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11. Januar 2009, 14:17 Uhr

Nuklear-Konflikt

USA verweigerte Israel Waffenhilfe gegen iranische Atomanlagen

Nach einem Bericht der "New York Times" hat US-Präsident Bush Waffenhilfen für einen israelischen Angriff auf iranische Nuklearanlagen abgelehnt. Stattdessen gewährte er Israel Einblick in ein streng geheimes Sabotageprogramm gegen Irans angebliches Atombomben-Programm.

Washington - US-Präsident George W. Bush hat offenbar den Wunsch der israelischen Regierung nach speziellen Bomben für einen Angriff auf iranische Atomanlagen abgelehnt. Die Regierung in Jerusalem habe Washington im vergangenen Jahr um spezielle Bomben gebeten, mit denen Bunker gesprengt werden können, berichtet die "New York Times". Diese Waffen seien für einen Angriff Israels auf die zum Teil unterirdischen Nuklearanlagen in Natans geplant gewesen.

Politiker Olmert, Bush: Sabotage von Irans Atomprogramm
AP

Politiker Olmert, Bush: Sabotage von Irans Atomprogramm

In einer Reihe von Treffen habe Israel Anfang 2008 von den USA zudem Treibstoffversorgung für Langstreckenflüge von Kampfjets und Überflugsrechte für den Irak gefordert, schrieb die Zeitung unter Berufung auf Regierungskreise, Experten und internationale Inspektoren.

Über die Arbeit amerikanischer Geheimdienste zeigte sich Israel in den Treffen erbost. In einem Gutachten von Ende 2007 hatten US-Geheimdienste laut "New York Times" behauptet, Iran habe sein Atomwaffenprogramm vorläufig eingestellt. Israel habe dann eigene Beweise vorgelegt, nach denen Iran weiter an der Bombe bastelte. Doch nicht nur Israel zeigte sich misstrauisch gegen die Befunde der US-Spione. Auch Präsident Bush selbst sei über das Gutachten erstaunt gewesen, berichtet die "New York Times".

Auf Israels Forderungen sei Bush dennoch nicht eingegangen. Das Weiße Haus habe einen offenen Angriff abgelehnt, weil ranghohe Regierungsvertreter wie Verteidigungsminister Robert Gates einen Krieg im Nahen Osten befürchtet hätten. Zudem habe es Befürchtungen gegeben, dass ein Militärschlag nicht effizient genug gewesen wäre.

Dazu sei nie umfassend geklärt worden, ob Israel tatsächlich je einen Militärschlag durchgeführt hätte oder ob Premierminister Ehud Olmert nur politischen Druck aufbauen wollte - mit der Hoffnung, die Bush-Regierung noch vor ihrem Abdanken zu konkreten Maßnahmen im Iran zu bewegen.

Statt militärischen Hilfen habe Bush auf Druck Israels letztlich zugesagt, verstärkt Geheimdienstinformationen über ein Anfang 2008 begonnenes geheimes US-Programm weiterzugeben, mit dem das Teheraner Atomprogramm sabotiert werden solle.

Seit Anfang 2008 versucht die USA demnach, die Versorgung Irans mit Nuklearmaterialien aus dem Ausland zu untergraben. Dazu führten Agenten teils experimentelle Sabotageakte an Computer- und Elektroniksystemen durch, um die Fertigstellung einer funktionsfähigen iranischen Atomrakete hinauszuzögern.

Wie erfolgreich solch verdeckten Operationen sind, ist offenbar strittig. Einige amerikanische Regierungsmitarbeiter sind laut "New York Times" skeptisch, ob das streng geheime Programm etwas bewirken kann. Iran habe in der Vergangenheit immer wieder Sabotageversuche aufgedeckt. Im vergangenen Jahr hätten internationale Waffeninspektoren die Zahl iranischer Anreicherungsanlagen für waffenfähiges Uran auf 3800 geschätzt, nach amerikanischen Geheimdienstquellen dürften es mittlerweile 4000 bis 5000 Zentrifugen sein - genug, um etwa alle acht Monate das benötigte Uran für eine atomare Waffe herzustellen.

Andere Quellen schätzten die Sabotageakte erfolgreicher ein. Israel hätte sich nicht von seinen Angriffsplänen auf die iranischen Atomanlagen abbringen lassen, wenn die Effektivität der Operationen zweifelhaft sei.

Der neugewählte Präsident Barack Obama jedenfalls steht durch das Iran-Programm vor einer schwierigen Aufgabe: Laut "New York Times" wird er seit seiner Wahl am 4. November über die amerikanischen Operationen unterrichtet - er soll das Sabotageprogramm zu seinem Amtsantritt am 20. Januar erben und dann entscheiden, ob er Bushs Kurs fortführe.

Tue er dies, drohen neue diplomatische Verwerfungen - Obama hatte sich vor seiner Wahl dialogbereit gezeigt. Stoppt Obama das Programm dagegen, dürfte ihm vorgeworfen werden, Iran in seinen Nuklearbestrebungen einfach gewähren zu lassen. Mitarbeiter aus Obamas Übergangsteam wollten sich gegenüber der "New York Times" nicht äußern.

ore/ssu/AP/dpa

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