Vergiftetes Paar in Großbritannien Ein lebensgefährlicher Zufall?

Wieder Nowitschok, wieder das britische Salisbury: Ein Paar wird in Südengland vergiftet. Der Fall ist mysteriös. Gibt es eine Verbindung zum ebenfalls vergifteten Ex-Agenten Skripal?

Polizist in Salisbury
AP

Polizist in Salisbury

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Um 10.15 Uhr geht der erste Anruf in der Notrufzentrale ein. Die 44-jährige Dawn Sturgess ist nicht mehr ansprechbar, Schaum läuft ihr aus dem Mund, sie kollabiert. Ein Rettungswagen bringt sie ins Krankenhaus. Fünf Stunden später der zweite Anruf - auch ihrem Freund Charlie Rowley geht es nicht gut. Er schwitzt, reißt die Augen weit auf, bricht zusammen. So berichten es später Freunde. Auch er muss in die Klinik.

Zwei Fälle aus der Nähe des südenglischen Salisbury vom vergangenen Samstag. Sie wären wohl medial ohne Bedeutung geblieben. Doch am Mittwoch kommen die britischen Behörden zu einem überraschenden Befund: Dawn Sturgess und Charlie Rowley wurden mit Nowitschok vergiftet.

Es handelt sich um jene Substanz, mit der im März ein Anschlag auf den ehemaligen russischen Doppelagenten Sergej Skripal und dessen Tochter Julija verübt worden ist - ebenfalls in Salisbury. Großbritannien gab damals Russland die Schuld - der Fall belastete die Beziehungen beider Länder schwer.

Die Skripals kämpften wochenlang in dem Krankenhaus um ihr Leben, in dem nun auch das vergiftete Paar liegt. Was die Menschen in der Grafschaft Wiltshire verunsichert: Das Haus des früheren Doppelagenten liegt nur wenige Kilometer vom Wohnort der jüngsten Opfer entfernt.

Was steckt hinter dem Fall? Besteht weiterhin eine Gefahr? Und drohen neue Spannungen zwischen London und Moskau? Der Überblick.

Die Opfer

Nach britischen Medienberichten sind die Opfer erst seit wenigen Monaten ein Paar. Sturgess lebte gemeinsam mit dem 45-jährigen Rowley in dem Ort Amesbury, ein paar Kilometer von Salisbury entfernt, wo Ex-Spion Skripal wohnte.

Die britischen Sicherheitsbehörden gehen allerdings davon aus, dass das Pärchen im Gegensatz zu Skripal nicht gezielt mit Nowitschok angegriffen wurde (lesen Sie hier mehr zu dem Gift) - sondern zufällig mit der Substanz in Berührung kam. Dafür spricht: Das Paar hat keinerlei Beziehungen zu Sicherheitsbehörden oder Geheimdiensten. Die beiden sind laut "Guardian" arbeitslos.

Wohnhaus des Paares in Amesbury
AFP

Wohnhaus des Paares in Amesbury

Es bleibt die Frage, wo sie Kontakt mit dem Gift hatten. Ein Freund sagte dem "Guardian", er habe sich mit dem Paar am Tag zuvor in einem Park in Salisbury aufgehalten. Sie hätten dort etwas in der Sonne getrunken. Danach besuchten sie verschiedene Shops, um unter anderem Farbe zu kaufen, mit dem sie ihre Haare in den Landesfarben für das England-Spiel bei der Weltmeisterschaft färben wollten. Die Symptome traten aber erst am Tag danach auf.

Anderen Berichten zufolge besuchte das Paar am Samstag eine Veranstaltung in einer Kirche. Auf die genauen Ortsangaben gehen die britischen Sicherheitsbehörden bisher nicht ein. Die Polizei hat aber fünf Areale in Amesbury und Salisbury identifiziert, die genauer untersucht werden sollen.

Die Kontamination

Der neue Nowitschok-Fall sorgt in der Bevölkerung für Verunsicherung. Schließlich sind die beiden Orte Amesbury und Salisbury nur 13 Kilometer voneinander entfernt - und es ist unklar, wo Dawn Sturgess und ihr Freund Charlie Rowley sich vergiftet haben könnten.

Im März sperrte die Polizei nach dem Skripal-Fall Teile der Innenstadt von Salisbury ab. Zuvor war der russische Ex-Agent mit seiner Tochter Julija bewusstlos auf einer Parkbank in der Stadt gefunden worden. Insgesamt neun Bereiche wurden für Millionenbeträge aufwendig dekontaminiert. Von einer größeren Gefahr für die Bevölkerung war danach nicht mehr die Rede. Auch heute spricht die Gesundheitsbehörde nur von einem geringen Risiko für die Öffentlichkeit.

Doch bei vielen vor Ort bleibt ein mulmiges Gefühl: Die höchste Nowitschok-Konzentration stellten die Sicherheitsbehörden im Fall Skripal an dessen Türklinke fest. Bis heute ist unklar, wie diese kontaminiert wurde. Ein Gegenstand oder ein Behältnis wurden nie gefunden. Das Transportmittel könnte sich also noch irgendwo im Umkreis befinden.

Die politische Reaktionen

Das Misstrauen in Großbritannien gegenüber Moskau ist seit dem Skripal-Fall enorm. Ob es nun zu erneuten Spannungen kommt, ist nicht abzusehen. Bislang gibt es aber in diesem Fall keine Spuren, die nach Russland führen.

Premierministerin Theresa May sagte am Donnerstag vor einem Treffen mit Kanzlerin Angela Merkel in Berlin, die Angelegenheit in Salisbury sei "zutiefst verstörend". Die Polizei werde nun alles genau untersuchen.

Kremlsprecher Dmitri Peskow beklagte, dass Großbritannien von Anfang an kein Interesse an gemeinsamen Ermittlungen im Fall Skripal gehabt habe. Den neuen Fall in Amesbury, zu dem Russland keine Erkenntnisse habe, nannte er "sehr beunruhigend".

Video: Wladimir Ugljow und das Nervengift Nowitschok

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Mit Material von dpa und AFP



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