leben in Pjöngjang berichtet. Sie gehörte dort zur privilegierten, regimetreuen Elite, sie arbeitete als Schneiderin, ihr Mann als Arzt in einem Krankenhaus. Sie vermisst auch ihre Eltern, die noch leben. "Wir wohnten auf der 14. Etage eines komfortablen Apartments nahe dem Bahnhof von Pjöngjang," sagt sie. "In Nordkorea sorgte der Staat für uns, der Staat gab uns die Wohnung, der Staat versorgte uns mit kostenloser Krankenpflege. Nordkorea ist ein wunderbares Land."

Kim Ryon Hui mit einem Foto ihrer Tochter
Wieland Wagner

Kim Ryon Hui mit einem Foto ihrer Tochter

Dass sie nun hier im Süden festsitzt, getrennt von ihren Lieben, erklärt Kim mit einem schrecklichen Missverständnis. In Pjöngjang sei sie ein halbes Jahr lang schwer krank gewesen. Sie leidet an einer chronischen Erkrankung der Leber. In der Hoffnung auf effektivere Behandlung fuhr sie zu Verwandten nach China, ganz legal mit ihrem nordkoreanischen Reisepass über die Grenze bei Sinuiju.

Sie arbeitete zunächst in einem Restaurant in der nordchinesischen Stadt Shenyang, doch ihr Lohn habe nicht gereicht, um die Behandlungskosten zu bezahlen. "Ich ließ mich überreden, weiter nach Südkorea zu fahren." Dort würde sie in nur zwei Monaten das nötige Geld für die Behandlung verdienen, habe man ihr gesagt.

Hohe Häuser, viele Autos - alles mäßig beeindruckend

Mithilfe von Schleusern und auf abenteuerlichen Wegen über Laos und Thailand gelangte Kim im September 2011 nach Seoul. Dort aber wurde sie von den Behörden wie alle übrigen Überläufer behandelt, sie musste die üblichen Prozeduren der Eingliederung durchlaufen, die darauf abzielen, Neuankömmlinge in den kapitalistischen Alltag zu integrieren.

In Kims Fall lief der Begrüßungskurs indes auf eine Art ideologische Umerziehung hinaus. Immer wieder versuchten ihre Betreuer, sie mit dem Wohlstand des Südens zu beeindrucken. "Sie führten mich auf ein hohes Gebäude in Seoul und zeigten mir die Kulisse der Wolkenkratzer und die vielen Autos auf den Straßen," berichtet Kim. "Sie fragten, ob mich das denn nicht beeindrucke, doch ich antwortete: 'Was scheren mich die Wolkenkratzer und die Autos, die gehören ja nicht mir persönlich.'"

Ihre Bitten, sie wieder in den Norden heimkehren zu lassen, wurden nicht erhört. Ihr nordkoreanischer Pass war ihr bereits von den Schleusern weggenommen worden. Und da sie auf ihrer Rückkehr beharrte, wurde ihr auch ein südkoreanischer Reisepass verweigert - und damit die einzige Möglichkeit, Südkorea legal zu verlassen." Kim sagt: "Ich fühle mich wie eine Gefangene."

Der Spionage-Plan ging nicht auf

Die Flucht aus dem Reich der Kims ist eine Einbahnstraße, Rückkehr nicht vorgesehen. Ebenso ungewöhnlich ist es allerdings, dass jemand so beharrlich für seine Heimreise kämpft, wie Kim. Mal versuchte sie, sich das Leben zu nehmen. Mal gab sie sich als Spionin des Nordens aus - in der Hoffnung, abgeschoben zu werden. Der Plan ging nicht auf - stattdessen musste sie ins Gefängnis, von Juli 2014 bis April 2015.

Wenn Kim nicht unbedingt in den Norden zurückwollte, könnte man sie fast als Beispiel einer geglückten Integration bezeichnen. Als Schneiderin verdient sie gutes Geld im Süden, einmal pro Woche fährt sie nach Seoul, um Aufträge für Maßanzüge zu erledigen. Preis pro Anzug: etwa 800 Euro. Als "Schneiderin aus Pjöngjang" besitzt sie ihren eigenen Marktwert. Sie schreibt Bücher über ihr Schicksal und ist als Interviewpartnerin begehrt.

Kim Jong Un (l.), Moon Jae In
AP

Kim Jong Un (l.), Moon Jae In

Aber sie will eben zurück. Hat sie denn keine Angst davor, dass das Kim-Regime sie nach ihrer Rückkehr grausam bestraft - wie viele andere Überläufer, die von China regelmäßig in den Norden zwangsdeportiert werden? Kim schüttelt den Kopf. Sie vertraut darauf, dass man ihr glauben wird, dass ihre Reise in den Süden nur ein Missverständnis war.

Immerhin: Über Vermittler steht sie in Kontakt mit ihrer Familie in Pjöngjang, der es offenbar gut gehe. "Meine Tochter hat mir eine Videobotschaft geschickt, mit der sie mich durch ihre neue Wohnung in Pjöngjang führt," sagt Kim. Dieses Video schaue sie sich immer wieder an.

Ganz sicher kann sich die Entwurzelte zwar nicht sein, was ihr nach einer möglichen Rückkehr im Norden widerfährt. Aber das sei ihr egal. "Wenn ich sterben muss, will ich wenigstens in der Nähe meiner Familie sterben."

Dieser Tage schöpft Kim Hoffnung, dass ihr Zwangsaufenthalt im Süden früher zu Ende geht als lange befürchtet. Für Ende April haben sich Präsident Moon Jae In und Diktator Kim Jong Un zu einem Gipfel im Grenzort Panmunjom verabredet. Kim erwartet, dass Nord und Süd dann eine Zusammenführung getrennter Familien vereinbaren und dass sie dann bald in den Norden ausreisen darf.

Zum Abschied lächelt Kim und winkt. "Auf Wiedersehen," ruft sie, "auf Wiedersehen in Pjöngjang."

insgesamt 4 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Meckerameise 21.03.2018
1.
Ich kann schon verstehen, dass man in Südkorea sie nicht einfach wieder zurücklassen möchte. Jeder außerhalb weiß eigentlich, wie schlimm es in Nordkorea zugeht. Aber mit welcher menschlichen Begründung kann man ihr die Rückkehr verweigern? Wenn sie weiß, was sie dort erwarten könnte und sich trotzdem für die Rückkehr entscheidet, warum wird ihr das anscheinend verboten? War da nicht irgendwann mal etwas wie freier Wille, Eigenverantwortung und so? So gesehen ist sie wirklich nur von einem Gefängnis in das nächste gekommen.
krisxxl 22.03.2018
2. Ddr
Wenn die Frau in der Hauptstadt leben dürfte, gehörte sich schon dort zur Elite. Es gibt auch heute genug Menschen, die im Osten der DDR nachtrauen, gerade wenn man gute Beziehungen in der Parte hatte oder Verwandte bei der Stais, war das Leben vermutlich nicht so schlimm. Nicht alles gab es in Überfluß, aber der Job Urlaub 1x im Jahr war garantiert.
kielerjung24 22.03.2018
3.
Ich finde das man bei bezahlten Angeboten besonders sorgsam regidieren sollte. Sie leitet keine Krankheit sondern leidet an ihr und ihre Verwandten wohnen nicht in der mordchinesischen Provinz.
der-waldler 22.03.2018
4. Für einen Bezahl-Artikel...
Für einen Bezahl-Artikel inhaltlich mehr als dürftig und sprachlich miserabel korrigiert. Werden Artikel heutzutage eigentlich nicht mehr korrekturgelesen? Ich habe das Gefühl, dass immer schlechtere Artikel immer öfter nur noch gegen Bezahlung zu lesen sind.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.