Waffenlobby-Kongress in Texas "Eine sozialistische Welle will uns auslöschen"

Die Welt der amerikanischen Waffenlobby ist ein in sich geschlossener Kosmos. Bei der großen Waffenschau der "National Rifle Association" in Texas wird deutlich, was die Mitglieder der NRA wirklich denken.

Aus Dallas berichtet


Es ist gar nicht so leicht, als Journalist über die National Rifle Association, die NRA, zu berichten. Die Waffenlobbyisten betonen stets, dass sie für die Freiheit und die Grundrechte der amerikanischen Verfassung eintreten. Die Freiheit ausländischer Reporter, ihren Jahreskongress in Dallas, Texas, zu besuchen und darüber offiziell zu berichten, zählen sie aber offenbar nicht dazu.

Journalisten aus dem Ausland wird schon vorab mitgeteilt, dass sie wegen "Ressourcen-Beschränkungen" nicht für den Kongress akkreditiert werden können. Wenn man über die Organisation also wirklich mehr herausfinden will, hilft nur eins, man muss in den sauren Apfel beißen und selbst NRA-Mitglied werden. Für 40 Dollar gibt es eine vorübergehende Mitgliedschaft, die den Eintritt ermöglicht. Das Mitgliedermagazin geben sie dazu und eine Tasche im Military-Look. Wahlweise wird auch ein Messer angeboten.

"Jedes Land hat eben eigene Traditionen"

Am Eingang des Kongresszentrums in Dallas geht alles ganz schnell. Das mit den angeblichen "Ressourcen-Beschränkungen" erscheint als ausgemachter Unsinn. Zumindest sind die Messehallen in Dallas riesig, es wäre genug Platz für Hunderte von Reportern und Journalisten.

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Kongress der NRA: Waffen, Werte, Widerstand

Es wird deutlich: Die Welt der NRA ist ein in sich geschlossener Kosmos. Man bleibt lieber unter sich, um die eigene Leidenschaft ausleben zu können. Zu viele Reporter, die kritische Fragen zur Waffenliebe der NRA stellen könnten, sind da eher unerwünscht. Zumindest sehen das wohl die Organisatoren aus der NRA-Zentrale so.

Insgesamt sind 80.000 Waffenfans und Aussteller in Dallas dabei. John Howard, 41, aus Ost-Texas ist mit seiner ganzen Familie angereist. Seine Tochter Lindsay, 13, steht neben ihm. Howard hat kein Problem damit, über die Waffen zu sprechen. Howard ist Waffenhändler, er besitzt selbst einige Gewehre und Pistolen, wie viele kann er gar nicht genau sagen. Dass es Massaker an Schulen gibt, so wie im Frühjahr in Parkland, Florida, findet er auch schrecklich. Aber das ist für ihn kein Grund, Waffen generell nun zu verbieten.

"Die Waffen gehören bei uns einfach immer schon zum Leben dazu", sagt er dem Reporter aus Deutschland. Man brauche sie zur Jagd und zur Selbstverteidigung. "Das könnt ihr in Deutschland vielleicht nicht so gut verstehen, aber jedes Land hat eben eigene Traditionen."

Sortiment für die Jugend

Mit den Ausstellungsstücken, die in den Messehallen angeboten werden, ließe sich problemlos eine ganze Armee ausstatten. Es gibt Maschinengewehre, die an Helikoptern befestigt werden, Scharfschützengewehre, wie sie die "Sniper" der US-Armee benutzen, halbautomatische Gewehre mit vielen Dutzend Schuss Munition, Pistolen mit Lasern zur besseren Zielerfassung und kugelsichere Westen. Es ist natürlich möglich, dass die Käufer solcher Waffen dies als Hobby sehen. Man könnte aber auch meinen, sie bereiten sich auf einen Krieg vor.

Im Video: US-Korrespondent Roland Nelles beim NRA-Kongress

Reuters

Vor allem Männer belagern die unterschiedlichen Stände, nehmen die Gewehre in die Hand, legen an, testen den Griff und das Gewicht. Der deutsche Hersteller "Heckler & Koch" ist auch da, er präsentiert seine neuesten halbautomatischen Gewehre, die in den USA sehr beliebt sind. Nebenan gibt es Zielfernrohre und Feldstecher der Firma "Zeiss" für die Jagd, das wirkt dann wieder recht harmlos.

Natürlich wird auch an die Jugend gedacht: Einige Hersteller bieten kleinere, leichte Gewehre, die eigens für den Nachwuchs hergestellt werden. "Youth Models", heißen sie hier. Und es gibt auch Gewehre für Kinder in allen möglichen Farben: Gelb, Lila, Rot. Sie kosten 189 Dollar, als Einsteigermodell sozusagen. Der Hersteller nennt sich "Savage", was auf Deutsch so viel heißt wie "grausam".

An einem Stand nebenan kommt gerade Donald Trump Junior vorbei, der Sohn von US-Präsident Donald Trump. Trump-Fans lassen sich mit ihm fotografieren. Trump Junior macht gerne mit. Die Trumps sind bei der NRA beliebt, und die Trumps lieben die NRA. Der US-Präsident hat den Waffenfans bei einer Rede in Texas zugesagt, ihr Recht auf den Besitz und das Tragen der Waffe gegen alle Widerstände zu verteidigen. Er erhielt tosenden Applaus. Die fünf Millionen NRA-Mitglieder sind für Trump eine wichtige Wählergruppe.

"Sie wollen Amerika töten"

Seamus Sixgun aus Ohio ist gerne auf der NRA-Messe. Der ältere, sehr freundliche Herr hat zwei Revolver im Halfter und posiert als Cowboy, Sixgun ist natürlich sein Künstlername. Gemeinsam mit ein paar Freunden, geht er jedes Wochenende auf den Schießplatz und spielt die Zeit des Wilden Westens nach. "Wir lieben unsere Waffen. Das macht Spaß und ist eine Kunst für sich", erklärt er. "Wir leben die Tradition."

Für viele NRA-Leute geht es bei der Mitgliedschaft in der Organisation um mehr als nur den Waffenbesitz. Für sie ist es ein Lebensgefühl. Sie sehen in der NRA ein Bollwerk für die Verteidigung des alten "American Way of Life", für traditionelle Werte wie Gottesfurcht, die Familie, Recht und Ordnung. Sie halten sich für die "Guten", die "Anständigen" in einer Welt voller Gefahren und Bösewichter. Das Recht auf die eigene Waffe bedeutet da auch, das eigene Leben notfalls mit einer AR-15 verteidigen zu können.

Es scheint in diesem Denken nur Schwarz und Weiß zu geben: Demokraten und Kritiker der Waffenfreunde werden als Gegner, wenn nicht sogar Feinde, gesehen.

"Sie wollen nicht nur die NRA töten. Sie wollen Amerika töten", sagt Grant Stinchfield in einer Rede bei dem Jahrestreffen. Stinchfield ist einer der wichtigsten Sprecher der NRA und macht beim eigenen Sender der Waffenlobby Stimmung gegen die Befürworter schärferer Waffengesetze. NRA-TV hat einen der größten Stände auf der Messe und sendet von hier praktisch rund um die Uhr, auch die Videos von Stinchfield sind hier zu sehen.

"Die NRA macht heimischen Terrorismus möglich"

Stinchfields Sicht auf die grausamen Massaker in Las Vegas oder Parkland ist relativ klar. Seiner Meinung nach, sind dafür nicht die laschen Waffengesetze verantwortlich, auch nicht die NRA, sondern allein verrückte Einzeltäter und ein Staat, der unfähig ist, seine Bürger vor diesen Leuten zu schützen. Deshalb dürften die NRA-Mitglieder niemals ihre Waffen abgeben, findet er.

Für Stinchfield geht es darum, dass die NRA-Mitglieder allzeit bereit sein müssen, um sich wehren zu können - das schließt den Kampf gegen eine mögliche staatliche Tyrannei ausdrücklich ein. Eine "sozialistische Welle" wolle die NRA auslöschen, sagt er. "Wir müssen uns verteidigen."

Am Ende des Tages strömen die Besucher der Messe in die umliegenden Bars und Hotels. Draußen vor der Tür steht eine kleine Gruppe von Anti-Waffen-Protestlern. Eigentlich waren einige größere Proteste gegen die NRA angekündigt worden. Doch viel ist davon an diesem Tag in Dallas nicht zu sehen.

Die wenigen Protestler wirken hier eher wie Außerirdische. Sie kommen von der Organisation "codepink.org." und setzen sich nach eigenen Angaben für "Frieden und soziale Gerechtigkeit" ein. Leslie Harris ist auch dabei, sie ist eine ältere Dame und hat schon gegen den Vietnamkrieg demonstriert. Nun steht sie hier in einem pinken Kostüm und mit ihren Protestschildern. Sie hat eine klare Botschaft: "Die NRA macht heimischen Terrorismus möglich", sagt sie.

Hat sie Hoffnung, dass ihr Protest gegen die NRA irgendetwas bewirkt, dass sie die Mitglieder des Vereins hier womöglich zum Umdenken bewegt? Bevor Leslie antworten kann, geht ein NRA-Mann an ihr vorbei und gibt seine Antwort.

"Freaks", sagt er nur leise. Er meint damit die Protestler.

insgesamt 153 Beiträge
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Seite 1
ambulans 06.05.2018
1. bemerkenswert:
"... waffen gehören bei uns einfach schon einfach 'zum leben'(?) dazu" - wer sowas allen ernstes von sich gibt (remember school massacres all over the US?), gehört in gewahrsam, wie auch immer das aussehen mag ...
hdemand 06.05.2018
2. Der Reporter hat zu recht festgestellt, daß die NRA beim Thema...
...Pressefreiheit - vorsichtig gesagt - zurückhaltend mit Reportern umgeht. Insbesondere mit Reportern aus Ländern, in denen Waffen gern für etwas Unheimliches, in sich Böses gehalten werden und somit in jedem Fall verbotspflichtig sind. Und da kann ich der NRA, deren Fan ich ansonsten NICHT bin, nur zustimmen. Ein Passus sei hier herausgegriffen, um die beschriebene Geisteshaltung auch bei Herrn Nelles zu unterstreichen. Ich zitiere: "Der Hersteller nennt sich "Savage", was auf Deutsch so viel heißt wie "grausam"." Zu faul für eine einminütige Recherche war Herr Nelles also in jedem Falle. Die Firma gab sich also einen "bösen" Namen, das steht einem Hersteller "böser" Gegenstände ja schließlich gut zu Gesicht. Ein Blick in die Firmenhomepage z.B. hätte aufgezeigt, daß die Firma 1894 von einem gewissen Arthur Savage gegründet worden ist. Aber der Ton macht ja schließlich die Musik, und so passen auch die Details wunderbar zum Narrativ. Und dann wundern sich Reporter, warum sie als unwillkommen betrachtet werden.
joachim.stiller 06.05.2018
3. Sozialistische Welle will uns (die Waffenlobby) auslöschen
Nicht gnaz, eher will die "Koalition der Vernünfitgen" in Amerika den fast schon täglichen Amokläufen ein Ende bereiten... Vielleicht denke man auch mal in der Politik darüber nach...
toll_er 06.05.2018
4.
Zitat von ambulans"... waffen gehören bei uns einfach schon einfach 'zum leben'(?) dazu" - wer sowas allen ernstes von sich gibt (remember school massacres all over the US?), gehört in gewahrsam, wie auch immer das aussehen mag ...
Ja, das ist mehr als traurig ... aber anscheinend kennen Sie die Realität in den USA nicht. Waffen gehören da (und ich wage zu sagen: für die Mehrheit!) tatsächlich zum täglichen Leben. Und die Waffenindustrie auch. Und die National Rifle Association auch. Da von "Gewahrsam" zu faseln zeigt, dass die law and order Mentalität auch bei Ihnen greift: Andersdenkende? Wegsperren...
hdemand 06.05.2018
5. Der Reporter hat zu recht festgestellt, daß die NRA beim Thema...
...Pressefreiheit - vorsichtig gesagt - zurückhaltend mit Reportern umgeht. Insbesondere mit Reportern aus Ländern, in denen Waffen gern für etwas Unheimliches, in sich Böses gehalten werden und somit in jedem Fall verbotspflichtig sind. Und da kann ich der NRA, deren Fan ich ansonsten NICHT bin, nur zustimmen. Ein Passus sei hier herausgegriffen, um die beschriebene Geisteshaltung auch bei Herrn Nelles zu unterstreichen. Ich zitiere: "Der Hersteller nennt sich "Savage", was auf Deutsch so viel heißt wie "grausam"." Zu faul für eine einminütige Recherche war Herr Nelles also in jedem Falle. Die Firma gab sich also einen "bösen" Namen, das steht einem Hersteller "böser" Gegenstände ja schließlich gut zu Gesicht. Ein Blick in die Firmenhomepage z.B. hätte aufgezeigt, daß die Firma 1894 von einem gewissen Arthur Savage gegründet worden ist. Aber der Ton macht ja schließlich die Musik, und so passen auch die Details wunderbar zum Narrativ. Und dann wundern sich Reporter, warum sie als unwillkommen betrachtet werden.
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