Snowden auf Moskauer Flughafen: Fünf Auswege für den Whistleblower

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Journalisten auf dem Flughafen Scheremetjewo: Snowden trifft im Transitbereich Menschenrechtler Zur Großansicht
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Journalisten auf dem Flughafen Scheremetjewo: Snowden trifft im Transitbereich Menschenrechtler

NSA-Enthüller Edward Snowden zeigt sich erstmals seit Wochen in Moskau der Öffentlichkeit. Welche Auswege bleiben dem von Washington gejagten Informanten? Fünf mögliche Szenarien.

Edward Snowden ist auf der Flucht, sein Reisepass ungültig, die USA haben Haftbefehl gegen den NSA-Whistleblower erlassen. Seit Wochen soll der 30-Jährige im Transitbereich des Moskauer Flughafens Scheremetjewo festsitzen. Jetzt zeigt sich der IT-Spezialist dort öffentlich.

Snowden hat ab 15 Uhr MESZ (17 Uhr Ortszeit) zu einem Treffen mit Menschenrechtlern geladen. Der IT-Spezialist will dabei seine "weiteren Schritte in der Situation, in die ich geraten bin, besprechen", wie er in einer E-Mail schreibt. Zudem will er sich zu seiner internationalen Verfolgung durch die USA äußern sowie zur Kontrolle von Passagierflugzeugen, die unter anderem auf dem Weg nach Kuba seien.

Der britische "Guardian" veröffentlichte ein aktuelles Foto Snowdens von der Veranstaltung. Auf russischen Fernsehbildern ist seit 15 Uhr starker Andrang auf dem Flughafen zu sehen. Zahlreiche Journalisten versuchen, an dem Treffen teilzunehmen. Ob überhaupt Pressevertreter zugelassen werden, ist aber unklar. Russlands Justizminister Alexander Konowalow garantierte Snowden Rechtssicherheit und sagte, das Treffen verstoße nicht gegen internationale Konventionen.

In seiner E-Mail macht Snowden den USA schwere Vorwürfe. Er wirft den USA vor, gegen die Menschenrechte zu verstoßen, weil sie sein Asylgesuch verhindern wollten. "Das Ausmaß dieses drohenden Verhaltens ist ohne Beispiel", heißt es in dem Schreiben. Mehrere südamerikanische Länder haben dem Computerexperten bereits Asyl angeboten, in Venezuela hat er selbst einen Antrag gestellt.

Doch will er wirklich nach Südamerika? Wie geht es mit dem ehemaligen Geheimdienstmitarbeiter weiter? Was kann er tun, wohin und vor allem wie aus Moskau flüchten? Die möglichen Optionen im Überblick:

  • Szenario 1: Snowden will weg aus Moskau. Er nutzt das Treffen mit den Menschenrechtlern, um auf seine Situation aufmerksam zu machen. Er verkündet, wann und wie er aus Russland flüchten wird, nennt die Route des Linienflugs und die genaue Maschine. Denkbar wäre es, dass er Menschenrechtler um ihre Begleitung bittet, um so seinen Schutz auf der Flucht zu gewähren.

    Snowden hat zwei mögliche Verbindungen nach Südamerika: Entweder fliegt er von Moskau aus gen Osten oder Westen. Der Whistleblower könnte den europäischen Flugraum meiden wollen - mit Verweis auf den Flug des bolivianischen Staatschefs Evo Morales. Dessen Maschine war am 2. Juli zu einer Zwischenlandung in Wien gezwungen worden. An Bord des Flugzeugs war Snowden vermutet worden, mehrere Länder verwehrten der Maschine zunächst den Überflug. Russische Medien hatten deshalb bereits in dieser Woche darüber spekuliert, dass Snowden nach Wladiwostok gereist sei - von dort könnte er weiter nach China fliegen und dann weiter nach Südamerika gelangen. Ein Flug Snowdens in den Osten Russlands wurde aber später dementiert.

  • Szenario 2: Der NSA-Enthüller verlässt Russland, aber nicht in einer Linienmaschine, sondern in einer Spezialmaschine der russischen Behörden. Mögliche Route Snowdens, die dem CIA-Analysten Allen Thomson zufolge ohne diplomatische Verwerfungen bleiben dürfte: Moskau - Barentssee - Windward Islands - Caracas. Allerdings dürfte allein die Tatsache, dass die Russen Snowden die Flucht in einem ihrer Flugzeuge ermöglichen, den Ärger der USA erheblich schüren - und das ohnehin schlechte Verhältnis zwischen Moskau und Washington weiter verschlechtern.

  • Szenario 3: Russland stellt Snowden unter seinen Schutz, aber inoffiziell, um die US-Amerikaner nicht weiter zu verprellen. Moskau schickt den IT-Fachmann in ein verbündetes Land, das schlechte Beziehungen zu den USA unterhält. Als mögliches Ziel käme hierfür Weißrussland in Frage, aber ob Snowden wirklich unter dem Regime von Diktator Alexander Lukaschenko leben will, ist fraglich.

  • Szenario 4: Snowden verkündet, er bleibt in Russland. Er begründet dies mit dem Verhalten Washingtons, das ihm Diebstahl von Regierungseigentum und Spionage vorwirft. Die USA würden ihm alle Wege versperren, könnte die Argumentation des 30-Jährigen lauten. Das zeigten die Durchsuchungen von Flugzeugen in Moskau und die erzwungene Landung von Morales. Deshalb müsse er nun in Russland bleiben. Präsident Wladimir Putin könnte diese Begründung übernehmen, verkünden, man habe alles probiert, um den von den USA gehetzten Snowden ins Ausland zu bringen. Deshalb zeige sich Moskau nun hilfsbereit und gewähre dem, wie Putin Snowden selbst nennt, "Menschenrechtler" Snowden, Unterschlupf.

    Für diese These könnte sprechen, dass sich der ehemalige US-Geheimdienstmitarbeiter womöglich in Südamerika nicht sicher fühlen könnte, seine Angst vor Entführungen durch den US-Geheimdienst oder andere dort zu groß ist. Venezuelas Staatschef Nicolás Maduro ist zudem noch nicht so lange im Amt, er muss sich erst einmal als Präsident bewähren, die politische Lage könnte sich möglicherweise schnell wieder ändern. Dagegen sind die Verhältnisse unter Langzeit-Präsident Putin klar.

  • Szenario 5: Snowden bleibt in Russland, veröffentlicht über Medien weitere Informationen über Aktionen der US-Behörden und Geheimdienste. Er hat weitere Veröffentlichungen angekündigt. Seine Zukunftspläne lässt er aber erst einmal im Unklaren - und wartet ab. Dies kann er aber nur so lange tun, wie ihn die russischen Behörden unterstützen.

    Auch wenn Präsident Putin behauptet, der russische Geheimdienst habe keinen Kontakt zu dem US-Amerikaner, die meisten Beobachter halten dies für unwahrscheinlich. Denn wie sonst könne sich Snowden so auf dem Flughafen Scheremetjewo abschirmen, einem sehr gut mit Kameras überwachten Ort? Wieso habe ihn nicht schon längst ein Mitarbeiter dort fotografiert? Sich so abzuschirmen, sei nur durch professionelle Hilfe möglich. Im Magazin "Time" äußern sich nun ehemalige russische Geheimdienstmitarbeiter, sie sagen Snowden könnte sich in einem der Häuser des FSB außerhalb von Moskau aufhalten - und dort beschützt werden.

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1. Szenario 6
spon-facebook-10000139362 12.07.2013
Snowden lässt den Termin platzen, weil er mittlerweile schon in Venezuela ist. Das Ganze war eine Ablenkungsaktion von seinem gestrigen Flug nach Caracas.
2. Asylantrag
global player 12.07.2013
Zitat von sysopDPASeit knapp drei Wochen harrt er auf dem Moskauer Flughafen aus - jetzt will sich NSA-Enthüller Edward Snowden dort mit Menschenrechtlern treffen. Welche Auswege bleiben dem von Washington gejagten Informanten? Fünf mögliche Szenarien. http://www.spiegel.de/politik/ausland/nsa-enthueller-auf-moskauer-flughafen-fuenf-auswege-fuer-snowden-a-910780.html
Snowden hat neben Venezuela auch in Nicaragua einen offiziellen Asylantrag gestellt, sonst noch nirgends. Edward Snowden presenta una solicitud de asilo a Venezuela | elmundo.es (http://www.elmundo.es/america/2013/07/09/estados_unidos/1373327060.html)
3. Ausweg Nr. 6
RogerT 12.07.2013
Zitat von sysopDPASeit knapp drei Wochen harrt er auf dem Moskauer Flughafen aus - jetzt will sich NSA-Enthüller Edward Snowden dort mit Menschenrechtlern treffen. Welche Auswege bleiben dem von Washington gejagten Informanten? Fünf mögliche Szenarien. http://www.spiegel.de/politik/ausland/nsa-enthueller-auf-moskauer-flughafen-fuenf-auswege-fuer-snowden-a-910780.html
Ausweg Nr. 6 wurde vergessen: Snowden fliegt von Moskau direkt nach Kuba, von dort weiter in das südamerikanische Land seiner Wahl. Dazu muss er etwas tricksen: z.B. Medienvertreter zu einem Interview nach Moskau einladen, während er schon längst über Europa schwebt; der einzige Knackpunkt dieses Wegs. Ist er einmal hier drüber weg, geht es auf der Südroute direkt nach Kuba. Und die werden ihn garantiert nicht an die USA ausliefern...
4. 6. er geht zurück
mdhp 12.07.2013
Das halte ich für das Wahrscheinlichste, vorher wird er aber noch alles ausplaudern. Ich glaube er geht lieber ein lebenlang als Märtyrer in ein US-Gefängnis, als in Russland oder Weißrussland zu versauern.
5. Hoffentlich schaut er sich die Menschenrechtler
gallensten 12.07.2013
genauer an, besonders die von AI, sonst könnte es für ihn ein böses Erwachen geben. Toi, toi, toi.
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