Atomkonflikt mit Nordkorea Die beiden mit der Bombe

Das überraschend angekündigte Treffen von US-Präsident Trump und Nordkoreas Diktator Kim bietet eine Chance auf Frieden auf der koreanischen Halbinsel. Euphorie ist aber nicht angesagt.

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Donald Trump und Kim Jong Un haben sich bislang nichts geschenkt. Der US-Präsident verspottete den nordkoreanischen Diktator als "kleinen Raketenmann" und drohte ihm mit der "völligen Zerstörung" seines Landes. Im Gegenzug nannte Kim den Amerikaner "senil" und "geistesgestört" .

Die beiden mit der Bombe haben die Spannungen auf der koreanischen Halbinsel so rücksichtslos angeheizt, wie kaum jemand vor ihnen. Doch nun sorgen sie für die große Überraschung: Kim schlägt Trump einen Gipfel vor und Trump nimmt die Einladung an.

Schon im Mai soll das Treffen stattfinden. Das teilte der südkoreanische Sicherheitsberater Chung Eui Yong nach einem Treffen mit Trump in Washington mit. Chung hatte mit Kim Anfang der Woche in Pjöngjang rund vier Stunden lang konferiert.

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Dabei hatte Kim bereits seine Bereitschaft erklärt, mit den USA über einen Verzicht auf sein Atomprogramm zu verhandeln. Als Bedingung nannte er, dass Nordkoreas Sicherheit "garantiert" sei.

Chance auf Entspannung

Wo und in welchem Rahmen der Gipfel zwischen Trump und Kim stattfinden soll, steht noch nicht fest. Aber allein die Tatsache, dass sich die Kontrahenten treffen wollen, zeigt, wie die Situation in Ostasien plötzlich in Bewegung gerät.

Noch vor Kurzem diskutierten Experten in Washington, Seoul und Tokio einen möglichen militärischen Präventivschlag der USA gegen das nordkoreanische Atomprogramm. Nun aber eröffnet sich immerhin eine Chance auf Entspannung.

Kim braucht dringend Atempause

Vor Euphorie sei allerdings gewarnt, von einem historischen Durchbruch kann noch lange keine Rede sein. Die Tatsache, dass der nordkoreanische Diktator sich bereit erklärt, über eine "Denuklearisierung" der koreanischen Halbinsel zu sprechen, hat vor allem zwei Gründe:

  • Kim hat bei seinem Atom- und Raketenprogramm bereits wichtige technische Erfolge erzielt. Nordkorea ist eine Atommacht, der Diktator sieht sich in der Lage, auf Augenhöhe mit der westlichen Supermacht zu verhandeln.
  • Gleichzeitig spürt Kim aber auch zunehmend den Druck der Sanktionen, welche die Vereinten Nationen gegenüber seinem isolierten Land verhängt haben. Allein im Dezember brachen die nordkoreanischen Ausfuhren nach China, dem wichtigsten Handelspartner, um rund 80 Prozent ein.

Kim braucht dringend eine Atempause, um einen wirtschaftlichen Kollaps seines Landes zu vermeiden. Ob er sie bekommt, ist allerdings zweifelhaft. Denn Trump hat bereits angekündigt, dass er an den Sanktionen gegenüber Nordkorea festhalten will - ungeachtet des geplanten Gipfeltreffens.

Und ob der Nordkoreaner tatsächlich bereit ist, auf seine Atomwaffen zu verzichten, muss sich auch erst noch zeigen. Der angekündigte Gipfel mit Trump könnte höchstens ein Anfang dazu sein.

Um Nordkorea von seinem Nuklearprogramm abzubringen - unumkehrbar und überprüfbar - sind technisch komplizierte Verhandlungen erforderlich, die sich über Jahre hinziehen könnten. Wie lange so etwas dauern kann, hat das Beispiel Iran gezeigt. Ob Trump für so einen Prozess die nötige strategische Geduld aufbringt, ist fraglich.

Nukleare Aufrüstung als Staatsräson

Selbst wenn sich Trump und Kim auf ein atomwaffenfreies Nordkorea einigen, stellt sich die Frage, was so ein Abkommen überhaupt wert wäre. Zu oft hat Nordkorea bereits ähnliche Versprechungen abgegeben und diese dann wieder gebrochen.

So verzichtete es schon im Genfer Rahmenabkommen von 1994 auf Nuklearwaffen. Im Gegenzug sagten die USA und ihre Verbündeten Hilfen beim Bau von Leichtwasserreaktoren zu sowie Öllieferungen. Doch heimlich entwickelte das Kim-Regime weiter Nuklearwaffen.

Der Aufstieg zur Atommacht zählt zu den wenigen Erfolgen, mit denen Diktator Kim sich vor seinem 25-Millionen-Volk brüsten kann. Die nukleare Rüstung gilt als Staatsräson des Regimes, Kim ließ sie auch in der Verfassung festschreiben. Einen Verzicht auf den Status als Atommacht wird er sich in jedem Fall nur sehr teuer abkaufen lassen.

Doch welchen Preis wäre Trump bereit, dem Diktator zu zahlen? Gegenüber dem südkoreanischen Abgesandten Chung sprach Kim in Pjöngjang von einer möglichen "Denuklearisierung" der koreanischen Halbinsel. Das würde bedeuteten, dass nicht nur der Norden atomar abrüstet. Auch der Süden müsste auf den atomaren Schutzschirm der Amerikaner verzichten.

"Feuer und Zorn" vorerst abgesagt

Überdies dürfte Kim den Abzug der US-Truppen aus Südkorea verlangen. Dass die USA auf solche Bedingungen eingehen, ist kaum denkbar. Denn dann geriete das gesamte Machtgefüge in Ostasien ins Wanken - insbesondere mit Blick auf die aufstrebende Großmacht China.

Nordkorea - Die Chronik des Konflikts

Dass Trump und Kim sich treffen wollen, ist zweifellos ein Fortschritt. "Feuer und Zorn", wie vom US-Präsidenten zeitweilig angedroht, sind vorerst abgesagt. Doch die schwierige Aufgabe steht erst noch bevor, insbesondere für Trump.

Kim wirtschaftlich unter Druck zu setzen und so an den Verhandlungstisch zu bringen, war noch relativ einfach. Doch ab jetzt braucht Trump schnell einen konkreten Plan für Gespräche. Er muss darlegen, wie er die Welt dauerhaft von der Gefahr eines atomar bewaffneten Nordkoreas befreien will. Inwieweit er sich darüber schon Gedanken gemacht hat, hat er bislang nicht verraten.

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