Großbritannien Verteidigungsminister gibt Russland Schuld an Nowitschok-Tod

Die Dosis des Kampfstoffes war sehr hoch: Im Fall des mit Nowitschok vergifteten Paares ermittelt die britische Polizei wegen Mordes. Verteidigungsminister Gavin Williamson sieht die Verantwortung in Russland.

Gavin Williamson
AFP

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Vier Monate nach dem Angriff auf den Agenten Sergej Skripal kamen nahe Salisbury erneut Menschen in Kontakt mit Nowitschok. Eine Britin starb, in dem Land herrscht große Verunsicherung. Für Verteidigungsminister Gavin Williamson steht die Verantwortung für den Tod der Frau bereits fest.

"Die einfache Realität ist, dass Russland einen Anschlag auf britischem Boden verübt hat, der zum Tod einer britischen Bürgerin geführt hat", sagte der konservative Politiker vor dem Londoner Unterhaus. "Ich glaube, dass die Welt darin mit uns übereinstimmt und es verurteilt."

Die Regierung in Moskau teilte mit, es sei absurd, Russland mit dem Vorfall in Verbindung zu bringen. Kremlsprecher Dmitrij Peskow ergänzte: "Natürlich bedauern wir den Tod der britischen Bürgerin sehr."

Kontaminierter Gegenstand noch nicht gefunden

Die 44-jährige Frau war am Sonntag nach dem Kontakt mit dem Kampfstoff ums Leben gekommen. Ebenso wie ihr 45-jähriger Partner war sie vor rund einer Woche im britischen Amesbury dem Nervengift ausgesetzt. Der Mann befindet sich weiterhin im Krankenhaus., sein Zustand ist kritisch.

Die Frau habe einen Gegenstand angefasst, der mit Nowitschok vergiftet war, teilte die Polizei mit. Die beiden Opfer befanden sich nur wenige Kilometer entfernt von dem Ort, wo im März der frühere russische Spion Skripal und seine Tochter Julija in Salisbury mit derselben Chemikalie vergiftet worden waren. Es ist unklar, ob Verteidigungsminister Williamson mit seinem Statement auch auf diesen Anschlag Bezug nahm - oder von einem weiteren sprach.

Der Tod der Frau sorgt in Großbritannien unterdessen für große Verunsicherung. Die Polizei warnte: Sie könne nicht garantieren, dass niemand mehr mit dem Nervengift in Berührung komme, sagte der leitende Ermittler, Neil Basu. Er rief zur Vorsicht auf. Premierministerin Theresa May äußerte sich "entsetzt und schockiert" über den Tod der dreifachen Mutter.

Polizistin am Tatort
DPA

Polizistin am Tatort

Die britische Polizei ermittelt wegen Mordes. Der Krisenstab der Regierung, das Cobra-Komitee, soll in London zusammentreten, um die Untersuchung zu koordinieren. Etwa hundert Antiterrorspezialisten sind mit den Ermittlungen befasst, die nach Polizeiangaben "Wochen und Monate" dauern können.

Im Abfalleimer vergiftet?

Der Fall stellt die Ermittler vor Rätsel: Unklar ist, wie das Paar mit dem höchst seltenen Nervengift in Berührung kam. Der örtliche Parlamentsabgeordnete John Glen sagte dem Sender BBC, das verarmte Paar habe "regelmäßig Abfallbehälter durchsucht"; möglicherweise sei es dabei mit dem Gift in Kontakt gekommen. Die Skripals waren zudem nur unweit vom Wohnort der gestorbenen Frau vergiftet worden.

Das Paar lebte in einer Obdachlosenunterkunft. Dort ist die Betroffenheit groß. "Das hätte mir oder meiner Partnerin genauso passieren können", sagte ein 27-jähriger Bewohner. Tatsächlich kann laut Polizei nicht ausgeschlossen werden, dass weitere Menschen mit dem Gift in Kontakt kommen könnten - solange der kontaminierte Gegenstand nicht gefunden ist. Ermittler Basu, Leiter der britischen Terrorabwehr, riet dazu, "keine absonderlichen Gegenstände wie Nadeln, Spritzen oder unübliche Behältnisse" aufzuheben.

Das Risiko für die Bevölkerung ist den Gesundheitsbehörden zufolge dennoch gering. Seit dem Vorfall hätten sich 21 besorgte Menschen bei den Behörden gemeldet und seien untersucht worden. Bei niemandem sei eine Kontaminierung mit dem Kampfstoff festgestellt worden. Nowitschok war in den Siebziger- und Achtzigerjahren in der Sowjetunion entwickelt worden.

apr/Reuters/AFP/dpa



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