Nordkoreas Raketentest: Gefahr aus Fernost

Von , Peking

Mit dem erfolgreichen Raketentest hat das Regime in Pjöngjang nicht nur die Experten Südkoreas blamiert. Nordkoreas Militärpotential mag zwar unklar bleiben, doch der Westen sollte sich darauf einstellen: In Fernost hat ein gewaltiger Umbruch begonnen.

Noch am Tag vor dem Abschuss hatten Agenturen berichtet, Pjöngjang werde den Start verschieben, die Rakete sei bereits wieder von der Rampe geholt und in eine Montagehalle zurückgebracht worden. Behauptet hatten das, nach einem Blick auf "aktuelle Satellitenbilder", Experten in Südkorea - genau jene Fachleute, auf deren Erkenntnisse und Einschätzungen sich seit Jahrzehnten alle stützen, die über Nordkorea spekulieren. Selten haben sie sich so blamiert, selten hatten die Think-Tanks - und die Medien - der Welt so guten Anlass, die Grundlagen ihrer Nordkorea-Debatten zu überdenken.

Um 9.51 Uhr Ortszeit hob die Unha-3-Rakete von der Sohae-Basis in einer verschneiten Bucht nahe der chinesischen Grenze ab. Sie schraubte sich aus einem Feuerball empor über das Gelbe Meer, wo sie ihr erstes Triebelement abwarf, und stieg zwischen Taiwan und Okinawa über die Philippinensee auf, wo die zweiten Stufe abgetrennt wurde. Irgendwo über dem Südpazifik soll die dritte Stufe den Satelliten dann in seine Erdumlaufbahn gebracht haben. Damit war der Start ein Erfolg - im Gegensatz seinen Vorläufern, die allesamt gescheitert sind.

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Raketenstart: Jubel in Pjöngjang, Entsetzen bei den Nachbarn
Noch besser hätte es für Kim Jong Un, den dritten Diktator seiner bizarren Dynastie, nur laufen können, wenn seine Ingenieure den Start exakt auf den 17. Dezember verlegt hätten, den ersten Todestag seines Vaters Kim Jong Il. Dagegen scheint die Witterung gesprochen zu haben - was ebenso eine Spekulation ist wie die Behauptungen der Südkoreaner. Jedenfalls hat Nordkorea bislang noch nie versucht, im Winter eine Rakete abzufeuern.

Politischer Umbruch im Fernen Osten

Keine Spekulation ist, was sich zurzeit in jenem Erdteil ereignet, über dem Kims Rakete aufgestiegen ist: Vor einem Jahr trat er selbst die Nachfolge seines Vaters an, vor gut vier Wochen wechselte Nordkoreas Nachbar und zögerlicher Verbündeter China seine Führung aus. Am kommenden Sonntag wählt Japan ein neues Parlament, am Mittwoch darauf Südkorea einen neuen Präsidenten.

Der Westen war in den vergangenen Monaten mit gutem Grund auf den Nahen Osten, auf Syrien, Ägypten, Gaza und Iran konzentriert. Doch der Raketenstart von Sohae ist ein Anlass daran zu erinnern, dass in vier Ländern des Fernen Ostens gleichzeitig ein politischer Umbruch stattfindet, der mehr als eineinhalb Milliarden Menschen betrifft - und einen Wirtschaftsraum, dessen Bedeutung über die des Nahen Ostens weit hinausgeht.

Seit dem Ende des Vietnamkriegs ist Asien über seine politischen und ökonomischen Krisen (sowie über seine Natur- und Umweltkatastrophen) deutlich friedlicher hinweggekommen als der Nahe Osten. Es gibt keine Garantie dafür, dass das so bleibt: Ob demokratisch gewählt oder nicht - alle vier neuen Führungen am westlichen Pazifik müssen in den kommenden Monaten ihre Herrschaft legitimieren.

Das werden sie im Zweifel eher durch eine harte als eine weiche Außenpolitik versuchen, denn in drei der vier Ländern gibt es starke nationalistische Bewegungen - in Nordkorea ist die Führung selbst Träger des Nationalismus. Wie die Außenminister Russlands, Chinas und der USA hat Guido Westerwelle Nordkoreas Raketenstart deshalb kritisiert und vor einer Verschärfung der Spannungen im Fernen Osten gewarnt.

Wie groß die unmittelbare militärische Gefahr ist, die von Kims Rakete ausgeht, darüber mögen Südkoreas Experten spekulieren. Kein Zweifel besteht daran, dass der Westen an einem stabilen Fernen Osten ein mindestens so großes Interesse hat wie an einem stabilen Nahen Osten.

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1. Bravo
ein-berliner 12.12.2012
Zitat von sysopAPMit dem erfolgreichen Raketentest hat das Regime in Pjöngjang nicht nur die Experten Südkoreas blamiert. Nordkoreas Militärpotential mag zwar unklar bleiben, doch der Westen sollte sich darauf einstellen: In Fernost hat ein gewaltiger Umbruch begonnen. http://www.spiegel.de/politik/ausland/nordkoreas-raketentest-politischer-umbruch-in-fernost-a-872465.html
Die Rakete ist weg, beim Militär der himmlische Frieden ausgebrochen. Das Regime ist zufrieden. Jetzt können unsere Spendensammler wieder ausschwärmen, in Nordkorea wird ja schließlich weiter gehungert.
2. *kopfschüttel*
sabaro4711 12.12.2012
Zitat von sysopAPMit dem erfolgreichen Raketentest hat das Regime in Pjöngjang nicht nur die Experten Südkoreas blamiert. Nordkoreas Militärpotential mag zwar unklar bleiben, doch der Westen sollte sich darauf einstellen: In Fernost hat ein gewaltiger Umbruch begonnen. http://www.spiegel.de/politik/ausland/nordkoreas-raketentest-politischer-umbruch-in-fernost-a-872465.html
Und gleich rechts von diesem Artikel ein Bericht über den Shuttle-Start in den USA...natürlich ein rein friedensspendendes Vorhaben. Aber die bösen Nordkoreaner (deren Politik ich aber keineswegs gutheiße).
3. Gefahr aus Fernost?
Layer_8 12.12.2012
Zitat von sysopAPMit dem erfolgreichen Raketentest hat das Regime in Pjöngjang nicht nur die Experten Südkoreas blamiert. Nordkoreas Militärpotential mag zwar unklar bleiben, doch der Westen sollte sich darauf einstellen: In Fernost hat ein gewaltiger Umbruch begonnen. http://www.spiegel.de/politik/ausland/nordkoreas-raketentest-politischer-umbruch-in-fernost-a-872465.html
Ach was. Die glänzen doch alle nur durch Kopien westlicher Technologie. Haben die schon mal was sinnvolles zuerst erfunden? In der Neuzeit meine ich. Und das mit den Atomraketen: Sowas haben wir doch auch schon mal durchgestanden. 40 Jahre lang. Sinnvoll ist daher auch dies hier: US-Militär startet Mini-Shuttle X-37B zum dritten Mal - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/wissenschaft/technik/us-militaer-startet-mini-shuttle-x-37b-zum-dritten-mal-a-872385.html) . Immer eine Nasenlänge vorausbleiben. Dann passt's schon, trotz aller USA- und sonstige Basher. Keine Panik!
4. Das zeigt doch aber auch,
Karaja 12.12.2012
dass der Westen - allen voran die USA - auf dem vollkommen verkehrten Dampfer sind. Der sich anbahnende Multipolarismus wird die Welt verändern. Kluge und integrative, Politik (bei uns im Vorabendprogramm würde es "Inklusion" genannt werden) unter Gleichberechtigungsgesichtspunkten wird mittelfristig unumgänglich werden. Warum? Weil der Mensch im Mittelpunkt stehen sollte, nicht der Egoismus, gleich welche Gruppe ihn gegenüber anderen Gruppen auch immer durchzusetzen versucht. Aber Staaten, die Großteile ihrer eigenen Bevölkerung missachten, werden sich mit den Menschen und Bedürfnissen in anderen Ländern noch ungleich schwerer tun. Da nimmte es nicht Wunder, das Al-Kaida, Talibanesen und irgendwelche "Uns" weiterhin Zulauf haben und versuchen dagegen zu halten.
5. schön
ka60 12.12.2012
Immer wieder schön zu sehen, dass es noch Staaten auf der Welt gibt die nicht nach westlich-kaptalistsichen Regeln spielen und und sich nicht diktieren lassen.... gerade wenn es keine Länder wie Russland und China sind sondern auch die Kleineren sich nicht einschüchtern lassen ... klar ist dieser Raketenstart ein vorgetäuschter Versuch Interkontinentalraketen zu verbessern , vorallem die USA sollten sich vor dieser Großmacht in Acht nehmen denn sie könnten schon morgen das US-amerikansiche Festland erobern ;)
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Fläche: 122.762 km²

Bevölkerung: 24,346 Mio.

Hauptstadt: Pjöngjang

Staatsoberhaupt:
Kim Il Sung (obwohl bereits 1994 verstorben);
Protokollarisches Staatsoberhaupt: Kim Yong Nam;
"Oberster Führer": Kim Jong Un

Regierungschef: Pak Pong Ju

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