Obama-Besuch Berlin sucht den Superstar

Kurz winken vor dem Kanzleramt, freundlich lächeln mit Merkel - dann eilig abtauchen im Adlon: Zu Beginn seines Berlin-Besuchs bekamen nur wenige Fans Barack Obama zu sehen. Immerhin hat er sich gut mit der Kanzlerin unterhalten: sehr offen, sehr tief, in prima Atmosphäre, sagt ihr Sprecher.

Von und


Berlin - Bernd stemmt sich gegen die Obama-Mania. An seinem ranzigen blau-rosa-pinken Regenschirm baumeln Klarsichthüllen, in denen McCain-Schildchen stecken, daheim am Computer ausgedruckt. Bernd ist 63, sagt er, kommt aus Charlottenburg, sein Gesicht ziert ein weißer Vollbart - allerdings nur eine Seite, die andere ist blank rasiert. "Ich bin Anhänger der amerikanischen Nation", sagt Bernd, "und ich will, dass sie den besten Präsidenten bekommt, der zur Wahl steht."

Bernd ist ziemlich einsam an diesem Vormittag in Berlin vor Angela Merkels Amtssitz.

Rund hundert Schaulustige warten, um ihren Star zu sehen: Barack Obama, US-Senator aus Illinois und designierter Präsidentschaftskandidat der Demokraten, ist in der Stadt, und sein erster Termin führt ihn zur Kanzlerin. Pünktlich um elf, etwa eine Dreiviertelstunde nach der Landung der "Obama One" auf dem militärischen Teil des Flughafens Tegel, rauscht die Kolonne mit dem amerikanischen Hoffnungsträger heran.

Am Seiteneingang des Kanzleramtes wartet Christoph Heusgen, Merkels außenpolitischer Berater, auf den Gast. Als er kommt, winkt er seinen Fans vor der Regierungszentrale zu, ein paar Menschen rufen "Yes we can".

Drinnen begrüßt ihn die Kanzlerin, die Obama zum ersten Mal überhaupt trifft. "Welcome", sagt die CDU-Politikerin, sie freue sich auf eine "gute Diskussion". Obama legt der Kanzlerin die Hand auf die Schulter.

Der Fototermin gerät beinahe zur Farce: Nach gerade mal zehn Sekunden, heißt es später, habe der 46-Jährige sich schon von den Journalisten in der Sky-Lobby der Regierungszentrale abwenden wollen. Spontan rufen die Fotoreporter "Buh" und überzeugen den Senator und seine Gastgeberin, weitere 20 Sekunden zu posieren.

Dann zeigt Merkel Obama ihr Büro, tritt mit ihm auf den Balkon mit weitem Blick auf das Regierungsviertel. Unten vor dem Zaun kreischen die Menschen: "Da ist er!" Obama winkt, die Fans winken. Zwei junge Amerikaner tragen blaue T-Shirts mit dem Kampagnenlogo. Freiwillige aus dem Obama-Team seien sie, sagen die beiden. Eine Touristengruppe aus der Heimat spricht sie an: "Ist er da drin?" - "Ja, er ist gerade drin!"- "Konnte man ihn sehen?" - "Ja, und er hat allen gewunken!", ruft die Helferin jetzt ganz aufgeregt, ihre Stimme überschlägt sich fast: "Oh nein, habt ihr das etwa verpasst?"

Eine Gruppe von Schülerinnen und Schülern aus Bayern hat noch mehr Glück. Ausgerechnet an ihrem Besuchstag im Kanzleramt kommt Obama! Er habe ihnen im Gebäude zugewunken, ruft ein junges Mädchen aufgeregt, als sie später von einem Fernsehteam beim Verlassen des Kanzleramtes gefragt wird.

Andere reagieren gelassener: Ein Tourist aus der Nähe von Frankfurt, weiße Bermuda-Shorts, weiße Socken und Ledersandalen, gibt den wartenden Kamerateams geduldig Interviews. "Na, wenn wir schon mal hier sind, und der Obama auch, dann kann man sich das ja mal anschauen", sagt er, streicht sich über das bunte T-Shirt, das sich über dem Bauch wölbt und rückt den Strohhut auf dem Kopf zurecht.

Im Kanzleramt hinter ihm sitzt Merkel inzwischen mit Obama zusammen, mit dabei sind Dolmetscher, Berater Heusgen und Regierungssprecher Ulrich Wilhelm.

Wilhelm spricht später von einem "sehr offenen und in die Tiefe gehenden Gespräch in sehr guter Atmosphäre" - mit einem thematischen Rundumschlag. Vor allem ging es um die Außenpolitik: Iran, Afghanistan, Pakistan, der Nahe Osten, der nächste Nato-Gipfel. Auch der transatlantischen Wirtschaftspartnerschaft widmeten sich die beiden laut Wilhelm intensiv, genauso dem Klimaschutz und der Energiepolitik. Daneben habe man sich über die Entwicklung der Weltwirtschaft und die Notwendigkeit der internationalen Zusammenarbeit bei der Lösung globaler Fragen ausgetauscht. "Die Bundeskanzlerin und Senator Obama hoben ferner die große Bedeutung von engen und freundschaftlichen Beziehungen hervor", sagt Wilhelm.

Am Abend will Obama seine Botschaft vor Zehntausenden an der Siegessäule verkünden, und es ist absehbar, dass er dabei auch konkreter werden wird, als es Merkels Sprecher war: Nach Angaben seines Stabes wird Obama die Europäer zu mehr Einsatz im Anti-Terror-Kampf drängen. Der Senator werde Europa in seiner Rede am Abend auffordern, einen größeren Anteil an diesen Bemühungen zu tragen, sagte ein Obama-Mitarbeiter laut der Nachrichtenagentur Reuters.

Nach etwa einer Stunde kommt wieder Bewegung in den Fuhrpark neben der Regierungszentrale: Polizisten riegeln die Ausfahrt ab, an der sich noch immer Journalisten und Schaulustige drängen, um noch einmal einen Blick auf Obama zu erhaschen. Um etwa zehn vor zwölf senkt sich der Zaun, die Schranke öffnet sich. Dann dauert es weitere 20 Minuten, bis der Konvoi startet. Aus dem Fond eines schweren weißen SUV winkt Obama noch einmal kurz dem Spalier der Fans, dann braust er weiter Richtung Hotel Adlon.

Dort warten schon Hunderte seit Stunden rechts und links vor dem Eingang. Touristen in Sandalen, Einheimische mit Baseballmützen, Geschäftsleute in Anzug und Kostüm. Wenn Obama schon nicht am Brandenburger Tor reden darf - immerhin wird er nur wenige Meter davon nächtigen, eine Suite ist für ihn in dem Nobelhotel reserviert. Ein Hubschrauber erregt vor dem Hotel die Aufmerksamkeit seiner Fans, minutenlang kreist er über dem Hotel. "Da isser drin", sagt ein älterer Berliner Herr in Jeansjacke und zeigt nach oben. "Quatsch", der Grauhaarige mit Sonnenbrille neben ihm schüttelt den Kopf, "det is doch hier nicht die Tour de France". Immerhin, "dafür sind die hier nicht gedopt". So vertreibt man sich die Zeit.

Die Polizisten vor dem Adlon werden stundenlang beschäftigt, indem man sie eine Straßensperre abwechselnd zur einen Seite, dann wieder zur anderen Seite aufbauen lässt. Das Kennedy-Museum lässt rote und blaue Luftballons mit dem berühmten Berlin-Zitat von JFK verteilen. Nur die zwei US-Journalisten, die vom Brandenburger Tor in Richtung Hoteleingang schlendern, scheinen von der Aufregung unbeirrt - in den Händen die obligatorischen Kaffee-Pappbecher.

Der erste Obama-Vorbote ist ein Polizeimotorradfahrer. Dann noch einer, dann viele mehr, auch Polizeiwagen, etliche dunkle Limousinen, manche mit Blaulicht - und plötzlich ist Barack Obama zu sehen. Vielleicht für eine halbe Sekunde, in dem weißen SUV. Er lächelt und winkt, aber kaum einer bekommt es mit.

Viele der Wartenden verpassen den Moment, weil sie immer noch auf das Vorfahren Obamas hoffen. Doch so wie die anderen Fahrzeuge aus seinem Tross wird auch der SUV um das Adlon herumgelenkt, direkt zum Hintereingang.

Schwierig vor allem für die Fernsehreporter - sie brauchen Bilder. Also fragt das ZDF-Team ein kleines blondes Mädchen nach Obama. Das Gespräch gerät etwas zäh. Egal. "Los, da drüben sind noch mehr Kinder", sagt die Reporterin zu ihrem Kameramann. Und während draußen die Mittagssonne den Obama-Hype weiter anheizt, wird es dann plötzlich auch im Hotel hektisch: Ein Taxifahrer hat ein verdächtiges Paket abgegeben. Sprengstoffalarm wird ausgeben. Aber nur für kurze Zeit. Es handelte sich um eine harmlose Sendung, meldet die Polizei: Ein Obama-Fan habe ein Buch samt Rückumschlag abgegeben.

Mit der Bitte um eine persönliche Widmung.

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