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Nuklear-Arsenal: Obama bricht mit Bushs Atomstrategie

Das neue Nuklearkonzept der USA ist eine Abkehr von alten Feindbildern - und eine Warnung an Iran und Nordkorea. Für solche Staaten behalten sich die Amerikaner den atomaren Erstschlag weiter vor. Washington setzt auf "effektive Abschreckung".

Minister Clinton, Gates (Mitte) mit Admiral Mike Mullen: Neue Strategie offiziell vorgestellt Zur Großansicht
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Minister Clinton, Gates (Mitte) mit Admiral Mike Mullen: Neue Strategie offiziell vorgestellt

Washington - Barack Obama preist seine neue Nuklearstrategie: Die Pläne seien ein "bedeutender Schritt nach vorn" auf dem Weg zu einer atomwaffenfreien Welt, lässt der US-Präsident in einer schriftlichen Stellungnahme mitteilen. In der neuen Strategie begrenzen die USA den möglichen Ersteinsatz von Atomwaffen und erklären ihren Verzicht auf die Entwicklung neuer Sprengköpfe.

Die neue Strategie bedeutet einen Richtungswechsel in zweierlei Hinsicht. Nicht mehr das nukleare Wettrüsten zwischen den Supermächten steht im Vordergrund, sondern die Gefahr durch Terroristen oder Möchtegern-Atommächte. Die "größte Bedrohung für die USA und die globale Sicherheit" bestehe "nicht mehr in einem nuklearen Schlagabtausch zwischen Nationen, sondern in nuklearem Terrorismus durch gewalttätige Extremisten und der Weiterverbreitung von Atomwaffen an immer mehr Staaten", erläuterte Obama.

Zugleich will Obama eine wirksame atomare Abschreckung aufrechterhalten, "solange Nuklearwaffen existieren". Wer möglicherweise abzuschrecken ist, das präzisierte Verteidigungsminister Robert Gates. Washington bewege sich in Richtung eines Verzichts auf einen Ersteinsatz von Atomwaffen. Dies beziehe sich ausdrücklich nicht auf Länder wie Iran oder Nordkorea, sagte Gates. "Alle Optionen sind auf dem Tisch, wenn es um Länder in dieser Kategorie geht", sagte Gates.

Der Kernpunkt der neuen Strategie: Die USA verpflichten sich in Abkehr von ihrer bisherigen Doktrin erstmals dazu, keine Atomwaffen gegen Nicht-Atommächte einzusetzen, die sich an den Vertrag zur Nichtweiterverbreitung von Nuklearwaffen halten - auch dann, wenn sie die USA mit biologischen oder chemischen Waffen angreifen. Für einen solchen Fall wird ihnen im Strategie-Papier aber ein "vernichtender" konventioneller Gegenschlag angedroht.

US-Verteidigungsminister Robert Gates und Außenministerin Hillary Clinton stellten die neue Strategie am Dienstag offiziell vor. Gates sprach dabei von einer "bedeutenden" Änderung der bisherigen Strategie, Clinton von einem Meilenstein. Zu den schätzungsweise 200 taktischen Atomwaffen, die in Europa lagern, sagten beide Minister, über etwaige Änderungen werde im Rahmen der Nato entschieden.

Die neue Strategie ist ein klarer Bruch mit der Politik der Vorgängerregierung, die eine atomare Vergeltung für Angriffe mit bakteriologischen und chemischen Waffen vorgesehen hatte. So heißt es jetzt, die Vereinigten Staaten würden den Einsatz von Kernwaffen nur noch unter "extremen Umständen" erwägen und auf die Entwicklung neuer Sprengköpfe verzichten. Das soll einhergehen mit einer Stärkung der konventionellen Rüstung.

Kritik aus zwei Richtungen droht

Der neuen Politik des Präsidenten droht Kritik von zwei Seiten: Konservative dürften ihm Gefährdung der nationalen Sicherheit vorwerfen. Dem linken Flügel seiner Demokratischen Partei geht der Kurswechsel Obamas dagegen nicht weit genug.

Die Änderungen sind allerdings weniger radikal, als es sich viele Rüstungskontrollexperten erhofften und es Obama ursprünglich auch selbst ins Auge gefasst haben soll. Wie es hieß, nahm Obama mit diesem von Militärexperten als "Mittelweg" beschriebenen Ansatz Rücksicht auf militärische und konservative Kreise, die einer reduzierten Rolle des Atomwaffenarsenals skeptisch gegenüberstehen.

Obama knüpft mit der überarbeiteten Doktrin an die Vision einer atomwaffenfreien Welt an, die er bei der Entgegennahme des Friedensnobelpreises im Dezember 2009 beschworen hatte. Dabei hatte er die Überwindung des Denkens in den Kategorien des Kalten Krieges als Ziel formuliert.

In bilateralen Gesprächen mit Russland und China wollten die USA "stabilere und transparentere strategische Beziehungen" begründen, hieß es weiter. Zugleich fordern die USA von China mehr Offenheit. Die undurchsichtige chinesische Atompolitik werfe Fragen nach den künftigen strategischen Absichten der Volksrepublik auf. Allerdings sei China atomar weniger stark bewaffnet als Russland. Uno-Generalsekretär Ban Ki Moon erklärte, die neue Strategie komme angesichts der bevorstehenden Treffen zum Thema atomare Sicherheit zur "rechten Zeit".

In der kommenden Woche hat Obama zahlreiche Staats- und Regierungschefs nach Washington eingeladen, um mit ihnen über die atomare Sicherheit zu beraten. Auch der chinesische Präsident Hu Jintao wird dazu in den USA erwartet. Der britische Premierminister Gordon Brown, dessen Land ebenfalls Atommacht ist, sagte aus Wahlkampfgründen dagegen seine Teilnahme ab.

Neuer Abrüstungsvertrag mit Russland vor der Unterzeichnung

Mit der russischen Regierung will Washington Gespräche über die Inhalte des neuen Abrüstungsabkommens hinaus führen. Der Nachfolger für den Start-Vertrag von 1991 soll am Donnerstag in Prag vom russischen Präsidenten Dmitrij Medwedew und von US-Präsident Obama unterzeichnet werden. Beide Seiten sollen demnach die Zahl ihrer atomaren Langstreckenwaffen von 2200 auf 1500 verringern. Den Partnern bleiben nach der Ratifizierung sieben Jahre Zeit, die vereinbarten Ziele umzusetzen.

Damit der Vertrag in Kraft treten kann, müssen noch die Parlamente beider Staaten zustimmen. Bei den neuen Gesprächen soll es bisher unbestätigten Angaben zufolge um Beschränkungen für Kurzstreckenwaffen und Sprengköpfe gehen. Wann sie beginnen sollen, ist noch unklar.

Russland behält sich nach Angaben von Außenminister Sergej Lawrow allerdings das Recht vor, unter bestimmten Bedingungen wieder von dem geplanten Abrüstungsabkommen mit den USA abzurücken. Dies gelte für den Fall, dass Russland künftige US-Raketenabwehrsysteme als Bedrohung seiner Sicherheit betrachte. Der gegenwärtige Plan für ein solches System in Rumänien werde aber nicht als Bedrohung gesehen, sagte Lawrow am Dienstag. Russland teile das Ziel einer atomwaffenfreien Welt, doch auch weitere Staaten müssten sich dem Abrüstungsprozess anschließen.

ffr/dpa/AP/apn/Reuters

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 17 Beiträge
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1. Dieser Bruch ist die logische Folge von Obamas Weltbild
Gandhi, 06.04.2010
Zitat von sysopDas neue Nuklearkonzept der USA ist eine Abkehr von alten Feindbildern - und eine Warnung an Iran und Nordkorea. Für solche Staaten behalten sich die Amerikaner den atomaren Erstschlag weiter vor. Washington setzt auf "effektive Abschreckung". http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,687540,00.html
Im Gegensatz zu den arroganten Republikanern meint Obama naemlich nicht, dass man sich mit Erpressung von Schwaecheren Respekt und Freunde verschafft. Wer Atomwaffen gegen Staaten ohne Atomwaffen einsetzen bereit ist, der ist ein Anhaenger von Kriegsverbrechen und sollte genau so behandelt werden wie jemand, der einen Mitmenschen mit Gewalt bedroht.
2. ich k*tze !
cosmo72 06.04.2010
2010 - Friedensnobelpreisträger betreibt ein Atomwaffenarsenal das mehrfach ausreicht, um den Planeten unbewohnbar für die vermutlich die allermeisten Menschen und eine vielzahl an Lebewesen zu machen! Führt Kriege mit abgereicherter Uranmunition (http://video.google.com/videoplay?docid=8192977154296057254#) weiter - und behält sich DEN ATOMAREN ERSTSCHLAG vor! Das ist keinen Deut weniger schlimm als zig andere Verbrecher, die ihre Kriege auf dem Rücken der Menscheheit verloren haben! Eine Erpressung der Menschheit um den Erhalt des Dollars und der amerikanischen Machtansprüche weiter zu erhalten! 2010 - und kein Stück weiter als Rom!
3. Schwachsinn
Zidane2008 06.04.2010
So ein quatsch habe ich noch nie gelesen. Wenn Iran oder Nordkorea Atombomben einsetzen, setzt das voraus, daß Amerika bereits akzeptiert, dass diese Staaten Atombomben besitzen. Was machen die Amerikaner, wenn Russland Atombomben gegen Amerika einsetzen?Dann sagt Obama ich antworte mit der Friedenspfeife? Bestimmt glauben 99% der Amerikaner daran.
4. x-mas
aldente 06.04.2010
Zitat von Zidane2008So ein quatsch habe ich noch nie gelesen. Wenn Iran oder Nordkorea Atombomben einsetzen, setzt das voraus, daß Amerika bereits akzeptiert, dass diese Staaten Atombomben besitzen. Was machen die Amerikaner, wenn Russland Atombomben gegen Amerika einsetzen?Dann sagt Obama ich antworte mit der Friedenspfeife? Bestimmt glauben 99% der Amerikaner daran.
Jaja, das Klischee vom dummen Amerikaner. Aber mit Ihrer Aussage haben Sie bewiesen, dass Sie offenbar hier der Dumme sind, und nichtmal ansatzweise den Inhalt des Textes erfassen können! "Washington bewege sich in Richtung eines Verzichts auf einen ERSTEINSATZ von Atomwaffen." Wenn Russland die USA mit Atomwaffen angreifen würde, dann würden die USA selbstverständlich auch mit Atomwaffen zurückschlagen (das wäre dann auch deren gutes Recht!). Weiter heißt es im Text: "Die neue Strategie ist ein klarer Bruch mit der Politik der Vorgängerregierung, die eine atomare Vergeltung für Angriffe mit bakteriologischen und chemischen Waffen vorgesehen hatte." Und von dieser neuen Regel wollen die USA eben auch Ausnahmen zulassen: Im Falle eine biologischen/chemischen Angriffs des Irans oder Nordkorea, soll dieser mit einem Atomwaffen erwidert werden. Sie, mein lieber Freund Zidane2008, haben also den Text komplett falsch verstanden. Jeder einzelne Satz, den Sie schreiben, ist inhaltlich kompletter Murks. Merke: Nicht die Amerikaner sind die Dummen, sondern die deutschen Deppen, die sich für etwas besseres halten, und vor Überheblichkeit kaum noch laufen können! Darüber hinaus verdienen Obamas Schritte auf dem Weg in eine atomwaffenfreie Zeit höchste Anerkennung! Diese neue Strategie wird zu einer weiteren internationalen Entspannung und Abrüstung führen!
5. blub
faramund 06.04.2010
Zitat von Zidane2008So ein quatsch habe ich noch nie gelesen. Wenn Iran oder Nordkorea Atombomben einsetzen, setzt das voraus, daß Amerika bereits akzeptiert, dass diese Staaten Atombomben besitzen. Was machen die Amerikaner, wenn Russland Atombomben gegen Amerika einsetzen?Dann sagt Obama ich antworte mit der Friedenspfeife? Bestimmt glauben 99% der Amerikaner daran.
Es ist meist zu empfehlen sich einen Artikel lieber erneut durchzulesen bevor man sich im Forum darüber empört -> "Die USA verpflichten sich [...] erstmals dazu, keine Atomwaffen gegen Nicht-Atommächte einzusetzen, die sich an den Vertrag zur Nichtweiterverbreitung von Nuklearwaffen halten" Und generell finde ich es schön nach der anfänglichen Stille nun endlich mal einige positive Aktionen aus dem Hause Obama zu hören - natürlich sind das alles nur kleine Schritte, aber das hat sich die moderne Gesellschaft mit ihrer herrlichen Demokratie zum großteil selbst zuzuschreiben... Denn wer schaufelt sich schon gern sein eigenes politisches Grab - da sind solche Kompromisse durchaus nicht zu verachten...
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Geschichte der Abrüstung
Nach dem Schock der Kuba-Krise 1962 versuchten die Großmächte, mit Verträgen die Gefahr eines Atomkriegs zu verringern. Die wichtigsten Abkommen - klicken Sie auf die Überschriften...
Atomwaffen-Sperrvertrag (1968)
Danach dürfen die fünf offiziellen Atommächte keine Nuklearwaffen an Dritte weitergeben. Beigetretene "Atom-Habenichtse" dürfen keine produzieren oder erwerben.
Vereinbarung über Atomunfälle (1971)
Bei Zwischenfällen müssen sich die Supermächte sofort benachrichtigen. So soll einem "unbeabsichtigten Kernwaffenkrieg" vorgebeugt werden.
Salt I (1972):
Der auf fünf Jahre befristete Interimsvertrag begrenzte die Zahl der Abschussvorrichtungen für landgestützte Interkontinentalraketen und ballistische U-Boot-Raketen.
ABM-Vertrag (1972)
Er erlaubt nur im Umkreis der Hauptstädte Moskau und Washington die Aufstellung von ABM-Systemen (Anti Ballistic Missiles) zur Abwehr feindlicher Raketen. Die USA kündigen den Vertrag im Dezember 2001 einseitig.
Salt II (1979)
Die Trägersysteme für strategische Atomwaffen werden auf je 2400 (Raketen und schwere Bomber) begrenzt. Der Vertrag - von den USA nicht ratifiziert, aber beachtet - wird 1991 durch Start I überholt.
Mittelstreckenraketen-Vertrag (1987)
Alle landgestützten Raketen in Europa mit Reichweiten zwischen 500 und 5500 Kilometern (darunter Pershing II und SS-20) werden kontrolliert vernichtet.
Start I (1991)
Die Bestände weitreichender Systeme über 5000 Kilometer sollen um durchschnittlich 25 bis 30 Prozent verringert werden. Der Vertrag lief im Dezember 2009 aus.
Start II (1993)
Das Abkommen zwischen den USA und Russland sieht eine weitere Verringerung der Bestände und den völligen Verzicht auf landgestützte Interkontinentalraketen mit Mehrfachsprengköpfen vor. Den USA verbleiben danach noch 3500 Sprengköpfe, Russland noch 3000.
Vereinbarung zur Meldung von Raketenabschüssen (2000)
Auch die amerikanisch-russische Vereinbarung zur Unterrichtung über Raketenstarts und Raumflüge soll die Atomkriegsgefahr verringern.
Sort (2002)
Das zwischen den USA und Russland geschlossene Abkommen zum Abbau nuklearer Angriffswaffen soll die Atomarsenale bis 2012 auf jeweils 1700 bis 2200 Sprengköpfe reduzieren.
Start III
Das am 8. April 2010 von den USA und Russland unterschrieben Abkommen sieht vor, die Zahl der nuklearen Sprengköpfe in den nächsten sieben Jahren um 30 Prozent zu senken - von je 2200 auf je 1550. Die Zahl der Trägersysteme (Interkontinentalraketen, U-Boot-gestützte Langstreckenraketen und Langstreckenbomber) wird dem Start-III-Vertrag zufolge auf je 800 halbiert. Das neue Abkommen soll zehn Jahre gelten.


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Obamas erstes Jahr: Klima, Krieg und Krisen

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