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Nuklearstreit: Satellitenbilder zeigen Ausbau iranischer Atomanlagen

Satellitenbilder beweisen, dass Iran seine Atomanlagen in den vergangenen Jahren erweitert und den Schutz gegen mögliche Militärschläge erhöht hat. Sollten die USA die Anlagen angreifen, stünde in Teheran eine Armee von 40.000 Selbstmordattentätern bereit, berichtet die "Sunday Times".

Wien/London/New York – Das "Institute for Science and International Security" (ISIS) verbreitete in einer E-Mail-Nachricht an mehrere Medien Satellitenfotos, die in den vergangenen Jahren entstanden sein sollen. Die Aufnahmen zeigen nach Angaben des Instituts die Atomanlagen in Isfahan und Natans. Die Auswertung der Bilder habe ergeben, dass Iran erst vor kurzer Zeit in Isfahan einen neuen Tunneleingang eingerichtet habe. "Dieser neue Eingang deutet auf eine neue unterirdische Einrichtung oder den Ausbau der bestehenden Anlagen hin", zitiert die Nachrichtenagentur Reuters den Chef des Instituts, David Albright, einen ehemaligen Uno-Waffeninspekteur und Nuklearexperten.

Vier Bilder aus der Zeit zwischen 2002 und Januar 2006 zeigten außerdem, dass die unterirdischen Anlagen in Natans mit mehreren neuen Schichten aus Erde, Betonplatten und anderem Material bedeckt worden seien, um den Schutz vor möglichen Luftschlägen zu verstärken. Die eigentliche Einrichtung liege nun rund acht Meter unter der Erde, schätzt demnach ISIS.

In der Atomanlage Isfahan wird Uranoxid in das gasförmige Uranhexafluorid umgewandelt. Diese Urankonversion ist eine Vorstufe der Urananreicherung. Von der Anlage in Natans hatte die iranische Führung zuletzt berichtet, dass dort erstmals die Anreicherung von Uran gelungen sei und nun industriemäßig ausgebaut werden solle. In den vergangenen Tagen häuften sich Medienberichte, nach denen die US-Regierung bereits seit längerem an der konkreten Planung von Militärschlägen arbeite. Dabei solle auch der Einsatz taktischer, bunkerbrechender Atomwaffen eine Rolle spielen, mit denen unterirdisch liegende Einrichtungen zerstört werden können. Erst heute hatte die "Washington Post" berichtet, die USA plane seit Jahren einen möglichen Angriff auf Iran. Der frühere US-Geheimdienstler Arkin schreibt in der Zeitung, das Szenario gegen den Mullahstaat sei schon vor dem Irak-Krieg entwickelt worden.

"Iran unternimmt außerordentliche Maßnahmen, um sein Atomanlagen zu schützen", sagte ISIS-Chef Albright. Irans Atomprogramm aus der Luft auszuschalten, sei allerdings leichter gesagt als getan, fügte Albright hinzu. So seien die für die Anreicherung benötigten Zentrifugen relativ klein und schnell wieder zu erneuern. Außerdem könne Iran Uranhexafluorid "irgendwo in einer Garage lagern", wo man es unmöglich finden könne. Auch der Atom-Experte des Londoner "International Institute for Strategic Studies" hält Militärschläge nur für begrenzt wirksam. "Es wird sehr schwierig sein, das Wissen, das sich die Iraner angeeignet haben, auszulöschen", sagte Fitzpatrick.

Iran hatte in der vergangenen Woche verkündet, es habe zum ersten Mal erfolgreich Uran angereichert und damit den Streit um sein Atomprogramm dramatisch verschärft. Der Uno-Sicherheitsrat hatte der Islamischen Republik zuvor eine 30-Tage-Frist gesetzt, innerhalb derer sie ihre Nuklearaktivitäten stoppen solle. Der Chef der Uno-Atomenergiebehörde Mohammed al-Baradei soll dem Sicherheitsrat am 28. April Bericht erstatten, ob Iran auf die Forderung reagiert hat.

"Sunday Times": "Selbstmordattentäter stehen bereit"

Einem britischen Pressebericht zufolge haben iranische Selbstmordkommandos im Zusammenhang mit der Atomkrise britische und US-Ziele im Visier. Wie die "Sunday Times" berichtet, stehen rund 40.000 "ausgebildete" Selbstmordattentäter bereit für den Fall, dass iranische Atomeinrichtungen von den USA und Großbritannien angegriffen werden sollten. Dabei handele es sich um eine Sondereinheit der Revolutionsgarden, die erstmals im März bei einer Militärparade beobachtet worden sei. Die Mitglieder der Einheit hätten Sprengstoffgürtel getragen und Zeitzünder in der Hand gehabt.

Die Wochenzeitung berichtet unter Berufung auf einen leitenden Strategen der Revolutionsgarden, Hassan Abbasi, es seien bereits 29 westliche Ziele ausgemacht worden. "Wir sind bereit, amerikanische und britische sensible Punkte anzugreifen, wenn sie Irans Atomanlagen angreifen", wird Abbasi zitiert. Einige der iranischen Atomeinrichtungen seien "ziemlich nahe" an der Grenze zum Irak. Bei einer Ausbildungsstation mussten potenzielle Selbstmordattentäter laut "Sunday Times" sagen, ob sie lieber US-Ziele im Irak oder in Israel angreifen wollten.

In die gleiche Richtung gingen Warnungen des früheren Anti-Terror-Chefs Richard Clarke vor einem Angriff auf Iran. Als Antwort würde die Islamische Republik ihr "terroristisches Netzwerk benutzen, um amerikanische Ziele auf der Welt anzugreifen, auch in den USA", schrieb der frühere Anti-Terror-Experte des US-Präsidialamtes gemeinsam mit Steven Simon, einem ehemaligen Vertreter des US-Außenministeriums, in einem Artikel für die "New York Times".

"Iran hat Kräfte unter seinem Kommando, die weit mächtiger sind, als alles was al-Qaida jemals ins Feld schicken konnte", heißt es darin weiter. Als Beispiel für die von Iran ausgehende Gefahr nannten die Autoren die Verbindungen des Landes zur Extremistengruppe Hisbollah. Zudem könnte iranischer Einfluss die Lage im Irak weit verschlimmern. Es sei absolut glaubhaft, dass Iran eine Welle von Vergeltungsmaßnahme bereits geplant habe und vorbereitet sei, sie in Bewegung zu setzen.

phw/Reuters

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