SPIEGEL ONLINE

SPIEGEL ONLINE

14. März 2011, 17:40 Uhr

Nuklearenergie

Frankreich scheut die Atomdebatte

Von , Paris

Der Glaube an die Atomenergie war in Frankreich bisher unerschütterlich. Nach der Katastrophe in Japan bürstet die Regierung Kritik von Umweltverbänden ab. Doch die Stimmung im Land könnte sich schon bald ändern. 

Frankreichs Zeitungen titeln "Alptraum", beschreiben das Unglück in Japan als "Super-GAU" oder "Katastrophenszenario". Ein kollektives Umdenken über die heimische Atomenergie, die rund 80 Prozent des elektrischen Stroms produziert, lehnt die Regierung in Paris aber ab.

Eine "landesweite Debatte" fordern lediglich Umweltschützer und Linksparteien, die am Sonntag in Paris und anderen Städten gegen die Atompolitik ihres Landes demonstrierten. Jean-Luc Mélenchon von der Linkspartei etwa sprach von einem "Alarmsignal", Cécile Duflot von den Grünen verlangte angesichts der drohenden Kernschmelze in Japans Atommeilern ein "nationales Referendum". Und Nicolas Hulot, Frankreichs prominentester TV-Naturschützer, kritisiert den einseitigen AKW-freundlichen Kurs der Nation als "russisches Roulette".

"Unverantwortliche Stimmungsmache" hält die Regierung solchen Äußerungen entgegen. Immerhin zählten Frankreichs Sicherheitsstandards zu den "besten der Welt, dank der Technologie der beteiligten Firmen", so Jean-François Copé, Chef der konservativen Regierungspartei UMP.

Drohende Apokalypse

Eine Debatte über die Zukunft des Atomstroms? "Eine strategische Entscheidung wird doch nicht in Frage gestellt durch einen aktuellen Vorfall, und wenn er auch noch so tragisch ist", betont Copé. Und im Übrigen, so der Konservative: Es gibt keine Energieproduktion "ohne Risiko".

An diese amtliche Sprachregelung hält sich auch Industrie- und Energieminister Éric Besson. Die Gefahren für Frankreichs AKW, versichert er, seien "gut kontrolliert". Schließlich trage die Entscheidung für den Atomstrom zur Sicherheit bei: Der Versorgungssicherheit nämlich, die Elektrizität im Vergleich zum Ausland "rund 40 Prozent billiger" bereitstelle.

Doch selbst Besson, ein beharrlicher Fürsprecher von Frankreichs Atomindustrie, der am Samstag noch versichert, die Vorfälle in den japanischen Unglücksmeilern, seien "keine nukleare Katastrophe" und hätten "nichts zu tun mit Tschernobyl", schließt am Montag auch eine "Apokalypse" nicht mehr aus.

Vorsichtiger noch äußert sich Premier François Fillon. Mit Gespür für die sich drehende Meinung und auch mit Blick auf die Kantonswahlen am kommenden Wochenende versprach der Ministerpräsident nach einer Krisensitzung: "Wir werden alle nützlichen Lehren aus den japanischen Ereignissen ziehen."

Nuklear-Nation Nummer Eins

Frankreichs Atomindustrie zählt zum Stolz und Selbstbewusstsein der jungen V. Republik, so wie seinerzeit die nukleare Abschreckung, "Force de Frappe". Die ersten Meiler gingen in den fünfziger und sechziger Jahren ans Netz, damals vor allem betrieben mit Natururan, bevor Schwer- und Leichtwasserreaktoren hinzukamen. Seit den siebziger Jahren betreibt der Elektroversorger EDF ("Electricité de France") mit Nachdruck die Ausrichtung auf Nuklearstrom.

Heute verfügt der Nachbar jenseits des Rheins über 19 AKW-Zentren mit 58 Reaktoren; ein Druckwasserreaktor der sogenannten dritten Generation ("EPR") wird derzeit in Flamanville an der Kanalküste gebaut. Zusammen mit den rund 1100 weiteren Betrieben für Brennstoffproduktion, die Lagerung von atomarem Müll ist Frankreich, gemessen an der Einwohnerzahl, weltweit die Nuklearnation Nummer Eins. Zu den Kernstücken der Industrie gehört die Wiederaufbereitungsanlage von La Hague in der Normandie, wo nicht nur die eigenen atomaren Reste behandelt werden, sondern auch die Brennelemente von 27 anderen Staaten.

Das atomare Know-how hat Frankreich mit Nachdruck als Exportschlager betrieben; Zusammenarbeit fand mit Israel, Südafrika und Staaten des Nahen Ostens statt. Präsident Nicolas Sarkozy empfahl sich auch in Indien und Libyen als Chefverkäufer der Hersteller Areva und EDF. Kein Wunder: Die Branche erwirtschaftet 1,9 Prozent des BIP (2007) und schafft - die Zulieferindustrie inklusive - rund 194.000 Jobs.

Frankreich exportiert Atomstrom

Der Atomkurs wird auch in Frankreich durch den Unfall von Tschernobyl in Frage gestellt, zumal eine Reihe von Meilern aus den siebziger Jahren nach drei Jahrzehnten zum nuklearen Alteisen zählen. Stör- und Zwischenfälle - und ihre bisweilen wenig transparente Behandlung - haben zudem die Diskussion um die einseitige Ausrichtung der Energiepolitik verstärkt. Das gilt auch für die Wiederaufbereitungsfabrik von La Hague, die, gebaut 1966, gegen Terroranschläge etwa durch Flugzeugabsturz, nicht geschützt ist.

Damit ging einerseits die Zahl der Neubauten zurück, andererseits setzte Paris bewusst auf den Export des seit 1981 überschüssigen Atomstroms: 2006 rund 60 Terawattstunden vor allem nach Deutschland, Italien und Großbritannien. Heute setzt Paris auf einen Mix aus nuklearen, konventionellen und ökologischen Energien - und langfristig auf deutliche Einsparungen; zugleich wird Atomstrom aber im offiziellen Diskurs gelobt, als probates Mittel, um die CO2-Bilanz Frankreichs zu verbessern.

URL:

Mehr auf SPIEGEL ONLINE:


© SPIEGEL ONLINE 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH