Oslo: Norwegens Konservative wollen mit Rechtspopulisten regieren

Konservativen-Chefin Solberg (Archivbild): "Zusammenarbeit der vier Parteien" Zur Großansicht
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Konservativen-Chefin Solberg (Archivbild): "Zusammenarbeit der vier Parteien"

Die Sondierungsgespräche mit den bürgerlichen Parteien sind geplatzt. Erstmals in Norwegens Geschichte stehen nun die Rechtspopulisten von der Fortschrittspartei vor der Regierungsbeteiligung. Die konservative Partei Høyre will mit ihnen über eine Minderheitsregierung verhandeln.

Oslo - In Norwegen tritt an die Stelle der langjährigen moderaten Regierung von Premier Jens Stoltenberg voraussichtlich eine Koalition des rechten Parteienflügels. Erna Solberg, Chefin der konservativen Partei Høyre, will mit der rechtspopulistischen Fortschrittspartei FRP ("Fremskrittspartiet") über die Bildung einer Minderheitsregierung verhandeln.

Mit den anderen beiden bürgerlichen Parteien - Christenpartei und der liberalen Partei Venstre - habe man sich auf eine enge Zusammenarbeit geeinigt, erklärte Solberg am Montag bei einer gemeinsamen Pressekonferenz der Parteien in Oslo. Am liebsten hätte Solberg mit allen drei anderen bürgerlichen Parteien regiert. Deren Positionen lagen jedoch zu weit auseinander.

Rigide Einwanderungspolitik

Erstmals in der Geschichte des Landes könnten damit nun die Rechtspopulisten an der Regierung beteiligt werden. "Das ist sowohl für die norwegische Politik als auch für die Fortschrittspartei historisch", sagte die Chefin der Rechtspopulisten, Siv Jensen. In einem gemeinsamen Papier stimmt das Bündnis aus Konservativen und FRP unter anderem einer strengeren Abschiebepolitik zu, die die Fortschrittspartei gefordert hatte.

Ölbohrungen in den Lofoten soll es nach der Vereinbarung der Parteien nicht geben. "Es ist kein Geheimnis, dass uns dieser Punkt schmerzt", sagte Jensen. Außerdem sollen die Väterzeit verkürzt und mehr Polizisten eingestellt werden. Die Ölmilliarden aus dem norwegischen Pensionsfonds wollen die Parteien entgegen dem Willen der Fortschrittspartei nicht antasten.

Die Partei hatte nach den Breivik-Anschlägen Verluste verbucht. Anders Behring Breivik hatte vor zwei Jahren in Oslo und Utøya 77 Menschen getötet. Der Massenmörder hatte bis 2006 der rechtspopulistischen Fortschrittspartei angehört. Die Rechtspopulisten hatten den Bürgern im Wahlkampf höhere Zahlungen aus dem durch Öleinnahmen finanzierten Pensionsfonds versprochen.

Eine Minderheitsregierung bedeutet nicht unbedingt gleichzeitig auch eine instabile Koalition. Norwegen kann ähnlich wie die Nachbarländer Schweden und Dänemark auf eine lange Tradition gut funktionierender Minderheitsregierungen des Landes zurückblicken.

Bei der Wahl Anfang September war die rot-rot-grüne Koalition von Ministerpräsident Jens Stoltenberg nach acht Jahren unterlegen. Der seit dem Jahr 2005 amtierenden linken Regierungskoalition wurde nach zwei Amtszeiten hintereinander Politikmüdigkeit nachgesagt. Dabei hatte sich Norwegen unter Stoltenbergs Führung wirtschaftlich weiter positiv entwickelt, das Land kam relativ unbeschadet durch die größte Finanzkrise der Nachkriegszeit. Stoltenbergs Arbeiterpartei, die Sozialistische Linkspartei und die Zentrumspartei werden in Oslo künftig auf der Oppositionsbank sitzen.

bos/dpa/Reuters/AP

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1. Verdammt,
mitverlaub heute, 06:42 Uhr
und schon wieder ein europäisches Land, in dem die "Rechtspopulisten" gestärkt aus einer Wahl hervorgehen. Ich schrieb ja gestern schon, es werden immer mehr. Die rechte Keule zieht einfach nicht mehr und die Linkspopulisten müssen sich allmählich eine andere Art der Diffamierung einfallen lassen.
2. Wo ist denn
mitverlaub heute, 09:32 Uhr
mein erster Kommentar, den ich schon vor ca. 3 Stunden geschrieben habe?
3. jetzt seit Ihr dran!
unbegreiflich heute, 09:34 Uhr
So jetzt könne die Dauernörgler und anti Ausländer mal zeigen wie es geht. Ich glaube aber das wird eine Lehrstunde (negativ) für die Norweger werden und bei der nächsten Wahl wird wieder die Vernunft gewählt.
4. Norwegen zeigt sein wahres Gesicht
spon-facebook-1554987673 heute, 10:21 Uhr
Es ist nicht nur so einfach, dass die Koalition aus Arbeiterpartei, Linkssozialisten und Zentrum die Wahlen zum Natioanlparlament trotz einer erforlgreichen Wirtschaftspolitik verloren haben. Die vorige Koalition, mit Jens Stoltenbergs Arbeiterpartei in der Führung, hat in längerer Zeit versucht, den Bestrebungen der Rechtsparteien nach einer rigiden Sozial- und Einwanderungspolitik zu begegnen, indem sie deren politischen Forderungen nachkam um einer kommenden Wahlniederlage zu entgehen. Starke Kräfte in der der Öffentlichkeit, Medien, Wirtschaftverbände und Privatpersonen hatten die Regierungskoalition über Jahre hinaus mit zum Teil lügnerischen und diffamierenden Hetzkampanjen überzogen, angeschürt von Politikern der rechtsextremen Fortschrittspartei. Diesen Kräften nachzugeben, um ein politisches Gelingen vermeintlicher Populisten zu verhindern, hat sich als erfolgslos erwiesen. Es ist erforderlich die weitere Entwicklung der norwegischen Demokratie mit Argusaugen zu verfolgen, um eventuell ein Abrutschen ins Rechtsaus der ganzen Nation zu verhindern. Europa ist unter dem Beschuss von schädlichen Kräften, die den Abbau der demokratischen und sozialen Rechte der Mehrheit der Bevölkerung betreiben, mit Mitteln die man glaubte der Vergangenheit anzugehören, wie den zügellosen Fremdenhass. Diese Kräfte nehmen dabei das gesellschaftliche Chaos willig mit in Kauf nehmen.
5. Ich bin verwirrt
Schwabe74 heute, 11:34 Uhr
Ich dachte immer die Skandinavier seien alle so wunderbar links, tolerant und weltoffen. Im Gegensatz zu Deutschland, wo sich hinter jedem Baum ein Nazi versteckt. Und jetzt regieren in Norwegen "Rechtspopulisten"? Kann mich mal jemand aufklären von denen, die uns die skandinavischen Länder immer als das große sozialdemokratische Vorbild für Alles und Jedes anpreisen?
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Fläche: 323.787 km²

Bevölkerung: 4,920 Mio.

Hauptstadt: Oslo

Staatsoberhaupt:
König Harald V.

Regierungschef:
Jens Stoltenberg

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