Datenskandal: Brasilien entrüstet sich über NSA-Spionage

Brasiliens Präsidentin Dilma Rousseff: "Große Besorgnis" Zur Großansicht
REUTERS

Brasiliens Präsidentin Dilma Rousseff: "Große Besorgnis"

Auch in Brasilien soll die NSA Millionen von E-Mails und Telefonaten ausspioniert haben. Die Regierung fordert Aufklärung von Washington - zumal es jetzt Hinweise gibt, dass diplomatische Vertretungen ausgeforscht wurden. Nach dem Willen von Brasília soll nun die Uno tätig werden.

Rio de Janeiro - Die brasilianische Regierung hat mit "großer Besorgnis" auf Berichte reagiert, wonach der US-Geheimdienst NSA massenhaft Daten in dem südamerikanischen Land ausgespäht haben soll. Außenminister Antonio Patriota sagte, Brasília verlange nun Aufklärung: Eine entsprechende Anfrage sei über den Botschafter in Washington übermittelt worden.

Zudem will Brasilien jetzt die Uno mobilisieren. Dort soll eine Initiative gestartet werden, um die Privatsphäre von Internetnutzern besser zu schützen - so sollten Regeln erarbeitet werden, damit die Rechte von Bürgern und die Souveränität aller Staaten künftig gewahrt blieben.

Die US-Regierung reagierte verhalten. Der Sprecher der US-Botschaft in Brasília sagte, die Diplomaten würden keinen Kommentar zu den Spionagevorwürfen abgeben. Washington will sich nicht öffentlich äußern, sondern über diplomatische Kanäle mit der Regierung von Präsidentin Dilma Rousseff beraten.

Rousseff hatte am Sonntag ihre Berater zusammengerufen, nachdem die Zeitung "O Globo" von der Spionage berichtet hatte. Den Text finden Sie hier auf Englisch und hier auf Portugiesisch. Demnach spähte die NSA im großen Stil auch brasilianische Bürger aus. Millionen von E-Mails und Telefongesprächen seien angezapft worden, heißt es in einem Artikel, den der "Guardian"-Enthüller Glenn Greenwald gemeinsam mit Reportern von "O Globo" verfasste. Sie berufen sich auf Daten, die der NSA-Whistleblower Edward Snowden besitzt. Das Fazit: Brasilien sei das meistausspionierte Land Lateinamerikas.

Brasília als Basis für Satelliten-Spionage

Die NSA habe sich "über Jahre und systematisch" Zugang zum brasilianischen Telekommunikationsnetz verschafft. Brasilien ist damit ein weiteres eigentlich mit den USA befreundetes Land, das Opfer von Spionageangriffen der Amerikaner geworden sein soll. Zuvor hatte der SPIEGEL ähnliche Details über Deutschland enthüllt.

Nach Informationen des SPIEGEL überwachen die US-Amerikaner zudem offenbar gezielt EU-Vertretungen: In einem als "streng geheim" eingestuften Papier der NSA vom September 2010 wird beschrieben, wie die NSA die diplomatische Vertretung der EU in Washington attackiert.

Mit ähnlichen Informationen legte "O Globo" am Montag nach. Offenbar geht es dabei um das gleiche Dossier von 2010. Demnach gebe es Hinweise, dass auch die brasilianische Botschaft in Washington sowie die Vertretung des Landes bei den Vereinten Nationen in New York ausgeforscht wurden. Eine Bestätigung gebe es dafür nicht; unklar sei auch, ob die mögliche Spionage der diplomatischen Vertretungen andauere.

Detailliert beschreibt die Zeitung darüber hinaus, dass Brasília eine wichtige Basis für CIA und NSA gewesen sei: Vom dortigen Büro aus seien massenhaft Satellitendaten ausgewertet worden.

Regierung will Datensicherheit verbessern

Die Regierung von Rousseff zieht jetzt auch innenpolitisch Konsequenzen aus den Berichten. Um die Aufklärung voranzutreiben, erwägt Justizminister Eduardo Cardozo laut der Zeitung "O Estado de S. Paulo", dass die Bundespolizei sich in die Ermittlungen einschaltet, sollten die Informationen, die aus den USA kommen, nicht zufriedenstellend ausfallen.

Die nationale Kommunikationsagentur Anatel wird darüber hinaus Telekommunikationsfirmen in Brasilien befragen, ob sie Verträge mit US-Unternehmen hatten oder haben, über die Informationen ausgetauscht wurden. Dem Bericht des "Globo" zufolge könnte die NSA über brasilianische Firmen an Daten gekommen sein.

Besonders über diese mögliche Verstrickung zeigt sich Kommunikationsminister Paulo Bernardo "extrem besorgt": "Sollte das passiert sein, wäre das ein Verstoß gegen die Verfassung." Er glaubt allerdings eher, dass die Überwachung vor allem über Unterseekabel und Satelliten stattfand: "Für internationale Verbindungen gehen die meisten Kabel durch die Vereinigten Staaten."

Innerhalb Brasiliens soll die Datensicherheit nun verbessert werden. Unter anderem soll das Justizministerium ein Gesetz erarbeiten, mit dem persönliche Daten künftig besser geschützt werden.

Lateinamerikanische Staaten gewähren Snowden Asyl

Wie viele andere Länder hat Brasilien ein Asylgesuch von Snowden in den vergangenen Tagen erhalten. Das Außenministerium sagte, es plane nicht, darauf zu reagieren. Ein Sprecher vermied aber, von einer Ablehnung zu sprechen.

Andere lateinamerikanische Staaten haben Whistleblower Snowden bereits Asyl angeboten. Venezuelas Staatschef Nicolás Maduro und Nicaraguas Präsident Daniel Ortega stellten dem Enthüller am Freitag zeitgleich ihre Länder als Unterschlupf zur Verfügung. Auch Bolivien will ihm Zuflucht gewähren.

Kubas Präsident Raúl Castro sagte am Sonntag, er unterstütze die Länder, die Snowden Asyl gewährten - ließ aber offen, ob Havanna ihm ebenfalls Zuflucht oder eine sichere Reise garantiere.

kgp/dpa/AP

Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen

Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 30 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Freiwillige Zwangsisolation
abominog 08.07.2013
So haben wir das früher in der Schule genannt. Amerika isoliert sich systematisch vom Rest der Welt und hat ganz offensichtlich einiges zu verbergen. Betrachten wir doch bitte einfach mal diesen Satz "Wer nichts zu verbergen hat, der hat auch nichts zu befürchten." Im Umkehrschluss könnte man das auch so formulieren: "Wer einiges zu verbergen hat, der hat auch viel zu befürchten." So ihr lieben Amerikaner, was sagt uns das?
2. Gut, dass man jetzt ein neues Thema,
sfk15021958 08.07.2013
...resp. Dummen gefunden hat, von den eigenen Fehlern abzulenken...
3. Logisch, dass Brasilien Nr 1 Lateinamerikas
raber 08.07.2013
Zumindest der brasilianische Aussenminister protestiert offiziel bei den USA; kann mich nicht erinnern, dass Herr Westerwelle dies gemacht hätte. Bei diesem ganzen Spionagethema war es klar, dass Brasilien als Nr. 1 Kandidat vom NSA engesehen werden musste: grösstes Land mit den meisten Einwohnern, stärkster Wirtschaft Lateinamerikas und eine sehr stark wachsende Wirstchaft in den letzten Jahren mit 40 Millionen neuen Einwohnern in der Mittelschicht. Wahrscheinlich folgt Mexiko an NSA-Interesse oder vielleicht fast auf demselben Niveau weil es der grosse Nachbar im Süden ist und Unmengen an Drogen über diese Grenze gehen. Viel mehr als Entrüstung glaube ich aber nicht, dass wir erleben werden. Auf dunklen Kanälen werden die Sachen wieder vorläufig seitens der USA korrigiert. Nur eine einheitliche Position der grossen betroffenenen Lander könnte etwas bewirken aber dort gibt es die unterschiedlichsten Interessen und Politiken.
4.
Spiegeluniversum 08.07.2013
Zitat von sysopAuch in Brasilien soll die NSA Millionen von E-Mails und Telefonaten ausspioniert haben. Die Regierung fordert Aufklärung von Washington - zumal es jetzt Hinweise gibt, dass diplomatische Vertretungen ausgeforscht wurden. Nach dem Willen von Brasília soll nun die Uno tätig werden. NSA-Skandal: Brasilien reagiert verärgert auf Spionage - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/politik/ausland/nsa-skandal-brasilien-reagiert-veraergert-auf-spionage-a-910011.html)
Mal sehen, ob das nur leere Parolen sind, um die Wähler nicht davonzutreiben, oder ob sich die brasilianische Polit-Elite sich von der Sklavenmentalität gegenüber den USA befreit haben, in der europäische Politiker nach wie vor gefangen sind.
5. Da kann sich unsere Regierung eine dicke Scheibe abschneiden
gunnarqr 08.07.2013
...tut sie aber nicht. Bitte bei den Wahlen daran denken!
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Politik
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Ausland
RSS
alles zum Thema NSA-Programm Prism
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 30 Kommentare

Fläche: 8.514.877 km²

Bevölkerung: 196,526 Mio.

Hauptstadt: Brasília

Staats- und Regierungschefin: Dilma Rousseff

Mehr auf der Themenseite | Wikipedia | Lexikon | Brasilien-Reiseseite