Von Bernhard Zand, Peking
Noch am Tag vor dem Abschuss hatten Agenturen berichtet, Pjöngjang werde den Start verschieben, die Rakete sei bereits wieder von der Rampe geholt und in eine Montagehalle zurückgebracht worden. Behauptet hatten das, nach einem Blick auf "aktuelle Satellitenbilder", Experten in Südkorea - genau jene Fachleute, auf deren Erkenntnisse und Einschätzungen sich seit Jahrzehnten alle stützen, die über Nordkorea spekulieren. Selten haben sie sich so blamiert, selten hatten die Think-Tanks - und die Medien - der Welt so guten Anlass, die Grundlagen ihrer Nordkorea-Debatten zu überdenken.
Um 9.51 Uhr Ortszeit hob die Unha-3-Rakete von der Sohae-Basis in einer verschneiten Bucht nahe der chinesischen Grenze ab. Sie schraubte sich aus einem Feuerball empor über das Gelbe Meer, wo sie ihr erstes Triebelement abwarf, und stieg zwischen Taiwan und Okinawa über die Philippinensee auf, wo die zweiten Stufe abgetrennt wurde. Irgendwo über dem Südpazifik soll die dritte Stufe den Satelliten dann in seine Erdumlaufbahn gebracht haben. Damit war der Start ein Erfolg - im Gegensatz seinen Vorläufern, die allesamt gescheitert sind.
Politischer Umbruch im Fernen Osten
Keine Spekulation ist, was sich zurzeit in jenem Erdteil ereignet, über dem Kims Rakete aufgestiegen ist: Vor einem Jahr trat er selbst die Nachfolge seines Vaters an, vor gut vier Wochen wechselte Nordkoreas Nachbar und zögerlicher Verbündeter China seine Führung aus. Am kommenden Sonntag wählt Japan ein neues Parlament, am Mittwoch darauf Südkorea einen neuen Präsidenten.
Der Westen war in den vergangenen Monaten mit gutem Grund auf den Nahen Osten, auf Syrien, Ägypten, Gaza und Iran konzentriert. Doch der Raketenstart von Sohae ist ein Anlass daran zu erinnern, dass in vier Ländern des Fernen Ostens gleichzeitig ein politischer Umbruch stattfindet, der mehr als eineinhalb Milliarden Menschen betrifft - und einen Wirtschaftsraum, dessen Bedeutung über die des Nahen Ostens weit hinausgeht.
Seit dem Ende des Vietnamkriegs ist Asien über seine politischen und ökonomischen Krisen (sowie über seine Natur- und Umweltkatastrophen) deutlich friedlicher hinweggekommen als der Nahe Osten. Es gibt keine Garantie dafür, dass das so bleibt: Ob demokratisch gewählt oder nicht - alle vier neuen Führungen am westlichen Pazifik müssen in den kommenden Monaten ihre Herrschaft legitimieren.
Das werden sie im Zweifel eher durch eine harte als eine weiche Außenpolitik versuchen, denn in drei der vier Ländern gibt es starke nationalistische Bewegungen - in Nordkorea ist die Führung selbst Träger des Nationalismus. Wie die Außenminister Russlands, Chinas und der USA hat Guido Westerwelle Nordkoreas Raketenstart deshalb kritisiert und vor einer Verschärfung der Spannungen im Fernen Osten gewarnt.
Wie groß die unmittelbare militärische Gefahr ist, die von Kims Rakete ausgeht, darüber mögen Südkoreas Experten spekulieren. Kein Zweifel besteht daran, dass der Westen an einem stabilen Fernen Osten ein mindestens so großes Interesse hat wie an einem stabilen Nahen Osten.
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