"NYT"-Journalist David Rohde: Wie ein US-Reporter bei den Taliban überlebte

Von , Islamabad

Mehr als ein halbes Jahr lang war er in der Gewalt der Taliban, jetzt berichtet "New York Times"-Reporter David Rohde in dem Blatt über die Gefangenschaft - und seine dramatische Flucht. Kritiker werfen ihm Naivität im Umgang mit den Islamisten vor.

"NYT"-Reporter David Rohde (l.) in Afghanistan (Archivbild): Sieben Monate bei den Taliban Zur Großansicht
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"NYT"-Reporter David Rohde (l.) in Afghanistan (Archivbild): Sieben Monate bei den Taliban

Islamabad - Eigentlich wollte David Rohde nur drei Wochen in Afghanistan bleiben. Drei Wochen Recherche für ein Buch über die verpassten Chancen, das Land zu stabilisieren. Doch daraus wurden sieben Monate und zehn Tage in den Händen der Taliban. Eine Zeit, in der der Reporter der "New York Times" (NYT) immer wieder damit rechnete, umgebracht zu werden.

In dieser Zeit kam Rohde den Taliban so nahe wie kaum anderer westlicher Journalist zuvor. Er lernte seine manchmal freundlichen, meist aber feindseligen Bewacher kennen, sprach mit mehreren Kommandeuren und hörte ihre Vorwürfe gegenüber den USA.

Jetzt, vier Monate später, veröffentlicht Rohde in der "NYT" die Geschichte seiner Entführung in fünf Teilen. Sie beschreibt seinen Leidensweg und gibt einen Einblick in die Welt der Taliban. Rohde stützt sich auf Erinnerungen und auf Aufzeichnungen seiner Familie und seiner Kollegen, er selbst durfte sich damals keine Notizen machen.

"Dies ist keine Geschichte über David Rohde, es ist eine Geschichte über den Charakter, die Stärke und die Organisation jener Leute, die die Vereinigten Staaten in Afghanistan und Pakistan bekämpfen", wirbt "NYT"-Chefredakteur Bill Keller für die Serie.

Entführung in Helmand

Rohde war demnach Ende Oktober 2008 in die südliche Provinz Helmand gereist, wo die Taliban damals wieder an Einfluss gewannen und wo die Unterstützung in der Bevölkerung für die Radikalen nach damals sieben Jahren Anti-Terror-Krieg, nach vielen versehentlich getöteten Zivilisten, wuchs. Helmand galt als Musterbeispiel für die bisher vergeblichen Bemühungen des Westens, die Taliban dauerhaft mit Waffengewalt zu besiegen.

Rohde recherchierte zwei Wochen lang in dieser Region. Er wollte für sein Buch aber auch die Meinung der Taliban hören. Also reiste er am 9. November zurück nach Kabul, wo er den afghanischen Journalisten Tahir Luddin darum bat, ihm einen Gesprächspartner zu vermitteln. Tahir, der auch für die Londoner "Times" arbeitete, galt als Mann mit guten Kontakten zu den Taliban. Er arrangierte ein Treffen mit Abu Tayyeb, einem als gemäßigt geltenden Talib. Er habe ihn schon mal zusammen mit zwei anderen ausländischen Journalisten interviewt, zitiert Rohde den Kontaktmann.

Das Treffen sollte in der Provinz Logar stattfinden, eine Autostunde südlich der Hauptstadt. Asad Mangal, ein junger Afghane, sollte sie dorthin fahren. Gefährlicher als das Treffen mit Abu Tayyeb, merkte Tahir laut Rohde noch an, sei die Fahrt zum Treffpunkt.

Tatsächlich endete die Tour dramatisch. Mehrere Bewaffnete überwältigten die Männer und führten sie ihn ein Versteck. Sie wurden einem Mann vorgeführt: Es war Abu Tayyeb persönlich. Was folgte, beschreibt Rohde teils sehr pathetisch in knapp 20.000 Wörtern.

Die Taliban wittern ein hohes Lösegeld

Zu Tode verängstigt, beging Rohde, wie er einräumt, gleich zu Beginn den Fehler, seinen Entführern zu viel zu versprechen: Lebendig seien sie, die Geiseln, mehr wert als tot. In den folgenden Monaten bereute er diese Aussage bitter. Denn sofort wollte Abu Tayyeb wissen, was er denn für sie verlangen könne. Er witterte wohl ein Millionenlösegeld.

Seine Begleiter Tahir und Asad warfen ihm später vor, er sei ein Idiot, weil er den Preis so in die Höhe getrieben und damit die Erwartungen der Entführer vergrößert habe. Rohde rechtfertigt sich, er habe nur ihr und sein Leben retten wollen.

Nach einer Woche habe man ihn und seine Mitentführten in die pakistanische Provinz Waziristan verfrachtet, berichtet Rohde. Hier hatten die Taliban das Sagen. Insgesamt neunmal habe man sie verlegt, so Rohde. Von Miram Shah in Nord-Waziristan nach Makeen im Süden und wieder zurück.

Am 20. Juni gelang ihm gemeinsam mit dem Kontaktmann Tahir die Flucht. Asad, den Fahrer, ließen sie zurück. Laut Rohde, weil er sich angeblich zu sehr mit den Militanten verbunden hatte; einen früheren Fluchtversuch hat er nach Angaben des Reporters verraten. Erst als sie in einer Kaserne der pakistanischen Armee in Miram Shah ankamen, waren sie in Sicherheit.

Vorwurf der Naivität

"Nach sieben Jahren Arbeit als Reporter in der Region hatte ich nicht gänzlich verstanden, wie extremistisch manche Taliban geworden waren. Vor der Entführung betrachtete ich die Taliban als eine Art 'al-Qaida lite', als eine religiös motivierte Bewegung mit dem Ziel, Afghanistan zu kontrollieren", resümiert Rohde. In Gefangenschaft lernte er demnach, dass die Taliban ein viel größeres Ziel haben: ein fundamentalistisches islamisches Emirat, gegründet gemeinsam mit al-Qaida, das die gesamte muslimische Welt umfasst.

In Blogs werfen Kritiker ihm nun Naivität vor. Wieso erkennt er die Ambitionen der Taliban erst jetzt, fragt sich zum Beispiel Matthew Cooper in "The Atlantic". Man müsse doch kein Experte sein, um zu sehen, was die Extremisten vorhaben: den Export ihrer Ideologie in die ganze Welt, zumindest aber in die islamische.

Kritik entzündet sich vor allem daran, dass die "NYT" vorher nicht über die Geiselnahme berichtete. Beim Blog "Gawker" heißt es, man sei von einer Sprecherin der "NYT" angelogen worden. Diese habe behauptet, man habe um Zurückhaltung in der Berichterstattung gebeten, weil die Entführer andernfalls Rohde bedroht hätten. Selbst Wikipedia und al-Dschasira hielten sich an diese Bitte. Tatsächlich aber habe Rohde selbst keine Berichterstattung gewünscht, um seine Familie nicht zu beunruhigen, wie er jetzt schreibt.

"NYT"-Chefredakteur Keller begründet die Zurückhaltung in solchen Fällen allgemein damit, eventuelle Verhandlungen nicht gefährden zu wollen - und das Lösegeld nicht in die Höhe zu treiben. Ein solches Vorgehen, schreibt er in einem Blog, sei weltweit durchaus üblich.

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Forum - Ist der Krieg in Afghanistan noch zu gewinnen?
insgesamt 5036 Beiträge
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1.
Sumerer 12.09.2009
Zitat von sysopNach dem umstrittenen Bombereinsatz in Afghanistan steht nicht nur die Präsenz der Bundeswehr weiter in der Diskussion, auch der Auftrag der Nato wird kritisch gesehen. Wie kann des Engagement am Hindukusch noch zu einem Erfolg werden? Kann der Krieg in Afghanistan überhaupt noch gewonnen werden?
Ein Krieg ist dort nicht zu gewinnen. Was zu gewinnen wäre, ist die Bevölkerung Afghanistans. Wenn man sich nicht einig wird, wer hierzu alles zählt, wird weiter geschossen, letztendlich aber nichts gewonnen.
2.
ante84 12.09.2009
Zitat von sysopNach dem umstrittenen Bombereinsatz in Afghanistan steht nicht nur die Präsenz der Bundeswehr weiter in der Diskussion, auch der Auftrag der Nato wird kritisch gesehen. Wie kann des Engagement am Hindukusch noch zu einem Erfolg werden? Kann der Krieg in Afghanistan überhaupt noch gewonnen werden?
Soll er denn gewonnen werden?
3.
Orix 12.09.2009
Zitat von sysopNach dem umstrittenen Bombereinsatz in Afghanistan steht nicht nur die Präsenz der Bundeswehr weiter in der Diskussion, auch der Auftrag der Nato wird kritisch gesehen. Wie kann des Engagement am Hindukusch noch zu einem Erfolg werden? Kann der Krieg in Afghanistan überhaupt noch gewonnen werden?
Wenn man mal genau wüsste, was ist das Ziel ! Ein Herrschaft Karsais und seiner Sippe als Ziel, ist schon möglich.
4. Bundeswehr sofort abziehen !
sprecher/2 12.09.2009
NEIN ! Bundeswehr sofort abziehen, sollen die USA ihren Mist alleine auslöfeln. Da kann man zwischen Bevölkerung und Taliban doch nichts unterscheiden ! Ist auch nervig wenn wie hier im Forum solche Teilnehmer wie Michael Schnarch ewig für Kriegseinsätze plädieren !
5.
Klapperschlange 12.09.2009
Zitat von sysopNach dem umstrittenen Bombereinsatz in Afghanistan steht nicht nur die Präsenz der Bundeswehr weiter in der Diskussion, auch der Auftrag der Nato wird kritisch gesehen. Wie kann des Engagement am Hindukusch noch zu einem Erfolg werden? Kann der Krieg in Afghanistan überhaupt noch gewonnen werden?
Natürlich! Die sollen dort aufhören sich gegeneitig zu beschuldigen und mit dem Wattebällchen werfen aufhören und die vorhandenen Hightech-Waffen endlich einsetzen. Die machen dort mittlerweile die gleichen Fehler, wie in Vietnam. Die richtig guten Waffen blieben damals auch zu Hause und an der Front kämpfte Mann gegen Mann!
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Karzai und Afghanistan
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Hamid Karzai
AFP
Hamid Karzai ist der derzeit amtierende Präsident Afghanistans. Nach der ersten Phase des Afghanistan-Kriegs hatten ihn die USA und die Uno auf der Petersberger Afghanistan-Konferenz im Dezember 2001 als Regierungschef einer afghanischen Interimsregierung durchgesetzt. Die Loya Jirga wählte Karzai 2002 zum Präsidenten einer Übergangsregierung, und nach Verabschiedung einer neuen Verfassung bestimmten ihn die Afghanen 2005 in direkter Wahl zu ihrem Präsidenten. Durch den Einfluss der Warlords blieb Karzais Macht jedoch beschränkt. Zuletzt verlor er auch die Unterstützung der USA.

Hamid Karzai wurde 1957 in Kandahar geboren. Er gehört dem mächtigen Paschtunen-Stamm der Popalzai an, der mehrere afghanische Könige hervorbrachte. Karzai studierte in Indien und hielt sich immer wieder in den USA auf. Zusammen mit den Mudschahidin kämpfte er in den achtziger Jahren gegen die sowjetische Besetzung Afghanistans . Aus dem Exil in Pakistan unterstützte Karzai die Taliban zunächst, wandte sich dann aber gegen das Regime, dem auch die Ermordung seines Vaters zugeschrieben wird. Nach Beginn der amerikanischen Militäraktion in Afghanistan kehrte Karazi 2001 in seine Heimat zurück und stellte sich an die Spitze der Anti-Taliban-Bewegung in der Region Kandahar.

Präsidentschaftswahlen
dpa
Am 30. August 2009 wählten die Afghanen ihren neuen Präsidenten. Doch es kam zu massiven Fälschungen, insbesondere zugunsten Karzais. Die Auszählungsergebnisse in 210 Wahllokalen wurden anschließend für ungültig erklärt. Karzai, der sich zuvor als Sieger gesehen hatte, verfehlte nach dem um manipulierte Stimmen bereinigten Endergebnis die absolute Mehrheit: Er erreichte nur 49,67 Prozent der Stimmen.

Eine Stichwahl zwischen Karzai und Ex-Außenminister Abdullah Abdullah sollte die Entscheidung bringen. Doch der Herausforderer zog seine Kandidatur zurück mit der Begründung, es könne wie im ersten Durchgang erneut zu Unregelmäßigkeiten kommen. Die afghanische Wahlkommission rief Karzai daraufhin erneut zum Präsidenten aus.

Isaf-Einsatz
DDP
Nach Beginn des Afghanistan-Kriegs 2001 und dem Sturz der radikal-islamischen Taliban beschloss der Uno-Sicherheitsrat , eine internationale Schutztruppe im Land ( Isaf ) einzusetzen. Sie soll den Wiederaufbau Afghanistans zu einer Demokratie absichern, auch indem sie zivile Wiederaufbauteams (PRTs) schützt, von denen derzeit 26 tätig sind.

Der Einsatz war zunächst auf die Hauptstadt Kabul und deren Umgebung beschränkt und wurde bis 2006 auf das ganze Land ausgeweitet. Seit 2003 führt die Nato die Isaf. Derzeit gehören ihr mehr als 119.000 Soldaten aus 46 Nationen an, darunter auch aus Nicht-Nato-Staaten wie Australien und Neuseeland.
Deutschland übernahm 2006 das Isaf-Kommando für den Norden Afghanistans. 2007 bestellte die Bundeswehr sechs Aufklärungsflugzeuge vom Typ Tornado ab, die Luftbilder aus ganz Afghanistan für Isaf liefern. Die Bundesrepublik stellt derzeit mit mehr als 4000 Soldaten die drittgrößte Truppe nach den USA und Großbritannien.

Probleme in Afghanistan
AFP
Da die Taliban inzwischen wieder an Stärke gewonnen haben, nehmen die militärischen Auseinandersetzungen zu. Besonders hart umkämpft ist der Osten des Landes, wo die meisten US-Soldaten stationiert sind. Die schwer kontrollierbaren Stammesgebiete Pakistans gelten als Rückzugsgebiet und Nachschubbasis der Taliban.

Die Stabilisierung Afghanistans wird durch Korruption, die bis in höchste Regierungskreise verbreitet ist, sowie durch Drogenproduktion und -schmuggel erschwert.

Opium-Wirtschaft
REUTERS
Obgleich die afghanische Übergangsregierung unter Karzai im Januar 2002 den Schlafmohnanbau verboten hat, ist der Drogenanbau rasch wieder zum dominierenden Wirtschaftszweig Afghanistans geworden. Das Land ist der weltweit größte Produzent von Rohopium .

Mit Einnahmen aus dem Drogenschmuggel finanzieren die Taliban ihren Kampf gegen Karzais Regierung und die ausländischen Truppen. Die Bekämpfung ist problematisch, weil viele Menschen von dem Handel leben. Isaf -Soldaten sind inzwischen befugt, gegen Drogenhändler vorzugehen und Laboratorien zu zerstören, in denen Schlafmohn zu Opium verarbeitet wird.

Afghanistan-Krieg
REUTERS
Der Afghanistan-Krieg der USA und ihrer Verbündeten war die erste große militärische Reaktion auf die Terroranschläge vom 11. September 2001 . Er richtete sich sowohl gegen das Terrornetzwerk al-Qaida , das für die Anschläge verantwortlich gemacht wird, als auch gegen das seit Mitte der neunziger Jahre in Afghanistan herrschende islamisch-fundamentalistische Taliban -Regime.

Die Taliban wurden bezichtigt, Osama Bin Laden und andere hochrangige Mitglieder von al-Qaida zu unterstützen und zu beherbergen.

Die erste Kriegsphase endete mit dem Fall der Hauptstadt Kabul und der Provinzhauptstädte Kandahar und Kunduz im November und Dezember 2001. Auf der Petersberger Afghanistan-Konferenz im Dezember 2001 wurde eine Interimsregierung unter Präsident Hamid Karzai eingesetzt und die Einberufung einer verfassunggebenden Loya Jirga beschlossen. Gleichzeitig erteilte der Uno-Sicherheitsrat den Nato-Staaten und mehreren Partnerländern das Isaf -Mandat zur Unterstützung des Wiederaufbaus.