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Nordkoreas Foto-Propaganda: Und heute inspiziert Kim Jong Il Büstenhalter

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Der "Geliebte Führer" sieht alles: Backwerk, Blumen, Gummistiefel - und eben auch Büstenhalter. Die von der staatlichen Nachrichtenagentur Nordkoreas verbreiteten Fotos von Kim Jong Ils Inspektionsreisen sind weltweit Kult. Sie sollen Normalität im Land und gute Gesundheit des Diktators suggerieren.

Kim Jong Il: Der Diktator inspiziert BHs, Gummistiefel und... Fotos
AFP / KCNA / KNS

Hamburg - Was hat er nicht schon alles inspiziert, geprüft und unter die Lupe genommen: Backwerk, Blumen, Fische, Tomaten, Hühnereier. Von Kim Jong Il gibt es Hunderte Bilder, die den nordkoreanischen Machthaber bei Reisen durch sein Land zeigen, zu Besuch in Produktionsstätten und an Marktständen. In Szene gesetzt von ihm genehmen Fotografen.

Jetzt ist ein weiteres, undatiertes Foto von der nordkoreanischen Nachrichtenagentur KCNA veröffentlicht worden. Es zeigt Kim Jong Il beim Besuch in einer Textilfabrik. Kim Jong Il hätte sich dort vermutlich alles anschauen können - Hosen etwa oder Pullover. Hat er vielleicht auch. Aber das Foto zeigt, wie Kim Jong Ils Blick auf Büstenhalter fällt. Weiße Büstenhalter. Hellblaue Büstenhalter. Rosafarbene Büstenhalter. Dazu ruht Kim Jong Ils Hand prüfend auf einem in Plastikfolie verpackten BH, man könnte fast meinen, er streichelt ihn. Eine Frau, vermutlich eine Mitarbeiterin der Textilfabrik, hält einen BH in den Händen. Es sieht so aus, als würde sie dem Diktator die Feinheiten der BH-Produktion erklären.

Die unzähligen, in den vergangenen Jahren entstandenen Fotos von Kim Jong Il sind inzwischen legendär. Der Mann, der sich irgendetwas anschaut: Auf die nordkoreanische Nachrichtenagentur KCNA ist Verlass, in regelmäßigen Abständen verbreitet sie Bilder von dem Diktator. Es gibt eine Internetseite, die diesem Phänomen auf humorvolle Weise Rechnung trägt, das zeigt sich schon an der Adresse der Internetseite: http://kimjongillookingatthings.tumblr.com/ "Looking at fish", heißt es dann etwa lapidar in einer Bildunterschrift unter einem Foto von Kim Jong Il an einem Fischstand. Oder "looking at wine" unter einem anderen, das den inzwischen 70-Jährigen mit Weinflaschen zeigt. Auf einem anderen läuft Kim Jong Il durch Schneegestöber. Die Bildunterschrift: "looking at snowflakes".

Doppelte Propaganda

Die von der nordkoreanischen Nachrichtenagentur KCNA verbreiteten Bilder sind für Kim Jong Il gleich doppelte Propaganda: Zum einen sollen sie Zweifel am Gesundheitszustand des Machthabers zerstreuen. Immer wieder hat es in der Vergangenheit Gerüchte und Berichte über schwere Erkrankungen gegeben. Er soll herzkrank sein, an Diabetes leiden, auch von unheilbarem Bauchspeicheldrüsenkrebs war bereits die Rede.

Zum anderen sollen die Fotos für die rund 24 Millionen Bürger Nordkoreas ein Bild ihres Landes zeichnen, das es in der Realität nicht gibt. Das Bild von einem ganz normalen und wohlhabenden Land. Von einem Land, in dem die Tomaten bis zur schönsten Reife wachsen, in dem es dicke Fische gibt, an denen man sich satt essen kann. Von einem Land, in dem sich die Frauen nach der morgendlichen Dusche die schwierige Frage stellen, ob sie den weißen Büstenhalter tragen sollen - oder doch den in Blau oder Rosa.

Die Wirklichkeit sieht aber so aus: Viele Menschen in dem kommunistischen und streng abgeschotteten Land leben in Armut und leiden Hunger. Noch vor wenigen Wochen hatte ein Mitarbeiter der Welthungerhilfe berichtet, dass die Nahrungsmittellücke, "die es in Nordkorea in jedem Frühjahr gibt, diesmal etwas größer ist als sonst". Um zu überleben, essen viele Nordkoreaner Gräser und Eicheln.

Zuletzt veröffentlichte die Menschenrechtsorganisation Amnesty International einen Bericht über die grausamen Bedingungen für politische Gefangene in nordkoreanischen Straflagern. Rund 200.000 Menschen würden unter "schrecklichen Bedingungen" festgehalten und "im Grunde als Sklaven behandelt".

Davon ist auf Bildern der staatlichen Nachrichtenagentur nichts zu sehen. Und das nächste Propagandabild, das eine heile Welt vortäuscht, kommt bestimmt.

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insgesamt 38 Beiträge
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1. kimjongilllookingatthings...
magicw 09.05.2011
.... ist schon Satire- und keine offizielle Seite aus Nordkorea. Ich hoffe, das ist dem Autor klar.
2. Das ist doch...
Markus.U 09.05.2011
... an der Formulierung erkennbar: Es gibt eine Internetseite, die diesem Phänomen auf HUMORVOLLE Weise Rechnung trägt, das zeigt sich schon an der Adresse der Internetseite: http://kimjongillookingatthings.tumblr.com/
3. .
cheknuf 09.05.2011
Zitat von magicw.... ist schon Satire- und keine offizielle Seite aus Nordkorea. Ich hoffe, das ist dem Autor klar.
Die Bilder die auf kimjongillookingatthings verwendet werden stammen urspruenglich von der staatlichen Nachrichtenagentur. Das ist ja der Gag, und ich finde der Spiegel-Autor stellt das recht deutlich dar: Innerhalb Nordkoreas kommen Witze ueber Kim gar nicht gut an, da ist es selbstverstaendlich dass diese Webseite keine offizielle sein kann.
4. Staatliche Propaganda
ach 09.05.2011
Nach Artikeln wie http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,760901,00.html oder http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,760417,00.html kann man sich dem Thema ja auch mal kritisch nähern. Sicherheitshalber aber am Beispiel Nordkorea... ;)
5. ...
konertec, 09.05.2011
---Zitat--- Was hat er nicht schon alles inspiziert, geprüft und unter die Lupe genommen: Backwerk, Blumen, Fische, Tomaten, Hühnereier ---Zitatende--- ...Kim Jong Il inspiziert nicht nur, er führt eine „Unterweisung vor Ort“ durch. Kim ist ein Universalgenie! Er versteht mehr vom Backen als die Bäcker, er weiss mehr über Blumen als die Gärtner und er ist kompetenter im Eierlegen als die Hühner. Er hat 12 Hole-in-one in einem Golfspiel geschafft, das wurde in Nordkorea verbreitet. Wer will da noch zweifeln? Wenn es nicht so traurig wäre, man könnte lachen...
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