"Guardian"-Chef Rusbridger: "Die Regierung wollte die Polizei zu uns schicken"

"Guardian"-Verlagshaus: "Es wäre naiv zu glauben, wir würden das unseren Lesern vorenthalten." Zur Großansicht
Getty Images

"Guardian"-Verlagshaus: "Es wäre naiv zu glauben, wir würden das unseren Lesern vorenthalten."

"Vermutlich haben am Ende die Hardliner gewonnen." Seit den Enthüllungen durch den Whistleblower Snowden steht der "Guardian" im Visier der Regierung und der Geheimdienste in Großbritannien. Chefredakteur Rusbridger schildert im Interview, wie es zur Zerstörung von Festplatten im Verlagsgebäude kam.

SPIEGEL ONLINE: Was war Ihre erste Reaktion, als die Regierung Sie bat, Festplatten mit Informationen zu zerstören?

Rusbridger: Es gab Vorgespräche mit Mitarbeitern der Regierung, die zunächst sehr freundlich verliefen. Dann aber änderten sich der Tonfall und die Haltung, ich weiß nicht warum, aber es hieß, man werde juristische Schritte einleiten. Da ich so etwas kommen sah, hatten wir längst Vorbereitungen getroffen und einen Teil der Recherche von London in die USA verlegt. Ich habe versucht, meine Gesprächspartner zu überzeugen, dass das, was sie verlangten, völlig sinnlos sei. Deshalb stimmte ich zu, das Material in London zu zerstören.

SPIEGEL ONLINE: Sowohl der Geheimdienst als auch die Regierung mussten davon ausgehen, dass diese Aktion öffentlich wird.

Rusbridger: Ja, es wäre naiv zu glauben, wir würden das unseren Lesern vorenthalten.

SPIEGEL ONLINE: Warum haben Sie den Vorfall jetzt erst beschrieben?

Rusbridger: Es gab erstens redaktionsinterne Gründe, über die ich nicht sprechen kann. Zweitens waren wir in der leicht bizarren Situation, dass das Gespräch mit der Regierung harmlos angefangen hatte. Es begann als eine Art Diskussion, ohne Drohungen, und wir hatten zunächst zugestimmt, das alles für uns zu behalten. Ich dachte, es wäre hilfreich für beide Seiten, einen Kommunikationskanal offen zu haben, so dass niemand auf die Idee kam, die Polizei zu uns zu schicken oder juristische Schritte einzuleiten. Wir hielten uns also an die Vereinbarung, das Thema off the record zu behandeln. Und weil wir nicht am selben Tag darüber berichtet haben, wäre es seltsam gewesen, drei Tage oder später eine Story daraus zu machen.

SPIEGEL ONLINE: Was glauben Sie waren die Motive des Geheimdienstes, den Kontakt zu suchen?

Rusbridger: Ich nehme an, dass es verschiedene Fraktionen in der Regierung gab. Manche befürworteten einen konfrontativen Ansatz und wollten die Polizei zu uns schicken. Andere wiederum sagten, das sei kontraproduktiv und hielten es für besser, ein Gespräch zu führen. Vermutlich haben am Ende die Hardliner gewonnen.

"Die Briten wirken in dieser Angelegenheit ein bisschen selbstgefällig"

SPIEGEL ONLINE: Es gab Diskussionen, die Polizei in die Redaktion zu schicken?

Rusbridger: Wie ich höre, ja. Das kam schon anderswo vor, zum Beispiel während des Telefon-Abhörskandals bei der "Sun" - natürlich aus völlig anderen Gründen.

SPIEGEL ONLINE: In Ihrem Fall bestand offenbar die Befürchtung, dass das Snowden-Material in der Redaktion Hackern in die Hände fällt.

Rusbridger: Man sagte mir, dass diese Furcht besteht, aber ob das stimmt, weiß ich nicht. Man muss sagen, dass sich meine Gesprächspartner nicht wirklich konsistent verhalten haben. Mal war die ganze Angelegenheit sehr, sehr wichtig, dann plötzlich wieder weniger dringend.

SPIEGEL ONLINE: Sind Sie zufrieden mit den Folgen der Berichterstattung?

Rusbridger: Ich denke, die Debatte lief viel besser in den Vereinigten Staaten und Teilen von Europa als bei uns in Großbritannien. Die Briten wirken in dieser Angelegenheit ein bisschen selbstgefällig.

SPIEGEL ONLINE: In England steht der "Guardian" recht allein da, was die Aufregung über die Macht der Geheimdienste betrifft.

Rusbridger: Das war auch beim Telefon-Abhörskandal so, den wir aufgedeckt haben. Außerdem muss man digital denken, um das Wesen der aktuellen Bedrohung zu verstehen. Der Engländer liebt sein Heim, es ist sein Schloss, die meisten Leser des "Daily Telegraph" und der "Daily Mail" sehen das so. Diese Menschen können sich niemals vorstellen, dass die Polizei ungefragt durch ihre Haustür kommt. Was sie nicht verstehen: Die Polizei könnte längst in ihren Häusern sein, sie braucht dazu die Tür gar nicht mehr.

SPIEGEL ONLINE: Nicht nur Journalisten, auch die Opposition befasst sich kaum mit der Spähaffäre.

Rusbridger: Es gab fast keine Debatte in Westminster, kaum ein Abgeordneter hat sich dazu geäußert. Die Liberalen sind dadurch gehemmt, dass sie mit den Konservativen in der Regierung sitzen, und die Labour Party hat keine sehr glorreiche Vergangenheit im Kampf um Zivilrechte. Allerdings mehren sich die kritischen Stimmen bei den Tories. Zwei Abgeordnete sind aktiv geworden, es werden Parallelen zu Damian Green gezogen, einem Tory-Abgeordneten, den die Polizei 2008 festgenommen hat. Vielleicht sind die Hinterbänkler der Tories schneller als Labour.

SPIEGEL ONLINE: Hilft es der Debatte, wenn Glenn Greenwald jetzt offenbar an Großbritannien Rache nehmen will?

Rusbridger: Ich glaube nicht, dass er so etwas gesagt hat oder plant. Glenn war bislang äußerst vorsichtig mit dem, was er geschrieben hat. Wir werden in den nächsten Wochen vor allem mehr erfahren, was die Beziehung zwischen Regierungen, Geheimdiensten und den großen Internet- und Technologiefirmen angeht.

Das Interview führte Christoph Scheuermann

Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen

Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 41 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Wenn alles versagt hilft nur mehr beissender Spott & Sarkasmus.
makozero 22.08.2013
Die Medien sollten zu dem greifen was die Mächtigen am meisten fürchten. Nicht mehr ernst genommen zu werden ist für Machtmenschen das schlimmste. Macht ist wertlos wenn sich die ohnmächtigen schlapp lachen.
2.
Klaus-Otto 22.08.2013
Das war doch schon in der Antike so: Der Überbringer schlechter Nachrichten wurde bestraft, nicht der Verursacher.
3. Regierungen führen ihr Eigenleben
isaban 22.08.2013
Und der Trend scheint zu sein, dass gerade wirklich alle relevanten Regierungen dieser Erde krampfhaft mit allen Mitteln versuchen die Bürger so gut es geht zu kontrollieren und zu manipulieren. Wenn irgendwann nun kein Normalsterblicher mehr in der Lage ist sich zu wehren, dann war es das mit der Gemütlichkeit.
4. Voltaire
genugistgenug 22.08.2013
Voltaire sagte es bereits PS wer gibt eigentlich jetzt den heimatlos gewordenen Bits und Bytes nun Asyl in einer neuen Festplatte oder wurden die über die Datenleitung gerettet oder sind sie an der Adresse NUL verschieden? :-)
5. Sehr überzeugender Auftritt
gamh 22.08.2013
Alan Rusbridger legt hier ein wohlüberlegtes, souveränes Verhalten an den Tag. Dieses vernunftbetonte Auftreten ist genau der richtige Stil, der Administration das unsägliche Agieren zu spiegeln und dem Volk das ganze Ausmass des Desasters zu verdeutlichen. Nach seinen Ausführungen werden wohl auch die Briten irgendwann nachdenklich. In diesem Zusammenhang bleibt auch sehr zu hoffen, dass Glenn Greenwold bei seinem Stil bleibt und sich nicht zu unbedachten Aktionen hinreissen lässt. Bei den von Rusbridger angekündigten anstehenden Themen bleibt in jedem Fall hohe Spannung im Spiel und die Hoffnung, dass die Herrschenden mit ihren Geheimdiensten, sowie auch involvierte Unternehmen, dazu gezwungen sein werden, die Masken fallen zu lassen und umzudenken.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Politik
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Ausland
RSS
alles zum Thema The Guardian
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 41 Kommentare
Zur Person
  • DPA
    Alan Rusbridger, Chefredakteur des linksliberalen "Guardian". Geboren wurde er 1953 im heutigen Sambia. Rusbridger begann seine journalistische Karriere bei den "Cambridge Evening News". 1979 wurde er Reporter beim "Guardian", wechselte dann als Fernsehkritiker zum "Observer", später als Korrespondent zu den "London Daily News". Er hat drei Kinderbücher geschrieben, war Co-Autor des BBC-Dramas "Fields of God". 2012 veröffentlichte er das Buch "Play It Again: Why Amateurs Should Attempt the Impossible". Rusbridger ist ein leidenschaftlicher Klavierspieler.


Fotostrecke
Enthüllungsjournalist Greenwald: "Sie werden bereuen, was sie getan haben"