Nuba-Berge im Sudan Elend, Rache, Tod

Eine Schule ohne Dach, eine Klinik ohne Toiletten, stinkende Märkte und der ewig-tödliche Konflikt zwischen Hirten und Bauern. In Lagawa, einem Ort im Sudan, herrscht die Hoffnungslosigkeit. Die Entwicklungshelfer sind nahezu machtlos in einer für sie unzugänglichen Welt.

Aus Lagawa berichtet Alexander Schwabe


Lagawa - Aus den Ständen der Metzger hinter dreck- und blutverschmierten Bretterverschlägen dringt der Gestank von Innereien und verdorbenem Fleisch. Auch die auf der Erde in der prallen Sonne liegenden Fische verpesten die Luft auf dem Markt von Lagawa.

Überall Abfall: ausgediente Schuhe, Kleidungsfetzen, Plastikflaschen und zerrissene Pappschachteln. Zwischen den Verkaufstischen und den auf dem Boden feilgebotenen Waren suchen Ziegen, Kühe und Esel nach Fressbarem: verrottendes Obst, dreckiges Papier, die letzten halbwegs grünen Blätter von Büschen und Stauden. Auf den Wegen Kot und Urin. Die Köpfe geschächteter Schafe und die Unterschenkel von Kühen und Kälbern liegen herum.

Hier liegt alles im Argen. Seit Jahrhunderten wird das Gebiet um Lagawa von Raubzügen und Kriegen heimgesucht. Der letzte endete nach einem Friedensabkommen 2004. Meist mussten die Menschen in den Nuba-Bergen ums nackte Überleben kämpfen. Wer dächte da an so etwas wie an ein Gemeinwesen? Wer wollte da zusätzliche Verantwortung für die Gesellschaft übernehmen? Der Sinn fürs Allgemeinwohl und für die öffentliche Ordnung ist völlig abhanden gekommen.

Lagawa ist ein abgelegenes Nest im westlichen Teil der Nuba-Berge, Zentralsudan, Provinz West-Kardofan. Zweifellos eines der dreckigsten auf dem schwarzen Kontinent. Es ist ein Ort, in dem sich jeweils drei Schülerinnen des lokalen Internats ein Bett teilen müssen. Ein Sturm hatte vor Monaten das Dach von einem der Schlafsäle gerissen, und es ist noch immer nicht repariert. Es ist ein Ort, in dem die Krankenstation zwar einen nagelneuen Notarztwagen hat, jedoch keine Toiletten.

Die Nuba-Berge im Sudan
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Die Nuba-Berge im Sudan

Lagawa liegt in einer Gegend, in der die Frauen beschnitten werden - und zwar auf die radikale Art. Infolgedessen ist es eine Gegend mit der höchsten Frauensterblichkeit der Welt, weil viele Gebärende verbluten. Es ist eine Gegend, in der Durchfallerkrankungen und Infektionen an der Tagesordnung sind, weil die Menschen den Zusammenhang zwischen der Benutzung sauberen Wassers und ihrem Gesundheitszustand nicht verstehen. Statt reines Grundwasser aus Brunnen zu schöpfen, trinken die Dorfbewohner lieber aus den spärlichen Wasserläufen, aus denen auch das Vieh säuft, und in die es kotet und uriniert. Das Wasser aus dem Bach sei "more tasty" als das aus dem Brunnen, sagen sie, es habe "mehr Geschmack".

Die Entwicklungshelfer der Deutschen Welthungerhilfe tun sich schwer. Sie bohren Brunnen und gründen in den Dörfern Wasserkomitees, doch die Brunnen werden nicht sauber gehalten. Die Nachhaltigkeit der Hilfsprojekte ist fraglich.

Die hier ansässigen ehemaligen Nomaden haben traditionell kaum ein Umweltbewusstsein: Wieso etwas sauber halten, zieht die Karawane doch schon morgen an einen anderen Ort? "Das ist tief in ihnen drin, auch wenn sie sesshaft geworden sind", sagt Johann van der Kamp, Leiter der Deutschen Welthungerhilfe im Sudan. Die Gleichgültigkeit gegenüber der unmittelbaren Umgebung und gegenüber ihrer Zukunft geht einher mit einem Islam-typischen Fatalismus: Inschallah - was passiert, ist Gottes Wille.

Die Amire sehen ihr Dorf mit dem Auge aus dem All

Zwei der Dorfältesten von Lagawa haben sich heute in Schale geworfen. Amir Achmed Kuka und Amir Ismail Bushara tragen Dschellabijas in blütenreinem Weiß, dazu einen Schal. Ihr weißer Turban sitzt sauber gewickelt auf dem Haupt, und in der Hand halten sie einen dünnen Stock, eine Art Zepter, das sie als Würdenträger auszeichnet.

Die beiden Amire - Amir bedeutet Anführer - sind zu Gast im Camp der Welthungerhilfe. Im Bestreben, den Leuten von Lagawa ein besseres Leben zu ermöglichen, soll es heute um die Verbesserung des "Konflikt-Managements" zwischen den Stämmen in der Gegend gehen. Dazu wird ein junger deutscher Kartograf den Notabeln ihre Heimat vorführen, wie sie sie noch nie gesehen haben.

Das Zaubermittel dafür heißt GIS, Geografisches Informationssystem. Der junge Kartograf präsentiert den Amiren Daten, Karten und Satellitenaufnahmen dieses einsamen Winkels der Welt, in den man aufgrund der miserablen Straßen nur schwer kommt. Hightech-Zeitalter trifft auf Mittelalter. Dank des Auges aus dem All macht der Geograf Weidegründe sichtbar, Flussläufe, Tränken und Wanderpfade der Herden - die entscheidenden Parameter des Konflikts zwischen Nomaden und Bauern.



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