Nuklearenergie Sechs arabische Staaten kündigen Atom-Programme an

Ägypten und Tunesien, Marokko und Saudi-Arabien, Algerien und die Vereinigten Emirate: Gleich sechs arabische Staaten planen jetzt zivile Atom-Programme. Der Grund dafür ist Irans Vorpreschen, sagen Experten. Die Angst vor neuen Atommächten wächst - und vor einem Wettrüsten in Nahost.

Von Yassin Musharbash


Berlin - Schimon Peres hatte bei seinem Berlin-Besuch kürzlich eine Anekdote mit bittersüßem Beigeschmack parat. Der ehemalige israelische Premier und derzeitige Vize-Regierungschef erzählte, wie ein hochrangiges ägyptisches Regierungsmitglied ihn während eines Israel-Besuchs fragte: Könne er mal die Nuklearanlage in Dimona sehen? Jene Einrichtung, in der angeblich Israels Atomsprengköpfe lagern? Peres antwortete: "Auf gar keinen Fall. Es ist viel abschreckender, wenn ihr nicht wisst, was es dort gibt."

IAEA-Inspektor in Iran: Bald auch in Marokko, Ägypten und Saudi-Arabien?
AP

IAEA-Inspektor in Iran: Bald auch in Marokko, Ägypten und Saudi-Arabien?

Seit Jahrzehnten gilt Israel als De-facto-Atommacht. Offiziell hat das Land den Besitz von Atomwaffen zwar niemals zugegeben - dass jedoch keiner ernsthaft ihre Existenz bezweifelt, findet Israel durchaus hilfreich. Schließlich ist Israel der einzige Staat im Nahen Osten, der aktuell diesen Sonderstatus genießt.

Eine Situation, die sich derzeit allerdings zu ändern droht - wegen Iran. Der Schiiten-Staat betreibt ein angeblich rein ziviles Atomprogramm, das nach Überzeugung der westlichen Welt den Bau der Bombe ermöglichen soll. Zwar gibt es noch gibt es keine harten Beweise gegen Iran. Doch löst schon die Existenz des Programms bei anderen arabischen Staaten Ambitionen aus. Das äußerst fragile sicherheitspolitische Gleichgewicht in der Region droht endgültig aus der Balance zu geraten: Gleich sechs arabische Staaten haben angekündigt, in Bälde zivile Nuklearprogramme aufzulegen. Darunter Israels Nachbar Ägypten.

Die weiteren fünf Staaten sind Marokko, Saudi-Arabien, Tunesien, Algerien und die Vereinigten Arabischen Emirate (VAE). Das berichtet die Wirtschafts-Wochenzeitschrift "Middle East Economic Digest" mit Verweis auf die Internationale Atomenergiebehörde der Uno (IAEA) in Wien. Ein Sprecher der IAEA bestätigte SPIEGEL ONLINE, dass Ägypten, Marokko, Algerien und Saudi-Arabien die Organisation mit der Bitte um Unterstützung kontaktiert haben. Tunesien und die VAE sollen dem Bericht zufolge Interesse bekunden haben.

Grundsätzlich hat jedes Land der Erde das Recht, Atomenergie zu friedlichen Zwecken zu nutzen. Die IAEA hat die Aufgabe, sie dabei zu beraten - und Verstöße gegen die Abmachungen zur rein zivilen Nutzung aufzudecken. Jetzt allerdings wächst die Sorge, dass statt einem, keinem oder schlimmstenfalls zwei Staaten im Nahen Osten irgendwann gleich mehrere über ein Atomwaffenarsenal verfügen.

Trend seit Monaten erkennbar

Anzeichen für die arabischen Atom-Ambitionen gibt es seit Monaten. Im September rief Abd al-Rahman al-Attija, der Generalsekretär des Golf-Kooperationsrates, die "arabische Nation" dazu auf, "gemeinsam an einem Nuklearprojekt" zu arbeiten, berichtete der SPIEGEL. Und Anfang Oktober kündigte die ägyptische Regierung an, nach 18 Jahren Pause ihr Nuklearprogramm wieder aufzunehmen: Am Mittelmeer soll ein Kraftwerk entstehen. Das Land begründet diesen Schritt mit einem jährlich um sieben Prozent wachsenden Energiebedarf.

Die Atommächte der Welt: Diese Staaten haben Atombomben - oder daran gearbeitet und ihre Pläne inzwischen gestoppt
SPIEGEL ONLINE

Die Atommächte der Welt: Diese Staaten haben Atombomben - oder daran gearbeitet und ihre Pläne inzwischen gestoppt

Ägypten rückt damit von seinem bisherigen Kurs ab, der es an die Spitze jener arabischen Staaten gebracht hatte, die sich für alternative Energien stark machen. Nach Expertenschätzungen könnte das nordafrikanische Land seinen Energiebedarf fast vollkommen durch Sonne und Wind decken. Wieso jetzt der Sinneswandel? Fachleute mutmaßen, dass Iran der Auslöser ist: Wenn die Mullahkratie ein Atomprogramm betreibt und letztlich vielleicht gar die Bombe bekommt - dann will jedes andere Land in der Region nachziehen, das etwas auf sich hält. Die Hoffnung ist, sich unverwundbar zu machen und Feinde abzuschrecken.

Augenfällig ist dieses Kalkül bei Saudi-Arabiens. Die Monarchie in der Wüste verfügt über die weltgrößten Ölreserven. Energieprobleme dürften kaum der Grund dafür sein, wieso sie nun Reaktoren will. Wie Ägypten ist Saudi-Arabien bisher für einen komplett atomwaffenfreien Nahen Osten eingetreten - was allerdings friedlicher klingt, als es gemeint war: Das erste Ziel dieser Forderung war stets die Abrüstung Israels.

Alptraum atomarer Naher Osten

Saudi-Arabien und die VAE haben sich per Abkommen vor langem dazu verpflichtet, kein eigenes Uran anzureichern - was die Grundlage für den Bau von Atomwaffen wäre. Auch Ägypten will ausdrücklich kein Uran anreichern. Alle sechs arabischen Staaten betonen, dass sie nur Strom erzeugen wollen, keine Waffen.

Aber auch ein solches ziviles Programm ist für Beobachter Grund zur Sorge. Denn von allen Atommächten dieser Welt haben nur die ersten drei beim Bau der Bombe auf Forschungsergebnisse aus der friedlichen Nutzung verzichten können: die USA, die Sowjetunion und Großbritannien. Bei allen anderen legte die friedliche Nutzung die Grundlagen für die militärische. IAEA-Chef Mohammed al-Baradei drückt es so aus: "Wir sind vor allem auf die guten Intentionen diese Staaten angewiesen - und das sind Intentionen, die auf der Einschätzung der eigenen Sicherheit oder Unsicherheit dieser Länder beruhen und sich deswegen auch schnell ändern können."

Ein atomarer Naher Osten ist seit jeher eine Horrorvorstellung. Seit fast sechs Jahrzehnten herrscht zwischen Israel und den umliegenden Staaten bestenfalls ein kalter Frieden. Als der Irak in den achtziger Jahren ein Nuklearprogramm startete, ging Israel auf Nummer sicher und zerstörte mit seiner Luftwaffe den Reaktor von Osirak. Erleichtert reagierte die Welt 2003 darauf, dass der libysche Staatschef Muammar al-Ghaddafi sein Atomprogramm einstellte. Das Knowhow für Waffen- und Zentrifugenbau hatte er übrigens von dem pakistanischen Nukleartechniker Noor Khan erworben - der jahrelang einen schwunghaften Schwarzmarkt betrieb und außerdem Iran und Nordkorea mit Blaupausen belieferte.

Die Schreckensszenarien liegen auf der Hand

Im Nahen Osten sind gleich mehrere nukleare Worst-case-Szenarien vorstellbar, ohne dass man dafür viel Phantasie bräuchte. Ein erneuter arabisch-israelischer Krieg mit Atomwaffen wäre das eine. Das andere wäre eine Auseinandersetzung zwischen dem mehrheitilich sunnitischen Saudi-Arabien und dem schiitischen Iran - die beiden Staaten werden immer stärker zu Konkurrenten um den Status einer Hegemonialmacht. Außerdem gibt es im Nahen und Mittleren Osten reichlich Terrorgruppen, die schon in der Vergangenheit und in entlegeneren Gegenden versucht haben, an Atomsprengköpfe zu gelangen. Selbst wenn ihnen das nicht gelingt: Ein Atomkraftwerk ist ein formidables Anschlagsziel.

Natürlich wird keiner der sechs Atom-Willigen in absehbarer Zeit in der Lage sein, Atombomben zu bauen. Die IAEA würde wohl erst misstrauisch werden, falls die ersten Länder versuchen, den Treibstoffkreislauf zu schließen - weil dies auf eine militärische (Mit-)Nutzung hinweisen würde. Bis dahin überwiegen bei der Behörde in Wien die Bedenken, ob die Länder überhaupt in der Lage sind, die Reaktoren sicher zu bedienen.

Schon heute sind nach Ansicht von IAEA-Chef al-Baradei 39 Staaten theoretisch in der Lage, Atombomben zu bauen. Er warnt vor einem "zweiten Nuklearzeitalter" - nicht zuletzt, weil unter Mittelmächten die Vorstellung herrscht, die Bombe mache unangreifbar. Nordkorea gilt diesen Staaten als Präzedenzfall. Die IAEA sähe es deswegen am liebsten, wenn das Anreichern von Uran grundsätzlich verboten und stattdessen eine "multinationale Treibstoff-Bank" eingerichtet würde.

Sicher gibt es auch positive Beispiele. Brasilien zum Beispiel reichert sein Uran selbst an - weil es seine Nachbarn überzeugen konnte, dass es friedliche Absichten verfolgt. Doch diesen Vertrauensvorschuss bekommt im Nahen Osten niemand.



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