Obama in Deutschland Fremde Freunde

Was ist bloß aus der alten Partnerschaft geworden? Die Bewunderung vieler Bundesbürger für die Ex-Schutzmacht USA ist Empörung und Besserwisserei gewichen. Deutsche und Amerikaner haben sich nicht mehr viel zu sagen.

Ein Debattenbeitrag von , Washington

Kanzlerin Merkel, Präsident Obama: Der Blick geht nach Westen
REUTERS

Kanzlerin Merkel, Präsident Obama: Der Blick geht nach Westen


Musik an Gate 35, Dutzende Leute schwenken kleine US-Papierfahnen. Ihr Applaus gilt den Senioren, die gerade das Flugzeug aus Wisconsin verlassen. Es sind Veteranen aus dem Zweiten Weltkrieg, die einst gegen Deutschland und Japan kämpften. Jetzt besuchen sie die US-Hauptstadt. Manche sind das erste Mal hier. So wie jener Mann, der mich, den zufälligen Zuschauer dieser Zeremonie, nun fragt, ob ich in Washington wohne.

"Ja, aber ich bin Deutscher", sage ich.

Darauf er: "Ich habe in Europa gekämpft."

Ich: "Wo genau?"

Er: "Ach, überall. Am Strand der Normandie, in den Ardennen, in Bayern, in Österreich."

Ich: "Sie haben uns befreit."

Er: "Großartig, dass Sie in Amerika sind!"

Das klingt ein bisschen kitschig? Egal. Mein Großvater hat ebenfalls an der Westfront gekämpft, aber eben auf der anderen Seite. Zum Abschied schließlich zieht der alte Mann einen Becher mit Früchtekompott aus der Jackentasche, den haben sie ihm im Flugzeug mitgegeben.

"Für Sie", sagt er, "Süßigkeiten, wie damals nach dem Krieg."

Manchmal wundere ich mich, warum die Amerikaner gerade uns Deutsche so mögen. Klar, der Krieg ist lange vorbei. Deutsche Produkte stehen hoch im Kurs, von Bier bis BMW. Und sogar, wer noch nie in Europa war, der findet zumindest, dass Berlin eine ziemlich phantastische Stadt sein müsse. Zu Deutschland hat hier jeder eine Meinung. Und die ist meist positiv. 55 Prozent der Amerikaner haben einen "ausgezeichneten oder guten" Eindruck von unserem Land, ergab eine Umfrage im Auftrag der deutschen Botschaft.

Komisch nur, dass es auf der anderen Seite so ganz anders aussieht. Beim Blick der Deutschen auf Amerika stehen "glühende Verehrung und abgrundtiefe Verachtung oft unversöhnlich nebeneinander", bemerkt der SPIEGEL.

Da schrieb etwa einerseits der Politikwissenschaftler und Amerika-Freund Ernst Fraenkel in den Sechzigern: "Das großartigste Kunstwerk, das die westliche Hemisphäre hervorgebracht hat, sind die Vereinigten Staaten von Amerika." Andererseits weiß heute jeder deutsche Stammtisch ganz genau, dass die Supermacht auf dem absteigenden Ast ist - schließlich wird dies seit 20 Jahren an eben diesem Stammtisch regelmäßig in fröhlicher Erwartung festgestellt. Rund die Hälfte der Bundesbürger betrachtet die USA als Gefahr für den Weltfrieden, wie Umfragen stets aufs Neue ergeben.

Waffenwahn und Autobahnraserei

Was ist da los? Hassliebe gegenüber dem großen Bruder? Während die Amerikaner uns nett finden und sich ansonsten nicht wirklich viele Gedanken über die Deutschen machen, scheinen wir auf sie fixiert, arbeiten uns regelrecht an ihnen ab. Und das ist mehr als Kritik. Das ist Heuchelei.

Wir witzeln über die vermeintlich ungebildete US-Bevölkerung, würden aber unheimlich gern an einer von Amerikas Top-Unis studieren. Wir finden die Amis kulturlos, schauen aber dieselben Filme, lesen dieselben Bücher, lachen über dieselben Witze. Wir lästern über die irrationalen Freiheiten der anderen (Waffenwahn), finden unsere aber ganz logisch (Autobahnraserei). Wir erregen uns über ihr Gottesgedöns, lassen unseren Staat aber eine Kirchensteuer eintreiben. Wir finden es ganz schlimm, dass die USA noch immer Führungsmacht sind, haben aber über die Alternativen China und Russland noch nicht so eingehend nachgedacht.

Und wenn die Amerikaner nichts gegen Syriens Diktator Assad unternehmen, dann sagen wir: Die lassen die Leute verrecken! Wenn die Amerikaner aber etwas gegen Assad unternehmen, sagen wir: Siehste, die machen wieder auf Weltmacht!

Wir finden uns ziemlich gut. Und die Amis ziemlich blöd.

Wer auf einer Party in den USA sagt, Deutschland sei super, der wird schnell Freunde finden. Wer dagegen auf einer Party in München, Köln oder Osnabrück sagt, Amerika sei echt klasse ... genau.

Allein für Barack Obama galt bisher die Ausnahme. Wären die Deutschen stimmberechtigt, sie hätten jedes Mal Obama gewählt. Mit einer Mehrheit, von der Angela Merkel nur träumen kann. Der US-Präsident verkörperte für viele Deutsche das Gute im ansonsten ach so schlimmen Amerika. Als der Wahlkämpfer Obama im Sommer 2008 vor der Siegessäule in Berlin sprach, da kamen 200.000 und jubelten.

Wenn der Präsident Obama an diesem Mittwoch vorm Brandenburger Tor redet, wird die Zuneigung der Deutschen abgekühlt sein. Denn in den letzten vier Jahren hat sich doch tatsächlich herausgestellt, dass der Mann mehr US-Präsident denn vermeintlicher Heilsbringer ist. Da leidet der Deutschen Liebe. Seit außerdem enthüllt wurde, dass Obamas National Security Agency (NSA) weltweit den Internetverkehr ausspäht - besonders stark ausgerechnet in Deutschland - dürften seine Zustimmungsraten zwischen Flensburg und Garmisch sinken. Die Schnüffelaktion ist ein Skandal, ohne Frage. Allerdings gilt auch in dieser Sache: Achtung, Heuchelei. Schließlich war es wohl die NSA, die deutsche Ermittler vor sechs Jahren überhaupt erst auf die Spur der sogenannten Sauerland-Gruppe brachte.

Wir haben uns vom Juniorpartner zum Besserwisser gewandelt. Vorbei die Zeiten, als die (West-)Deutschen John F. Kennedy applaudierten, der ihnen vor genau 50 Jahren seine ungeteilte Aufmerksamkeit zusicherte: "Ich bin ein Berliner." Hinzu kommt: Die Entfremdung der deutschen Bevölkerung gegenüber den USA korrespondiert mit der Abkehr der amerikanischen Eliten von Deutschland.

Dabei geht es keineswegs um jene lustigen Republikaner, die Europa für "sozialistisch" und "gottlos" halten. Es geht um Obama selbst, der keine emotionale Verbindung zum alten Kontinent hat und sich als "ersten pazifischen Präsidenten" bezeichnet. Asien ist die Zukunft für Amerika, der Blick geht nach Westen. Wie der - wenn auch ärgerliche - Blick der Deutschen.

So können sich die Blicke nicht treffen.

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Forum - Barack Obama: Der verlorene Freund?
insgesamt 571 Beiträge
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gandhiforever 09.06.2013
1. Natuerlich gibt es diese Vision noch
Dafuer arbeitet man doch in Afghanistan zusammen. Ihre Bundeskanzlerin distanziert sich ja auch nicht von meinem Praesidenten, sie macht brav, was er moechte. Wie es beim jeweiligen Volk aussieht, ist natuerlich eine andre Frage.
pcpero 09.06.2013
2. in visio veritas
Zitat von sysopDie Enthüllung des US-Überwachungsprogramms Prism ist nur ein weiterer Schritt der Entfremdung von den USA und Deutschland. Auch der zunehmende Fokus beider Länder auf Ostasien verändert die Leitlinien der politischen Ausrichtung. Gibt es noch eine gemeinsame Vision über die wichtigsten Fragen der Zukunft zwischen den USA und Deutschland?
Natürlich gibt es die zitierte Vision noch: von Nostalgikern der Alkten Welt vllt.. Aber durch die bewusste Blockbildung europäischer Administrationen, Deutschland an vorderster Front, hat sich natürlich eine gemeinsame Ausrichtung entzweit, und die USA lassen sich eben selbstbewusst die butter nicht vom Brot nehmen. Der Schnitt ins eigene Fleisch der USE ist vorprogrammiert, und Zurückrudern wirkt kindisch!
W. Robert 11.06.2013
3. American Dream
Warum wurde Kennedy in Deutschland als Held gefeiert, und warum ist man inzwischen von Obama so maßlos enttäuscht? Ich denke, in der Epoche Kennedys war man noch felsenfest davon überzeugt, es tatsächlich mit dem „mächtigsten Mann des Westens“ zu tun zu haben. Das war natürlich eine Illusion. Schon Eisenhower konnte sich nicht mehr gegen das Phänomen durchsetzen, das er den militärisch industriellen Komplex nannte. Dass seine Befugnisse zur Richtliniengestaltung auch sehr begrenzt waren, musste Kennedy feststellen, als er die Währungshoheit dem privaten Bankenkartell entziehen wollte. In einer naiven Vorstellung von Politik dachten viele Deutsche, dass ein Präsident Obama irgend etwas an der Agenda der Think Tanks, Geheimdienste und Bankenelite ändern könnte oder wollte. Aber die Weltpolitik geht genauso weiter wie zu Zeiten seines Vorgängers. Die Welt befindet sich wieder mitten im kalten Krieg, und der gesamte Westen wird durch die Gier der US-Elite bis zu einem Punkt ausgesaugt, an dem der Lebensstandard unter das russische Niveau sinkt. Mir ist jedenfalls nicht bekannt, dass in Russland 42 Millionen Bürger von Essensmarken leben müssten. Die USA haben sich durch den Patriot Act in einen autoritären Polizeistaat verwandelt, und das weltweite Ansehen ist ruiniert. Der US-Kongress ist weitgehend entmachtet, und ein verselbstständigter Geheimdienst und Privatarmeen erinnern eher an eine Orwellsche Dystopie als an einen demokratischen Staat. Die Umwandlung zum Polizeistaat in den USA ist abgeschlossen, und jetzt zeigt die NSA stolz was sie alles kann. Die Message ist deutlich: Big Brother passt auf, und der Bürger besser auch. Es warten viele schöne neue Privatknäste auf Kundschaft, und einer der zwölf Geheimdienste ist bestimmt in jeder Neighbourhood präsent. Auch die neue Öffentlichkeit über Bilderberg schlägt in die selbe Kerbe: Schaut her, wir sind eure neuen Vorgesetzten, und für irgendwelche Gegenmaßnahmen ist es längst zu spät. Obama ist ein Zyniker, und erinnert zusehends an einen unseriösen Gebrauchtwagenverkäufer, der mittels Rhetorik jede Gurke als Premium-Limo verkaufen will. Die Demokratie im Westen wird zunehmend zur Farce, und im moslemischen Raum verzichtet man längst auf die Einforderung demokratischer und säkularer Prinzipien. Zunehmend macht sich auch ein latenter und undifferenzierter Anti-Amerikanismus breit, was natürlich in der Auswirkung höchstens den US-Mittelstand und den Kulturaustausch schädigt. Um es klar zu formulieren: Wir wollen hier keinen Polizeistaat nach US-Muster, und auch kein von Bankstern ruiniertes Europa. Das sollte man in der Debatte etwas deutlicher artikulieren.
hjm 11.06.2013
4.
Zitat von W. RobertWarum wurde Kennedy in Deutschland als Held gefeiert, und warum ist man inzwischen von Obama so maßlos enttäuscht? Ich denke, in der Epoche Kennedys war man noch felsenfest davon überzeugt, es tatsächlich mit dem „mächtigsten Mann des Westens“ zu tun zu haben. Das war natürlich eine Illusion. Schon Eisenhower konnte sich nicht mehr gegen das Phänomen durchsetzen, das er den militärisch industriellen Komplex nannte. Dass seine Befugnisse zur Richtliniengestaltung auch sehr begrenzt waren, musste Kennedy feststellen, als er die Währungshoheit dem privaten Bankenkartell entziehen wollte. In einer naiven Vorstellung von Politik dachten viele Deutsche, dass ein Präsident Obama irgend etwas an der Agenda der Think Tanks, Geheimdienste und Bankenelite ändern könnte oder wollte. Aber die Weltpolitik geht genauso weiter wie zu Zeiten seines Vorgängers. Die Welt befindet sich wieder mitten im kalten Krieg, und der gesamte Westen wird durch die Gier der US-Elite bis zu einem Punkt ausgesaugt, an dem der Lebensstandard unter das russische Niveau sinkt. Mir ist jedenfalls nicht bekannt, dass in Russland 42 Millionen Bürger von Essensmarken leben müssten. Die USA haben sich durch den Patriot Act in einen autoritären Polizeistaat verwandelt, und das weltweite Ansehen ist ruiniert. Der US-Kongress ist weitgehend entmachtet, und ein verselbstständigter Geheimdienst und Privatarmeen erinnern eher an eine Orwellsche Dystopie als an einen demokratischen Staat. Die Umwandlung zum Polizeistaat in den USA ist abgeschlossen, und jetzt zeigt die NSA stolz was sie alles kann. Die Message ist deutlich: Big Brother passt auf, und der Bürger besser auch. Es warten viele schöne neue Privatknäste auf Kundschaft, und einer der zwölf Geheimdienste ist bestimmt in jeder Neighbourhood präsent. Auch die neue Öffentlichkeit über Bilderberg schlägt in die selbe Kerbe: Schaut her, wir sind eure neuen Vorgesetzten, und für irgendwelche Gegenmaßnahmen ist es längst zu spät. Obama ist ein Zyniker, und erinnert zusehends an einen unseriösen Gebrauchtwagenverkäufer, der mittels Rhetorik jede Gurke als Premium-Limo verkaufen will. Die Demokratie im Westen wird zunehmend zur Farce, und im moslemischen Raum verzichtet man längst auf die Einforderung demokratischer und säkularer Prinzipien. Zunehmend macht sich auch ein latenter und undifferenzierter Anti-Amerikanismus breit, was natürlich in der Auswirkung höchstens den US-Mittelstand und den Kulturaustausch schädigt. Um es klar zu formulieren: Wir wollen hier keinen Polizeistaat nach US-Muster, und auch kein von Bankstern ruiniertes Europa. Das sollte man in der Debatte etwas deutlicher artikulieren.
Leider wird „hier“ gerade vor allem eins laut und deutlich formuliert: Wir wollen kein (vereinigtes) Europa, das seine kulturellen, wirtschaftlichen und politischen Werte als solches in der Welt vertritt, sondern lieber wieder zurück zu einem unkoordinierten Laden von Kleinstaaten, die dann alle wieder „souverän“ ihre eigenen Interessen verfolgen können. Das hat dann zwar zur Folge, dass jeder dieser Kleinstaaten zum wirtschaftlichen Spielball Chinas, zum politischen Spielball Amerikas und zum kulturellen Spielball des Islam wird. Aber das ist dann eben der Preis, den man dafür zahlen muss, dass man seine Währung nicht mit Griechenland teilen muss, seine Arbeitsplätze nicht mit Rumänien und seine Asylanten nicht mit Italien.
rolandbayer 12.06.2013
5. der lack ist ab
an diesem präsidenten, der sich offensichtlich mit allen mitteln gegen den "untergang des amerikanischen imperiums" stemmt, das, wie damals rom, bis über alle maßen verschuldet ist. offensichtlich gemacht durch sog. "geheimnisverräter", die vielleicht einfach nur den vergangenen werten, z. b. freiheit, der usa verpflichtet sind, findet hier eine "ausdehnung der kampfzone" in form von weltweiter digitaler totalüberwachung statt. dafür werden anscheinend noch gelder / kredite flüssig gemacht. es wird höchste zeit, daß obama den ihm nicht gebührenden Friedensnobelpreis zurückgibt. facebooknutzer sollten zuckerberg mit einem bergvon shitstorm eindecken, googler, youtuber, appler,... söllten erkennen, wie sie veräppelt wurden und reagieren... das gegenteil von geheimnisverräter ist geheimniskrämer, die sehr wohlverschwörungspraktiker sind.
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