Nukleartest Nordkorea droht mit Zündung von Atomrakete

Trotz drohender Sanktionen provoziert Nordkorea die internationale Gemeinschaft: Nach dem ersten Atomwaffentest droht der kommunistische Staat jetzt mit dem Abfeuern einer atomar bestückten Rakete - doch Experten bezweifeln, dass das Land dazu in der Lage ist.


Seoul - "Wir hoffen, dass die Lage geklärt ist, bevor es zu einem unglücklichen Zwischenfall kommt und wir eine Atomrakete abfeuern", zitierte die südkoreanische Nachrichtenagentur Yonhap heute einen nordkoreanischen Regierungsmitarbeiter. "Alles hängt von der Reaktion der Vereinigten Staaten ab." Nordkorea wolle vor allem Sicherheit. Der Atomtest vom Vortag sei in politischer und diplomatischer Hinsicht ein Ausdruck dafür, dass die nordkoreanische Führung direkt mit den USA verhandeln wolle.

Nordkorea sei bereit, sein Atomprogramm aufzugeben und sich wieder an den Sechs-Länder-Gesprächen zu beteiligen, sagte der Regierungsmitarbeiter - "aber nur, wenn die USA entsprechende Maßnahmen ergreifen". Die kommunistische Führung werde sich dem Druck aus dem Ausland nicht beugen. "Wir haben nichts mehr zu verlieren. Strafen werden keine Lösung sein."

Allerdings halten viele Experten Nordkorea noch über Jahre hinweg für nicht in der Lage eine atomar bestückte Rakete zu zünden. Die Wahrscheinlichkeit, dass Nordkorea einen Atomsprengkopf für eine Rakete besitze, sei gleich null, sagt David Wall, ein Experte des in London ansässigen Instituts Chatham House. Der nordkoreanische Diktator Kim Jong Il könne die Bombe allenfalls "auf dem Rücksitz eines Taxis nach Seoul bringen".

Die Trägerraketen seien erst in einem Entwicklungsstadium, sagt auch der Moskauer Waffenexperte Pawel Solotarew. Vor acht Jahren zündete Nordkorea zum ersten Mal eine Langstreckenrakete, die über Japan hinwegflog. Im Juli dieses Jahres testete das Land erfolgreich ein halbes Dutzend Kurz- und Mittelstreckenraketen. Eine Langstreckenrakete vom Typ Taepodong 2 explodierte dagegen kurz nach dem Start und stürzte ins Meer.

Sicherheitsrat berät über Sanktionen

Der Uno-Sicherheitsrat hat inzwischen über Strafmaßnahmen beraten. Die USA haben einen Resolutionentwurf in Umlauf gebracht, der harte Sanktionen gegen Nordkorea vorsieht. Das Dokument wirft Nordkorea eine eklatante Missachtung der internationalen Gemeinschaft vor, die zum Verzicht auf den Atomwaffentest aufgerufen hatte. Die USA befürchten vor allem, dass Nordkorea sein neues Know-how zu Markte tragen könnte. Vorgesehen sind unter anderem ein Waffenembargo und ein Handelsverbot für alle anderen militärischen Güter sowie für Luxuswaren.

Darüber hinaus sollen alle Guthaben eingefroren werden, die im Zusammenhang mit dem nordkoreanischen Atomwaffenprogramm stehen könnten. Auf Drängen Japans wurde der vom Sicherheitsrat geplante Handelsboykott noch dahingehend ausgeweitet, dass kein Land mehr nordkoreanische Schiffe in seine Häfen oder nordkoreanische Flugzeuge landen lassen darf, wenn diese Güter transportieren, die vom Embargo betroffen sind. Ferner werden ranghohen nordkoreanischen Beamten Reisebeschränkungen auferlegt. Der japanische Kabinettssekretär Yasuhisa Shiozaki erklärte, Tokio schließe auch militärische Sanktionen gegen Nordkorea nicht aus.

Selbst China, traditionell ein enger Verbündeter des Regimes in Pjöngjang, scheint seinen Widerstand gegen Sanktionen aufgeben zu wollen. Einen Militärschlag lehnt China aber kategorisch ab. Der Atomtest belaste die Beziehungen zwischen Nordkorea und China, sagte ein Sprecher des Außenministeriums heute in Peking. Ein militärisches Vorgehen sei dennoch unvorstellbar.

Auch die südkoreanische Ministerpräsidentin Han Myung Sook kündigte an, ihre Regierung sei gegen jegliche Uno-Resolution, die Nordkorea mit dem Einsatz von Gewalt drohe. Auf der koreanischen Halbinsel dürfe es nie mehr Krieg geben, sagte Han im Parlament.

Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier fürchtet, dass nach dem nordkoreanischen Test der Atomwaffensperrvertrag ausgehöhlt werden könnte. Die Autorität des Vertrags könnte in Zweifel gezogen werden, sagte der SPD-Politiker im ZDF. Er zog eine Parallele zum Atomstreit mit Iran. In beiden Fällen gehe es darum, "die jeweilige Führung von einem verhängnisvollen Kurs abzubringen".

Japan hält auch nach dem von Nordkorea gemeldeten Atombombentest an seiner Politik fest, selbst keine Atomwaffen zu besitzen. Das machte der neue Ministerpräsident Shinzo Abe heute vor einem Parlamentsausschuss klar. Es gebe keine Änderung an Japans drei Prinzipien, keine Atomwaffen zu bauen, keine zu besitzen und auch die Stationierung solcher Waffen auf dem eigenem Boden nicht zu erlauben.

Der Regierungschef reagierte damit auf die von einem Abgeordneten geäußerte Besorgnis, dass Nordkoreas Atomtest in Japan eine Debatte entfachen könnte, ob sich das Land nicht selbst eines Tages mit Atomwaffen schützen sollte. Japan ist bisher das einzige Land der Welt, das Opfer eines Angriffes mit Atombomben wurde - 1945 auf die Städte Hiroschima und Nagasaki.

ler/AP/AFP/dpa



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