Nordkoreas Atomtest: Experten rätseln über Sprengkraft der Bombe

Der Sicherheitsrat kommt zu einer Dringlichkeitssitzung zusammen, die Nato-Botschafter tagen, weltweit wird eine entschlossene Reaktion auf Nordkoreas Atomtest gefordert. Experten-Schätzungen über die Größe der Bombe gehen weit auseinander.

Seoul/Brüssel/New York - Die internationale Staatengemeinschaft ist entsetzt, weltweit wird Nordkoreas Atomtest scharf verurteilt - doch noch immer herrscht Unklarheit über die Stärke der Bombe. Während Experten in Südkorea von einem vergleichsweise kleinen Sprengsatz sprachen, gehen russische Experten inzwischen von einer sehr viel größeren Bombe aus.

Die Erdstöße wurden weltweit gemessen
AP

Die Erdstöße wurden weltweit gemessen

Der Chef des südkoreanischen Geheimdienstes, Kim Seung Kyu, schätzte die Sprengkraft der getesteten Bombe auf 550 Tonnen TNT. Es wäre demnach ein verhältnismäßig kleiner Sprengsatz gewesen. Allerdings sagte er, möglicherweise werde schon ein weiterer Test vorbereitet.

Doch russischen Schätzungen zufolge war die Explosion deutlich heftiger. Die russischen Überwachungssysteme haben "den Test einer Atomwaffe in Nordkorea entdeckt", zitierte die Nachrichtenagentur Itar-Tass Generalleutnant Wladimir Werchowzew aus dem Verteidigungsministerium. "Es ist hundert Prozent sicher, dass es eine unterirdische Atomexplosion war." Die mögliche Stärke wurde vom russischen Verteidigungsministerium mit 5000 bis 15.000 Tonnen Trinitrotoluol (TNT) weit höher eingeschätzt als in Südkorea.

Damit könnte der nordkoreanische Test eine Stärke gehabt haben, die der Atombombe der USA entsprach, welche am 6. August über Hiroshima gezündet wurde. Sie hatte eine Sprengkraft von 15.000 Tonnen TNT, die am 9. August 1945 über Nagasaki abgeworfene Bombe entsprach 21.000 Tonnen TNT.

Die USA wollten einen Atomtest zunächst noch nicht bestätigen. Es habe ein "seismisches Ereignis" in einem möglichen nordkoreanischen Atomtestgelände gegeben, erklärte das Weiße Haus. "Im Moment können wir einen Atomtest nicht bestätigen", erklärte Sprecher Tony Snow.

Ein Regierungsmitarbeiter, der namentlich nicht genannt werden wollte, sagte, die Erschütterung sei so klein gewesen, dass es schwierig sei, sie genau einzuschätzen. Ein anderer Experte erklärte, es habe sich wohl "mehr um ein Zischen als um einen Knall gehandelt."

Die Europäische Union nannte den nordkoreanischen Atomtest einen "provokativen Akt". Der Test gefährde die regionale Stabilität und stelle eine Bedrohung für den Frieden und die Sicherheit dar, heißt es in einer Erklärung der finnischen EU-Ratspräsidentschaft. Nordkorea wird aufgefordert, sofort einen Stopp weiterer Atomtests zu erklären und umgehend die sogenannten Sechs-Parteien-Gespräche über das nordkoreanische Atomprogramm wieder aufzunehmen.

Der EU-Außenbeauftragte Javier Solana sagte: "Das sind schlechte Nachrichten für die Menschen in Nordkorea." Der Atomwaffentest beweise erneut, dass das Regime in Pjöngjang falsche Prioritäten setze: "Die Regierung von Nordkorea gibt eine Menge Geld für etwas aus, das dem Volk nicht zum Vorteil sein wird, während die Menschen in Nordkorea hungern."

Der Sicherheitsrat der Vereinten Nationen will noch heute zu einer Dringlichkeitssitzung zusammenkommen. Australien und die USA sprachen sich für eine entschlossene Reaktion des Uno-Sicherheitsrats aus. Es müssten Finanz-, Handels- und Reisesanktionen gegen Nordkorea verhängt werden, forderte Australien. Die USA wollten den Atombombentest zwar zunächst nicht bestätigen, der Sprecher des Weißen Hauses, Tony Snow, erklärte aber, ein nordkoreanischer Atomtest wäre ein "Provokation gegen den erklärten Willen der internationalen Gemeinschaft". Die USA erwarteten, dass der Sicherheitsrat nun schnell handele, sagte Snow.

Auch die Botschafter der Nato-Staaten wurden von Nato-Generalsekretär Jaap de Hoop Scheffer zu einem Krisentreffen einberufen. "Ich verurteile den Atomtest auf das Schärfste", erklärte de Hoop Scheffer in Brüssel. "Er ist eine Bedrohung für die Sicherheit der Welt." Daher sei die härteste Reaktion der internationalen Gemeinschaft erforderlich. Die Botschafter der 26 Nato-Staaten trafen am Sitz der Allianz in Brüssel zusammen.

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Der britische Premierminister Tony Blair nannte den Atomtest "völlig unverantwortlich". Die internationale Gemeinschaft habe das Land wiederholt aufgefordert, von Raketen- und Atomtests abzusehen. Darauf werde es eine entschlossene Reaktion geben.

Außenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD) sagte, mit dem Test setze die nordkoreanische Regierung ihren Irrweg in die Selbstisolation fort. Der Nukleartest gefährde Frieden und Sicherheit in der Region und darüber hinaus. Nun sei der Sicherheitsrat der Vereinten Nationen gefordert, "dieser nordkoreanischen Provokation eine entschlossene Reaktion entgegenzusetzen". Der nordkoreanische Botschafter in Berlin sollte nach Angaben von Außenamtssprecher Martin Jäger noch am Montag einbestellt werden.

Deutlich war die Kritik auch in Südkorea. Der Test sei eine Provokation, für die Nordkorea die volle Verantwortung trage, sagte Kim Geun Tae, der Vorsitzende der regierenden Uri-Partei. Staatspräsident Roh Moo Hyun erklärte, sein Land werde die Politik der Annäherung angesichts des Atomtests wohl nicht weiterführen können. Die Situation solle aber im Dialog geklärt werden, betonte Roh.

In Japan erklärte Kabinettssekretär Yasuhisa Shiozaki, die Berichte über den erfolgreichen Atomwaffentest seien eine Provokation und eine ernsthafte Bedrohung der Stabilität in der Region. Ministerpräsident Shinzo Abe, der zu Gesprächen in Südkorea war, forderte eine ruhige, aber entschlossene Reaktion der internationalen Gemeinschaft. Der russische Präsident Wladimir Putin erklärte, die Bemühungen zur Nichtweiterverbreitung von Atomwaffen hätten schweren Schaden genommen.

Auch der bislang engste Verbündete China zeigte keinerlei Verständnis für die Regierung in Pjöngjang. Man lehne das Verhalten der Regierung in Pjöngjang kategorisch ab und hoffe, dass das Land zu den Sechs-Nationen-Gesprächen über sein Atomprogramm zurückkehre, erklärte China. Nordkorea habe sich über alle Warnungen der internationalen Gemeinschaft hinweggesetzt. Gleichwohl hob China hervor, alle anderen Staaten müssten nun ruhig reagieren und weiter an einer Verhandlungslösung arbeiten. Nordkorea hatte die Sechs-Parteien-Gespräche mit Südkorea, China, Japan, Russland und den USA vor einem Jahr aufgekündigt.

Auch in Deutschland haben seismische Instrumente die vermutete Atombombenexplosion in Nordkorea registriert. Wie die Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe (BGR) in Hannover mitteilte, bestätigten Ergebnisse der BGR-Messanlage "Geres" im Bayerischen Wald die von anderen internationalen Stationen festgestellten Daten für Zeitpunkt und Herd der Detonation.

Demnach ereignete sich die seismische Erschütterung der Magnituden-Stärke 3,3 in der Nacht zum Montag um 01.35 Uhr und 28 Sekunden Weltzeit im vermuteten Testgebiet Punggye-yok in der nordkoreanischen Provinz Nord-Hamgyong. Die aus der Magnitude ermittelte Ladungsstärke liegt laut BGR im Bereich von etwa einer Kilotonne des herkömmlichen Sprengstoffs TNT. Ob es sich tatsächlich um eine Nuklearexplosion handelte, kann nach Angaben der Bundesanstalt zweifelsfrei erst dann ermittelt werden, wenn radioaktive Partikel in der Atmosphäre nachgewiesen werden.

Es wird vermutet, dass Nordkorea Plutonium für mindestens vier, vielleicht aber auch Dutzende Atombomben hat. Nordkorea verfügt auch über ein Raketenprogramm, in dessen Rahmen auch Langstreckenraketen entwickelt werden. Technisch ist das Land aber vermutlich noch nicht in der Lage, einen Atomsprengsatz zu bauen, der klein genug für eine Rakete ist.

Nordkorea hat südkoreanischen Angaben zufolge möglicherweise bereits mit den Vorbereitungen zu einem zweiten Atomwaffentest begonnen. Wie die Nachrichtenagentur Yonhap unter Berufung auf Mitglieder des parlamentarischen Geheimdienstausschusses in Seoul berichtete, deuteten Aktivitäten im Nordosten des Landes auf mögliche Testvorbereitungen hin. Der Chef des südkoreanischen Geheimdienstes, Kim Seung Gyu, habe dem Auschuss von "ungewöhnlichen Bewegungen" bei Punggyeri in der Region Kilju berichtet. Ein ungenannter Abgeordneter zitierte Kim mit den Worten, es sei möglich, dass Nordkorea einen weiteren Test vorbereite.

hen/dpa/AP/AFP

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