Pjöngjangs Provokation Japan ließ Nordkoreas Rakete fliegen - warum?

Japan verfolgte den jüngsten nordkoreanischen Test einer Mittelstreckenrakete genau - fing sie aber nicht ab. Dabei wäre das möglich gewesen. Die Hintergründe.

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Die Regierung in Tokio reagiert mit harscher Rhetorik auf den aktuellsten nordkoreanischen Raketentest. Premier Shinzo Abe will den Druck auf das Regime in Pjöngjang auf ein "extremes Maß" steigern. Darauf einigte er sich in einem Telefonat mit Südkoreas Präsidenten Moon Jae In.

Das japanische Militär bereitet sich seit Wochen auf den Ernstfall vor. Nach der Drohung Nordkoreas Anfang August, die Pazifikinsel Guam anzugreifen, verlegte die Armee ein Raketenabwehrsystem in den Westen des Landes. Auf Guam haben die mit Japan verbündeten USA erhebliche Truppen stationiert.

Auf die jüngste Provokation haben die japanischen Militärs indes nicht aktiv reagiert. Erstmals seit 2009 überflog eine nordkoreanische Rakete, Typ Hwasong-12, das japanische Festland und landete schließlich in drei Teile zerbrochen im Meer vor der japanischen Küste.

Nordkoreas Machthaber Kim Jong Un lobte die Übung und zeigte sich "äußerst zufrieden", der Sicherheitsrat der Vereinten Nationen verurteilte den Test einstimmig. Aber warum hielt Tokio still? Wie gefährlich war der Raketentest wirklich? Und wie funktionierte die Militärübung? Antworten auf die wichtigsten Fragen.

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Was macht einen Abschuss schwierig?

Raketen fliegen sehr schnell und stellen ein vergleichsweise kleines Ziel dar. Der Flug einer Mittelstreckenrakete dauert je nach Distanz nur 10 bis 20 Minuten. Sie erreicht dabei Geschwindigkeiten von bis zu 20.000 Stundenkilometern und Höhen von Hunderten Kilometern. Die am Montag von Nordkorea über Japan hinweg gefeuerte Rakete soll etwa 2700 Kilometer weit und bis zu 550 Kilometer hoch geflogen sein. So berichtete es der Generalstab der südkoreanischen Armee.

Mittelstrecken- und Interkontinentalraketen beschleunigen nach dem Start sehr schnell auf mehrfache Schallgeschwindigkeit. Nach Abschluss der sogenannten Boostphase fliegen sie ballistisch, also ohne Antrieb Richtung Ziel. Die parabelförmige Flugbahn geht durch den Weltraum, der in 100 Kilometer Höhe beginnt.

THAAD-System bei einem Test der US-Armee (Archivbild)
DPA/ Department Of Defense

THAAD-System bei einem Test der US-Armee (Archivbild)

Welche Abwehrsysteme gibt es?

Das US-Militär hat mit Ground-Based Midcourse Defense (GMD) ein System entwickelt, das feindliche Raketen in der mittleren Flugphase, bei der sie den höchsten Punkt ihrer Bahn erreichen, attackieren soll. Ende Mai vermeldete die Missile Defense Agency des US-Militärs den erfolgreichen Abschuss einer Interkontinentalrakete mit einem GMD-System.

Der Test-Flugkörper war auf den Marschall-Inseln im Westpazifik abgefeuert worden. Eine Boden-Luft-Abwehrrakete, gestartet von der kalifornischen Luftwaffenbasis Vandenberg, zerstörte die Testrakete. Zuvor hatte es bei vergleichbaren Versuchen wiederholt Fehlschläge gegeben.

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Nordkoreas Rakete: Flug über Japan

Es gibt auch Abwehrsysteme, die Raketen in ihrer letzten Flugphase kurz vor dem Einschlag zerstören sollen. Dazu gehören beispielsweise Patriot-Raketen, wie sie Japan besitzt, und das US-System Terminal High Altitude Area Defense (THAAD). Solche Systeme können auch gegen Kurzstreckenraketen eingesetzt werden.

Die USA haben erst kürzlich eine THAAD-Batterie nach Südkorea verlegt. THAAD-Raketen tragen keinen Sprengstoff - sie zerstören anfliegende Raketen durch direkten Aufprall. Die von Japan verwendeten Patriot-Lenkflugkörper vom Typ PAC-3 dagegen besitzen einen Sprengkopf, können anfliegende Raketen also auch zerstören, falls sie sie knapp verfehlen.

Warum ist Japan nicht aktiv geworden?

Westliche Militärs gehen davon aus, dass die Japaner den Raketentest sehr schnell mit ihren Sensoren wahrgenommen und verfolgt haben. Grundsätzlich wäre die japanische Raketenabwehr auch in der Lage gewesen, die Rakete abzufangen. Dies sei nicht geschehen, weil man sehr schnell die Flugbahn berechnen konnte. Dabei war zu erkennen, dass die Rakete nicht auf Japan zielte und keine akute Gefahr bestand.

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Dass die Rakete letztlich nicht abgeschossen wurde, hatte laut den Militärs vermutlich auch taktische Gründe. "Ein Abschuss hätte Nordkorea umgehend als Provokation und Anlass für zeitnahe weitere Raketentests gesehen, dieser Eskalation wollte Japan wohl aus dem Weg gehen", so ein ranghoher Bundeswehroffizier. Folglich beließ man es in Japan bei der Beobachtung der Flugbahn. Ob dies bei weiteren Tests auch so sein wird, ist derzeit schwer abzusehen.

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acitapple 30.08.2017
1.
Da wäre Kim wohl erst richtig durchgedreht, wenn Japan nordkoreanisches Staatseigentum zerstört. Schließlich war die Rakete ja soooo hoch und absolut keine Gefahr. Raketen werden nämlich erst gefährlich, wenn sie auf dem Boden einschlagen. Das Geschrei hätte ich gerne gehört: „Japan behindert NK’s Selbstverteidungsentwicklung“… oder so ähnlich….
tomxxx 30.08.2017
2. Habt Ihr wieder einen politischen Offizier befragt...
der sich dann ein politisches Argument einfallen lässt und etwas mutmaßt... und ab da gilt die Mutmaßung als Faktum! Wenn NK eine Rakete über Japan schiesst und passende Ziele sind nicht in Reichweite, dann wird man den Teufel tun und das Ding abschiessen. Die Abfangrakete kommt auch wieder runter und falls das Ding trifft verteilen sich die Trümmer auch irgendwie! Eine Eskalationsvermeidung, wenn die Eskalation in Tests besteht? So ein Unsinn! NK hat die Tests mit längerreichweitigen Raketen soeben klar nach oben gefahren, die testen sowieso was geht!
ex_Kamikaze 30.08.2017
3. Das Abfangen einer ballistischen Rakete
ist nach wie vor kein Tagesgeschäft. Die langsamen und kleinen "Abwehrraketen" müssen praktisch perfekt stehen und hervorragende Bedingungen vorfinden (meteorologisch und elektronisch) um überhaupt eine Chance zu haben. Bisher war das Abfangen nur dann möglich (mit ebenfalls hoher Ausfallquote) wenn der genaue Kurs des ballistischen Ziels VORHER genau bekannt war. Insofern hat Japan richtig gehandelt. Ein nicht unwahrscheinlicher Fehlschuss hätte die westliche diplomatische Position massiv schädigen können weil die Raketenabwehr sich leicht als Luftnummer hätte entpuppen können.
alex300 30.08.2017
4. Richtig
Man soll sich nicht provozieren lassen, und es ist gut, dass die Japaner die Nerven behielten.
spontanistin 30.08.2017
5. Entlarvt ihn doch endlich!
Statt militärisch zu eskalieren, sollte Japan der nordkoreanischen Bevölkerung doch einmal vorrechnen, welchen Unsummen ihr Diktator für seine Raketenspielchen verpulvert. Geld, das der in großen Teilen notleidenden Bevölkerung zu Gute kommen könnte. Oder haben die Machthaber in China und Russland die Raketentriebwerke dem Nordkorea-Diktator geschenkt (Freundschaft!), damit er in ihrem Sinne Unruhe stiftet und von den echten Problemen ablenkt?
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