Jahrestreffen der Waffenlobby NRA Aufmarsch der Gestrigen

Beim Jahrestreffen der US-Waffenlobby in Houston feiern Prominente wie Sarah Palin und Rick Santorum die gescheiterte Verschärfung des Waffenrechts mit befremdlichen Auftritten. Dabei haben die Hardliner ihre Mehrheitsfähigkeit längst verloren.

Von , Washington


Sie halten es für einen richtig großen Sieg. Einen Sieg über den Präsidenten und die Linken und die Medien und über diese ganze Moderne. Das soll gefeiert werden. Zehntausende Waffenfreunde sind ins texanische Houston gekommen, zur Jahrestagung der Waffenlobbyisten von der National Rifle Association (NRA). So viele waren wohl noch nie da.

Vor zwei Wochen war ihr großer Augenblick. Da stimmte der US-Senat mit einer Sperrminorität gegen die Verschärfung des Waffenrechts; mit 46 von 100 Stimmen. Gegen ein Gesetz, das ein Republikaner und ein Demokrat nach dem Schulattentat von Newtown gemeinsam erarbeitet hatten und das allein darauf abzielte, die Überprüfung von Waffenkäufern zu verbessern ("Background-Check"). Mehr nicht.

Barack Obama nannte diesen 18. April den "schändlichen Tag von Washington"; bei der NRA in Houston dagegen ist jetzt erst mal Party angesagt - inklusive Republikaner-Prominenz.

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NRA-Jahrestreffen: Stelldichein der Waffennarren
Zur kollektiven Freude erklärt der künftige NRA-Boss James Porter die Waffenfreunde gleich vorab zu "Freiheitskämpfern" in einem "Kulturkrieg". Später dann, im Kongresszentrum von Houston, wird Rick Perry, der Gouverneur von Texas und gescheiterte republikanische Präsidentschaftsbewerber, in einem Einspielfilm beim Ballern mit einem halbautomatischen Sturmgewehr gezeigt; bis er schließlich ganz und gar rockig und leibhaftig auf die Bühne tritt: "Yeah!", ruft er.

Sarah Palin, die Tea-Party-Ikone, huldigt dem "Kampf um die Zukunft der Freiheit" - sie meint den Besitz von Waffen -, und Ted Cruz, der "fiese Newcomer" ("New York Times") aus dem US-Senat ruft: "Das ist euer Sieg, das ist der Sieg des amerikanischen Volkes." Kurzerhand bezeichnet er das Publikum als "Armee".

"Rick, was können wir tun?"

Dass Umfragen zufolge 90 Prozent dieses amerikanischen Volks die von der NRA einst selbst gewünschten und nun boykottierten Background-Checks favorisieren, spielt an diesem Freitag in Texas keine Rolle. Rick Santorum, der republikanische Jesus-Kandidat aus dem letzten Wahlkampf, weiß da Bescheid. "Ich höre das ja die ganze Zeit", sagt er, dauernd würden ihn die Leute fragen: "Rick, das Land ändert sich, was können wir bloß tun?"

Ja, was?

Man solle sich ein Beispiel an den NRA-Mitgliedern nehmen, meint Santorum, die hätten "gestanden" in den vergangenen Wochen: "Ihr habt für die Wahrheit gestanden", beschwört er sie. Zugegeben, aus dieser recht metaphysischen Betrachtungsweise spielen Kategorien von Mehrheit und Minderheit kaum mehr eine Rolle.

Santorums Rede ist zudem das Paradebeispiel für all das, was schief läuft bei dieser Debatte. Wer die Waffe stets zum Symbol der Freiheit überhöht, der kann sich kaum auf einen Kompromiss einlassen. Tatsächlich dauert es nur ein paar Sekunden, da hat Santorum den Bogen vom in der Verfassung verankerten Recht der Amerikaner auf die Waffe zur Französischen Revolution geschlagen. Kein Witz.

Freiheit und Gleichheit, sagt Santorum, zeichneten sowohl die amerikanische als auch die französische Revolution aus. Aber während sich die Franzosen auf die Brüderlichkeit berufen hätten ("fraternity"), würden die Amerikaner auf Gott setzen ("paternity"). Und wegen der Franzosen kann Santorum 224 Jahre später noch ziemlich übellaunig werden: "Das war eine Zurückweisung Gottes! Das war eine säkulare Revolution!"

Und an diesem Europa solle man sich ein Beispiel nehmen? Etwa beim schärferen Waffenrecht? Um die freie Meinungsäußerung, insinuiert Santorum, stehe es in Europa ja auch nicht zum Besten. Überhaupt: "Deren Kirchen sind leer, sie haben eine säkulare Kultur, eine sterbende Kultur." Und die Museen in Europa? Die würden staatlich betrieben.

Die Regierungen könnten Rechte geben und Rechte nehmen. Das sei auch das Ziel Obamas, ein verschärftes Waffenrecht also nur der Anfang. Die US-Regierung wolle "aushöhlen, was uns ausmacht". Aber gut, dass es da die NRA-Leute gibt: "Ihr seid Kämpfer", ruft Santorum, "ihr seid Freiheitsliebhaber." Und am Ende noch: "Gott segne die NRA!"

Vize Biden will Druck machen

Das ist mal ein Auftritt. Es ist die Feierstunde für eine schrumpfende Gruppe; ein Akt der Selbstvergewisserung für einen Teil des weißen, protestantischen Amerika, das seine Mehrheitsfähigkeit längst verloren hat - wie die vorige Präsidentschaftswahl bewies. Doch statt sich zu öffnen, zieht die Republikanische Partei immer engere Kreise; ganz ähnlich die NRA, die sich über die Jahre immer weiter eingeigelt hat. Santorum, Palin, Cruz, auch Perry - sie alle haben hier ihren Auftritt; sie alle gelten mehr oder weniger als mögliche Präsidentschaftskandidaten.

Mit der Houston-Taktik mag man zwar ein politisches System lahmlegen - siehe den Tag der Schande -, Regieren aber geht so kaum. Es heißt, Vize-Präsident Joe Biden plane eine Art Wahlkampftour durch einige jener Staaten, deren Senatoren gegen die Background-Checks stimmten. Biden will Druck machen, die Leute gegen ihre Vertreter in Washington mobilisieren, offenbar einen neuen Anlauf in Sachen Waffenrecht unternehmen. Fraglich, ob das in eher ländlichen Regionen funktioniert.

Aber zumindest im Ostküstenstaat New Hampshire scheint zuletzt die Senatorin Kelly Ayotte unter Druck zu geraten, ihre Beliebtheitswerte sind gesunken - seit jenem 18. April.

Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 339 Beiträge
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Seite 1
Bollwanger 04.05.2013
1. Wie schön,
dass Ihr vom Spiegel wisst, dass Waffenbesitz „gestrig“ ist und Ihr auf der Höhe der Zeit seid!
Gort 04.05.2013
2. Wie schön...
... endlich mal ein sachlicher, ausgewogener SPON-Artikel, der nicht schon in der Überschrift vor Ressentiment und Meinungsmache trieft.
der_namenslose 04.05.2013
3.
Journalismus? Fehlanzeige... Der Artikel strotzt vor Vorurteilen und bis zur Verfälschung gehender Ungenauigkeiten. Das ist des Spiegels unwürdig
freekmason 04.05.2013
4.
Zitat von Bollwangerdass Ihr vom Spiegel wisst, dass Waffenbesitz „gestrig“ ist und Ihr auf der Höhe der Zeit seid!
ja und gott sei dank haben die damals kein recht auf frauenbesitz in die verfassung geschrieben, sonst müsste spon das auch noch erklären. ;)
forumgehts? 04.05.2013
5. Könnte
Zitat von sysopDPABeim Jahrestreffen der US-Waffenlobby in Houston feiern Prominente wie Sarah Palin und Rick Santorum die gescheiterte Verschärfung des Waffenrechts mit befremdlichen Auftritten. Dabei haben die Hardliner ihre Mehrheitsfähigkeit längst verloren. NRA-Jahrestreffen: Waffennarren feiern sich - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/politik/ausland/nra-jahrestreffen-waffennarren-feiern-sich-a-898048.html)
man da nicht einen Kompromiss finden: Jeder Amerikaner darf jede gewünschte Waffe in jeder gewünschten Menge besitzen. Er darf damit aber nur Amerikaner umbringen
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