Nach sechstem Atomtest Was Sie zum Nordkorea-Konflikt wissen müssen

Auf Druck folgt Gegendruck: Dem Regime in Nordkorea ist mit Sanktionen offenbar nicht beizukommen. Was kann jetzt noch aus der Krise führen? Die wichtigsten Antworten.

Propaganda-Poster aus Nordkorea (von 2003)
REUTERS/ KNS

Propaganda-Poster aus Nordkorea (von 2003)

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Nordkorea wird sein Atomprogramm nicht aufgeben - das ist inzwischen Gewissheit. Auch Sanktionen und Isolation haben das Regime von Kim Jong Un nicht zum Einlenken bewegt. Im Gegenteil: Raketen- und Nukleartests häufen sich. Welche Möglichkeiten hat die Weltgemeinschaft überhaupt noch? Und welche Rolle spielt China? Ein Überblick.

Wie weit fortgeschritten ist das Atomprogramm?

Am Sonntag ließ Kim Jong Un eine Wasserstoffbombe testen, mit der Interkontinentalraketen bestückt werden sollen (Details dazu finden Sie hier). Die Detonation, die durch den sechsten Atomtest ausgelöst wurde, war deutlich stärker als frühere.

Die meisten Experten gingen bislang davon aus, dass das Regime derzeit über bis zu 20 Atomsprengköpfe verfügt. Das Land hat sechs unterirdische Atomtests durchgeführt und dabei die Sprengkraft offenbar kontinuierlich gesteigert. Der erste im Jahr 2006 soll noch relativ schwach gewesen sein, mit einer Sprengkraft von weniger als einer Kilotonne. Der fünfte Test im September 2016 soll laut südkoreanischem Verteidigungsministerium schon annähernd zehn Kilotonnen betragen haben. Der jüngste gar mehr als 100 Kilotonnen. Zum Vergleich: Die Atombombe, die über Hiroshima abgeworfen wurde, hatte eine Sprengkraft von etwa 15 Kilotonnen.

Kim Jong Un mit Militärs
REUTERS

Kim Jong Un mit Militärs

Mit großer Sorge wird gegenwärtig auch das parallel laufende Raketenprogramm Nordkoreas gesehen. Zwei Atom- und mehr als zwei Dutzend Raketentests allein im Jahr 2016 sind ein Signal, dass das Regime fieberhaft daran arbeitet, innerhalb der nächsten zwei bis drei Jahre kleinere Nuklearsprengköpfe zu entwickeln, die auf Interkontinentalraketen passen.

Die Fähigkeit, mit seinen Raketen die USA zu erreichen, ist für Kim Jong Un enorm wichtig. Er fürchtet, ohne die Drohkulisse eines Nuklearschlags vom Westen gestürzt zu werden - wie Saddam Hussein im Irak und Muammar al-Gaddafi in Libyen.

Welche Sanktionen wurden bislang verhängt?

Seit dem ersten Nukleartest des kommunistischen Regimes versuchen die Vereinten Nationen, Nordkorea mit Sanktionen dazu zu zwingen, sein Atomprogramm aufzugeben. In einem ersten Schritt wurde der Handel mit Gütern verboten, die für das Raketen- und Atomprogramm genutzt werden könnten. Zudem durften keine Luxusgüter mehr importiert werden. Pjöngjang reagierte darauf wütend: Die Führung fasse das als "Kriegserklärung" auf, warnte ein nordkoreanischer Diplomat.

Bis heute ist die Dynamik geblieben; auf internationalen Druck reagiert Nordkorea mit Gegendruck. Daran änderten auch Sanktionen gegen Diplomaten und ein Exportverbot bestimmter Bodenschätze nichts. Vor wenigen Wochen weitete der Uno-Sicherheitsrat die Strafen gegen das Regime erneut aus - auch China unterstützte die Resolution. Der Bann betrifft Kohle, Stahl und Eisen, Blei, Fisch und Meeresfrüchte. Das soll der Regierung in Pjöngjang rund eine Milliarde US-Dollar Einnahmen entziehen, etwa ein Drittel der gesamten Exporteinnahmen. Auch Joint Venture mit Nordkorea sind künftig verboten.

Warum zeigen die Sanktionen keine Wirkung - und welche Möglichkeiten bleiben?

Trotz bestehender Sanktionen konnte Nordkorea seine Exporteinnahmen in den vergangenen Jahren sogar noch steigern. Einen Großteil des Handels, etwa 90 Prozent, treibt das Regime mit China. Obwohl Peking die Sanktionen unterstützt, hat der Handel zwischen den beiden Verbündeten auch im ersten Halbjahr 2017 zugenommen. Die Volksrepublik hat kein Interesse an einem Kollaps des Regimes, der für China womöglich einen Flüchtlingsansturm zur Folge hätte.

Bestimmte Bereiche können gar nicht sanktioniert werden - bringen aber Einnahmen, etwa der illegale Waffenhandel. Zudem beziehen chinesische Firmen im Grenzbereich zu Nordkorea Arbeitskraft und Produkte aus dem Nachbarland. So werden in Nordkorea hergestellte Kleidungsstücke eingeschleust und als "Made in China" ausgegeben, um die Sanktionen zu umgehen. "Solange die Grenze so porös ist, werden die Sanktionen kaum zum Ziel führen", sagt Eric Ballbach vom Institut für Koreastudien der Universität Berlin.

Es gebe aber noch einige Bereiche, über die die USA Druck auf Nordkorea ausüben könnten, sagt Ballbach. So könnte Washington versuchen, Nordkorea von ausländischen Finanzströmen abzuschneiden. US-Präsident Donald Trump kündigte bereits an, "zusätzlich zu anderen Optionen allen Handel mit Ländern einzustellen, die Geschäfte mit Nordkorea machen." Vor wenigen Tagen erst hatten die USA russische und chinesische Unternehmen, die mit Nordkorea Handel treiben, bestraft. Südkorea dringt hingegen auf einen Dialog mit Pjöngjang. "Daran wird kein Weg vorbeiführen, um die Krise zu lösen", sagt Ballbach.

Welche Rolle spielen China, Russland und Japan?

Nordkorea steht international isoliert dar, nur China bleibt als Verbündeter. Doch auch dessen Beziehung ist durch die Provokationen aus Pjöngjang in Schieflage geraten (mehr dazu lesen Sie hier). Auf der anderen Seite steht der Verbund aus den USA, Südkorea und Japan.

Nordkoreakonflikt - die Akteure

Für Details bitte die Länder klicken oder tippen.

Was sind die nächsten Schritte?

Japan und die USA wollen nach Nordkoreas sechstem Atomtest gemeinsam "maximalen" Druck auf das Land ausüben. Die Uno will zudem die Sanktionen weiter verschärfen. In Diplomatenkreisen hieß es, neue Strafmaßnahmen könnten die nordkoreanische Textilindustrie oder die Fluggesellschaft des Landes ins Visier nehmen. Die Bundesregierung kündigte an, sich gemeinsam mit Frankreich für weitere Sanktionen auf EU-Ebene einzusetzen.

Auf einem Gipfel der Brics-Staaten - Brasilien, Russland, Indien, China und Südafrika - verurteilten die Regierungsvertreter den neuen Atomtest Nordkoreas scharf. In einer gemeinsamen Erklärung äußerten sie "tiefe Sorge" über die anhaltenden Spannungen auf der koreanischen Halbinsel und den Konflikt um das Atom- und Raketenprogramm, berichtete die staatliche chinesische Nachrichtenagentur Xinhua. Einem Kremlsprecher zufolge seien sich Präsident Wladimir Putin und Chinas Präsident Xi Jinping einig, dass Chaos auf der koreanischen Halbinsel unbedingt zu vermeiden sei.

insgesamt 16 Beiträge
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butzibart13 04.09.2017
1. Ablenkung von innenpolitischen Problemen
Wenn man Bilder von der Führungselite aus Nordkorea sieht, fällt auf, dass neben Kim Jong Un sich meist ältere Herren aufhalten. Damit stellt sich die Frage, ob er noch Herr des Geschehens ist, oder ob nicht die erfahrenen Älteren ihn als Marionette vorschieben und sie in Wirklichkeit die Fäden ziehen. Der Eindruck, dass innenpolitische Machtkämpfe nach außen getragen werden, ist nicht ganz von der Hand zu weisen. Im Prinzip fährt Kim eine Selbstmordpolitik, denn irgendwann ist der Rahmen überspannt
quark2@mailinator.com 04.09.2017
2.
Sehen wir uns die Welt doch mal aus Sicht Nordkoreas an ... Den Leuten geht es vermutlich nicht so gut, sowohl rein ökonomisch, als auch emotional. Wenn Kim also einen Aufstand vermeiden will, hat er 2 Optionen - den Druck durch den äußeren Feind maximal halten, um eine Art Burgfrieden zu erzeugen und die externe Bedrohung bekommt er am leichtesten glaubhaft gemacht, wenn er die Welt zur erhobenen Faust provoziert ... oder er würde eine komplette Kertwende hinlegen und ein Sozialprogramm starten, das Land öffnen, a la Perestroika. Wie das für die ehemaligen Bosse im Osten ausging, konnte er sich ansehen ... Nicolae Ceaușescu läßt grüßen. Also wird er vermutlich hoffen, daß er zunächst seine atomare Abschreckung glaubhaft hinbekommt und damit dann in der Lage ist, die politischen Änderungen nach eigenem Gusto und kontrolliert durchzuführen. Er könnte dann jegliches aggressive Verhalten einstellen und die Aufhebung der Sanktionen fordern. Ich weiß natürlich nicht, ob er Änderungen überhaupt will, aber ewig hinter Mauern eingeschlossen zu sein, ist vermutlich nicht so angenehm. Er muß ja auch immer um sein Leben fürchten.
Mikel 04.09.2017
3. Ich frage mich
wie ein bettelarmes Land wie Nord-Korea in der Lage sein kann, die Entwicklung einer solchen Technologie zu finanzieren. Entweder ist mittlerweile die Entwicklung von Nuklearwaffen und Raketen so einfach geworden, dass es keinen nennenswerten Kostenfaktor mehr darstellt - was, wenn es sich so verhielte, eigentlich auch schon zum Fürchten ist; oder das Land hat von einem oder mehreren Drittländern ein Technologie- und/oder Geldtransfer nach Nord-Korea stattgefunden. Wer aber könnte an einer nuklearen Aufrüstung Nord-Koreas ein Interesse haben? Und dann gibt es noch die dritte Möglichkeit: Dass sich Nord-Korea mit der Nuklear-Rüstung fast vollends verausgabt hat, das Land sich kurz vor dem Kollaps befindet - und nun mit der Nuklear-Option versucht, sich den weiteren wirtschaftlichen Fortbestand zu erpressen.
Mikel 04.09.2017
4. Ich frage mich
wie ein bettelarmes Land wie Nord-Korea in der Lage sein kann, die Entwicklung einer solchen Technologie zu finanzieren. Entweder ist mittlerweile die Entwicklung von Nuklearwaffen und Raketen so einfach geworden, dass es keinen nennenswerten Kostenfaktor mehr darstellt - was, wenn es sich so verhielte, eigentlich auch schon zum Fürchten ist; oder es hat von einem oder mehreren Drittländern ein Technologie- und/oder Geldtransfer nach Nord-Korea stattgefunden. Wer aber könnte an einer nuklearen Aufrüstung Nord-Koreas ein Interesse haben? Und dann gibt es noch die dritte Möglichkeit: Dass sich Nord-Korea mit der Nuklear-Rüstung fast vollends verausgabt hat, das Land sich kurz vor dem Kollaps befindet - und nun mit der Nuklear-Option versucht, sich den weiteren wirtschaftlichen Fortbestand zu erpressen. (bitte lieber diese Version ohne den Text in den Klammern einstellen - danke)
spon-facebook-1035483455 04.09.2017
5. Kommunistisch?
Nordkorea ist eine Militaerdiktatur, die von einer Clique von Psychopathen unter Kim Jong-un beherrscht wird. Mit Kommunismus hat das wenig zu tun, denn das nordkoreanische Volk wird von dieser Clique bis auf die Knochen ausgebeutet, damit sie sich an dem eigenen militaerischen Groessenwahn berauschen kann. Interessant sind die Hinweise auf Saddam Hussein und Muammar al-Gaddafi. Waehrend der Regierung von Praesident Clinton hat Hussein zigfach die dem Irak nach dem 2. Golfkrieg auferlegten Bedingungen gebrochen. Selbst eine kurze militaerische Operation (Operation Desert Fox) Ende 1998 brachte ihn nicht zu Vernunft. Vor dem Hintergrund muss man sich fragen, inwieweit solche Typen wie Hussein ueberhaupt lernfaehig sind. Erst nach dem 3. Golfkrieg verlor er sein Amt, als er sich durch seine Flucht der Verantwortung entzog. Grundlage dieses 3. Golfkriegs war letztlich die "Authorization for Use of Military Force Against Iraq Resolution of 2002", die vom Kongress der Vereinigten Staaten beschlossen wurde. Fuer diese Resolution stimmten im US Senat nicht nur die Senatoren der GOP (bis auf Chafee) sondern auch die Demokratischen Senatoren Hillary Clinton, Joe Biden, John Edwards, Dianne Feinstein, John Kerry, Joe Liebermann, Harry Reid und Chuck Schumer. Mehr als zwanzig Demokratische Senatoren stimmten dagegen, darunter Robert Byrd, der frueher dem KKK angehoerte, Barbara Boxer und Ted Kennedy. Barack Obama war zu diesem Zeitpunkt nicht Mitglied des US Senats. Der Sturz von al Gadaffi in 2011 geht eindeutig auf die Haltung der NATO zurueck, die Rebellen militaerisch zu unterstuetzen. Sowohl Praesident Obama, dem man schon fruehzeitig den Friedens-Nobelpreis fuer Nichts nachgeworfen hatte, als auch Secretary of State, Hillary Clinton, waren darin involviert. Der mit all diesen Handlungen nichts zu tun hatte, naemlich der amtierende Praesident Donald Trump, wird nun in Deutschland sowohl von der Politik als auch von den Medien als geistesgestoerter unberechenbarer Kriegstreiber bezeichet, obwohl er als Praesident der Vereinigen Staaten auf die atomare Bedrohung durch Nordkorea nur so reagiert hat, wie es die von Praesident Kennedy formulierte Doktrin der "flexible response" vorsieht, die spaeter auch von der NATO uebernommen wurde. Vor dem Hintergrund dieser Verlogenheit frage ich mich, ob man eigentlich soviel essen kann, wie man k...... moechte.
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