Von Andreas Lorenz, Peking
Sie sind die mächtigsten Männer der Welt und könnten unterschiedlicher nicht sein: US-Präsident Barack Obama und sein chinesischer Amtskollege Hu Jintao sind sich bei mehreren Gipfeln bereits begegnet, ein bis zwei Mal im Monat telefonieren sie miteinander. Anfang nächster Woche reist der Amerikaner zu einem Staatsbesuch nach Shanghai und Peking. Zwei Mal wird er dort mit Hu zusammentreffen, der zugleich Chef der Kommunistischen Partei ist.
Für Obama ist China Neuland: Noch nie in seinem Leben war er dort, obwohl er sogar familiäre Bindungen im Land hat: Sein Halbbruder Mark Ototh Obama Ndesandjo lebt seit geraumer Zeit als Musiker und Geschäftsmann in Shenzhen, der Millionenmetropole gegenüber Hongkong. Gerade hat er eine Autobiografie veröffentlicht: "Nairobi to Shenzhen".
Es dürfte ein spannender Besuch werden, auch wenn keine weltbewegenden Beschlüsse gefasst werden. Allenfalls ein "Rahmenabkommen", wie beide Staaten ihre künftigen Beziehungen gestalten wollen, ist in der Diskussion.
Diplomaten beider Seiten halten es für wenig wahrscheinlich, dass sich Obama und Hu auf detaillierte Ziele beim Kampf gegen die Klimaerwärmung einigen. Die Chinesen fordern von der reicheren Industriemacht Amerika, mit konkreten Selbstverpflichtungen voranzugehen.
Noch streiten sich die Unterhändler, ob es nach der Visite nur eine "Gemeinsame Erklärung" geben wird oder ein "Kommuniqué", noch ist auch nicht klar, vor welchem Publikum Obama sprechen wird, wenn er in Shanghai bei einem "Town Hall Meeting" Kontakt zum Volk sucht.
Dissidenten und unbequeme Geister sind unerwünscht
Nur eins steht fest: Peking bestimmt allein, wer zu den Empfängen und offiziellen Essen kommen darf. Die Funktionäre wollen verhindern, dass die Amerikaner Dissidenten und andere unbequeme Personen einladen.
"Es gibt keinen Zweifel über die Bedeutung von Obamas erstem Besuch für die chinesisch-amerikanischen Beziehungen seit seiner Amtsübernahme im Januar", schreibt die englischsprachige KP-Zeitung "Global Times". Ein "neuer Grad" in den Beziehungen solle mit der Obama-Visite erreicht werden, streuen Pekings Diplomaten. Obama selbst spricht von einer "Strategischen Partnerschaft" mit China.
Abgesehen von den gestanzten Formeln der Diplomatie: Noch nie waren die beiden Mächte so aufeinander angewiesen wie in dieser Zeit. Ohne billige chinesische Importe ging es den Amerikanern schlecht, und wenn die Chinesen nicht US-Staatsanleihen kauften, könnte Washington seine Schulden nicht finanzieren. US-Schatzbriefe im Wert von 797,1 Milliarden Dollar besaß Peking im März dieses Jahres. Ohne den amerikanischen Markt und amerikanische Investitionen wiederum ginge es den Chinesen nicht so gut wie heute.
McDonald's und Kentucky Fried Chicken, Valentinstag und NBA-Basketball-Liga - Amerikas Alltagskultur ist längst in China angekommen. In den staatlichen Buchläden liegt die ins Chinesische übersetzte Autobiografie von Obama, und Chinesinnen diskutieren, ob Michelle Obama besser angezogen ist als Madame Bruni, die Gattin des französischen Präsidenten Nicolas Sarkozy.
Chinas Funktionäre wollen von Obama politische Zusicherungen
Die Chinesen wollen die Gelegenheit nutzen, Obama zu einer vernünftigen Währungs- und Wirtschaftspolitik zu drängen. Wenn der Dollar an Wert verliert, schrumpft auch ihr Vermögen. Washington dagegen hält Pekings Finanzpolitik für unverantwortlich: Da die Regierung den Wechselkurs des Yuan künstlich niedrig halte, erschwere sie den Import amerikanischer Waren nach China, argumentieren sie.
Peking wiederum fürchtet, die Amerikaner könnten in Zeiten von Krise und Arbeitslosigkeit ihren Markt abschotten. Schon belegten sie in den vergangenen Wochen bestimmte Autoreifen und Stahlrohe aus China mit hohen Zöllen.
Und Chinas Funktionäre wollen politische Zusicherungen: Obama soll eindeutig erklären, dass Tibet "unverbrüchlicher" Teil Chinas ist. Damit könne er beweisen, dass die Amerikaner die "territoriale Souveränität" Chinas anerkennen. Obama dürfte damit keine Probleme haben: Washington hat nie bestritten, dass das "Land des Schnees" zur Volksrepublik gehört. Gleichwohl dürfte der US-Präsident auf seinem Recht beharren, den in Peking verhassten Dalai Lama zu empfangen, wann immer er will
Längst haben die Amerikaner erkannt, wie wichtig China im neuen Weltgefüge geworden ist. "Es ist schwer zu fassen, wie wir oder wie China ohne Zusammenarbeit unsere jeweiligen Ziele in wichtigen Fragen - sei es Klimawandel, wirtschaftliche Erholung oder die Nichtverbreitung von Atomwaffen - erreichen können", erklärte Obama, bevor er sich nach Asien aufmachte.
So braucht Washington zum Beispiel Pekings Unterstützung, Iraner wie Nordkoreaner von ihren jeweiligen Atomprogrammen abzubringen. "Ohne chinesische Hilfe kommen wir nicht voran", sagt Jeffrey Bader vom Nationalen Sicherheitsrat in Washington. Die Amerikaner wollten die Pekinger als "globalen Partner", ergänzt David Shambaugh, renommierter China-Spezialist und Experte für Außenpolitik der George-Washington-Universität.
Gleichwohl beäugen sich die Giganten misstrauisch. Das Pentagon verfolgt skeptisch, wie China seine Armee, vor allem die Marine, aufrüstet. Womöglich hegen die Chinesen, so der Verdacht, doch nicht so friedliche Absichten wie sie immer beteuern.
Obamas heikle Mission: Bloß kein erhobener Zeigefinger
Aufsehen erregte in den vergangenen Tagen eine neue Formulierung, die sich der stellvertretende Außenminister James Steinberg für das Verhältnis mit China ausdachte: "Strategische Rückversicherung". Wenn Washington und seine Alliierten die Chinesen als "wohlhabende und erfolgreiche Macht" auf der internationalen Bühne begrüßen, müssen die im Gegenzug der Welt immer wieder beweisen, dass ihre "wachsende globale Rolle nicht auf Kosten der Sicherheit und des Wohlstandes anderer" geschehe.
Diese Maxime hat in Chinas Regierungszentrale Zhongnanhai Unruhe ausgelöst. Ohnehin argwöhnen viele Funktionäre, dass die Amerikaner hinter all ihren süßen Worten von "Partnerschaft" nur ein Ziel verbergen: China in seinem "friedfertigen Aufstieg" zu behindern und ihm ein demokratisches System aufdrängen zu wollen.
Ob Obama die Chinesen an diesen zwei Tagen für sich einnehmen kann, wird sich zeigen. Kommt er paternalistisch mit erhobenen Zeigefinger daher so wie manche seiner Vorgänger, dürfte er schnell Sympathien verspielen. Seine "Popularität in China hängt von seinen Taten ab und nicht von seinen Worten", schrieb die "Global Times".
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