Nuklearabkommen: "Nordkoreas Atomprogramm bleibt die größte Gefahr"

Nach drei Jahren Verhandlung hat sich das Regime in Pjöngjang einem schrittweisen Abbau des Atomprogramms zugestimmt. Aber Nordkorea-Experte Patrick Köllner warnt im Interview mit SPIEGEL ONLINE vor zuviel Optimismus. Das Nuklearpotential des kommunistischen Landes bleibe eine Gefahr.

SPIEGEL ONLINE: Herr Köllner, wie ernst ist die Einigung bei den Gesprächen in Peking zu nehmen? Kann man den Nordkoreanern trauen?

Patrick Köllner: Die Regierung in Pjöngjang hat ein starkes Interesse an Energie- und Nahrungsmittellieferungen. Deshalb wird das Regime überhaupt auf die Forderung nach einem Einfrieren des Plutoniumprogramms ein. Doch ich warne vor zuviel Optimismus: Bis zur endgültigen Klärung der Nuklearfrage ist es ein langer Weg.

SPIEGEL ONLINE: Welche Stolpersteine gibt es? Vor eineinhalb Jahren wurde schon einmal eine ähnliche Einigung erzielt, und kurze Zeit später stritten sich die USA und Nordkorea über die Auslegung der gemeinsamen Erklärung …

Köllner: Damals wurde der Fehler gemacht, sich nicht auf das Atomprogramm zu konzentrieren, sondern auch Themen auf die Agenda zu bringen wie den Falschgeldhandel, Geldwäsche und andere illegale Aktionen, die Nordkorea vorgeworfen werden. Dadurch gab es eine feindselige Stimmung zwischen Washington und Nordkorea, was die Umsetzung der gemeinsamen Erklärung zur Denuklearisierung gefährdet hat.

SPIEGEL ONLINE: Welchen Fehler dürfen die Amerikaner jetzt nicht machen?

Köllner: Es darf nur darum gehen, dass es in Nordkorea keine Atomwaffen mehr gibt, also die Denuklearisierung. Wenn man sich wieder wie seit 2005 verzettelt, bedeutet das, dass Nordkorea kontinuierlich waffenfähiges Plutonium herstellen kann und damit sein Gefährdungspotenzial für die Region erhöht. Es darf nur darum gehen, dass Nuklearprogramm einzufrieren, um es dann in weiteren Schritten einer endgültigen Lösung zuzuführen. Alle anderen Punkte sind von nachrangiger Bedeutung. Nordkoreas Atomprogramm bleibt die größte Gefahr.

SPIEGEL ONLINE: Reicht es, Uno-Inspektoren ins Land zu schicken?

Köllner: Die Uno-Inspektoren können nur Teil eines größer angelegten Stufenplans sein. Schritt für Schritt muss es darum gehen, auf ein Friedensabkommen zwischen Nordkorea und den USA und eine Normalisierung der bilateralen Beziehungen hinzuarbeiten. Das ist für Pjöngjang von strategischer Bedeutung.

SPIEGEL ONLINE: Lässt sich das Atomprogramm überhaupt überprüfen?

Köllner: Es muss auf jeden Fall sichergestellt sein, dass nicht nur die bekannten Nuklearanlagen wie etwa in Yongbyon inspiziert werden, sondern dass es auch spontane Sonderinspektionen an anderen Orten geben kann, wo atomare Aktivitäten vermutet werden. Vieles in Nordkorea findet unterirdisch statt. Da gibt es ein enormes Täuschungspotential.

SPIEGEL ONLINE: Es scheint bei den Verhandlungen über die Hilfslieferungen geschachert worden zu sein wie auf einem Basar. Konnte Nordkorea so hohe Forderungen stellen, weil es sich seit dem erfolgreichen Atombombentest so stark fühlt?

Köllner: Die Lieferung von knapp einer Million Tonnen Rohöl im Fall einer Einstellung des Plutoniumprogramms ist tatsächlich neu. Da hat sich Nordkorea durchgesetzt, was in den USA nur zähneknirschend hingenommen wird. Seit den Kongresswahlen vom November und dem Personalwechsel der Amerikaner im Verteidigungsministerium und anderswo scheint es aber auch eine größere Bereitschaft in Washington zu geben, den Nordkoreanern entgegenzukommen.

SPIEGEL ONLINE: Welche Rolle haben Russland und China bei den Gesprächen gespielt?

Köllner: Russland hat nur begrenzten Einfluss. Die wichtigere Rolle hat China, das hinter den Kulissen Druck auf Pjöngjang ausüben kann. Peking musste aber auch schon mehrfach feststellen, dass externer Druck nicht automatisch für ein Wohlverhalten der Nordkoreaner sorgt.

SPIEGEL ONLINE: Ist Nordkorea denn tatsächlich auf diese hohen Hilfslieferungen aus dem Ausland angewiesen?

Köllner: Das Land ist massiv auf Energieleistungen aus dem Ausland angewiesen. Das ganze Leitungsnetz ist marode, es gibt also massive Verluste bei der Übertragung der ohnehin nur gering vorhandenen eigenen Energie. Ohne technische Hilfe und Lieferungen aus dem Ausland kann das Regime das Land nicht ausreichend mit Energie versorgen.

Die Fragen stellte Alwin Schröder

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